ABSTIMMUNG: Abstimmung zur erleichterten Einbürgerung: Eine gegen 67

Yvette Estermann profitierte selber von der erleichterten Einbürgerung. Davon sollen auch andere Ausländer profitieren können, findet sie. In der SVP steht sie mit dieser Haltung alleine da.

Kari Kälin
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Für Estermann bedeutete der Erhalt der Schweizer Staatsbürgerschaft auch eine Verantwortung. (Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 13. Januar 2017))

Für Estermann bedeutete der Erhalt der Schweizer Staatsbürgerschaft auch eine Verantwortung. (Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 13. Januar 2017))

Kari Kälin

Im aktuellen NZZ-Parlamentarierrating ist sie die Frau, die am weitesten rechts politisiert. Bei der nächsten Volksabstimmung unterstützt Yvette Estermann aber ein Anliegen, das von links stammt: Die erleichterte Einbürgerung der dritten Ausländergeneration. In der SVP findet sich die Luzerner Nationalrätin in einer Exotenrolle wieder. Im Parlament stimmte sie als einzige Vertreterin ihrer Partei für die Vorlage. Das fraktionsinterne Resultat in der Schlussabstimmung: eins zu 67. Einen Rüffel habe sie für ihr Ausscheren nicht kassiert, sagt die 49-Jährige. Bei der SVP gebe es keinen Fraktionszwang.

Kurz vor der Volksabstimmung vom 12. Februar nimmt man Estermanns Sololauf in einem ausländerpolitischen Dossier parteiintern nicht mehr ganz so gelassen. «Ich kann nicht nachvollziehen, dass sie in einem SVP-Kernthema von der Partei­linie abweicht», sagt der Luzerner Nationalrat und Vizefraktionschef Felix Müri. Der Schweizer Pass sei der letzte Schritt zu einer erfolgreicheren Integration. «Es ist falsch, die Hürden zu senken.»

Offensiv verkündet Estermann ihre Position nicht, ihr Name erscheint in keinem Pro-Komitee. «Aber wenn ich gefragt werde, sage ich meine Meinung.»

Matchentscheidend ist für Estermann, dass nicht die Kriterien für die Integration aufgeweicht werden, sondern nur das Verfahren verschlankt wird. Die Werte der Bundesverfassung, das Beherrschen einer Landessprache, eine solide wirtschaftliche Basis, das Respektieren der Gleichberechtigung von Mann und Frau: Diese Voraussetzungen müssen auch die rund 25 000 in der Schweiz lebenden Drittgeneratiönler mitbringen, welche die Kriterien für eine erleichterte Einbürgerung erfüllen. Der Weg über die ordentliche Einbürgerung dauert länger und ist teurer. Federführend sind Kantone und Gemeinden. Bei der erleichterten Einbürgerung hingegen ist der Bund zuständig. Diese Möglichkeit steht derzeit zum Beispiel Ehegatten offen. Davon profitierte auch Estermann, als sie 1999, sechs Jahren nach Ankunft in der Schweiz, den roten Pass erhielt. Estermanns Haltung in der Einbürgerungsfrage erklärte sich denn auch zu einem grossen Teil aus ihrer eigenen Biografie. 1993 zog sie von der Slowakei nach Kriens, sie eröffnete eine Arztpraxis und trat im Jahr 2000 Jahr der SVP bei.

Lob von linker Seite

Für Estermann bedeutete der Erhalt der Schweizer Staatsbürgerschaft auch eine Verantwortung. «Ich wurde hier gut aufgenommen und fühlte mich verpflichtet, mich für das Gemeinwesen zu engagieren», sagt sie. Lange verlief der Abstimmungskampf flau. Nun hat ihn ein Komitee um Andreas Glarner doch noch angeheizt. Mit einer vollverschleierten Frau warnt der Aargauer SVP-Nationalrat vor «unkontrollierter Einbürgerung». «Inhaltlich ist es falsch, werbetechnisch aber gelungen», sagt Estermann. Empört ist sie nicht, sie habe schmunzeln müssen. Mit Humor hat auch Ada Marra, Waadtländer SP-Nationalrätin und politische Urheberin der erleichterten Einbürgerung, auf die Provokation reagiert. Sie bietet 2000 Franken Finderlohn für jene, die unter Drittgeneratiönlern eine Burkaträgerin entdecken. Estermanns Engagement lobt sie: «In der SVP braucht es Mut, bei einem Ausländerthema der Parteidoktrin zu widersprechen.»