Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

ABSTIMMUNG: Altersvorsorge: Das Ringen um den Generationenvertrag

Das Stimmvolk entscheidet über die Reform der Altersvorsorg e. Die Schweiz ist nicht das einzige Land, das ein demografisches Problem hat. Wie versuchen andere westliche Staaten die Altersvorsorge zu sich ern? Und wie gehen sie mit der heiklen Frage des Rentenalters um?
Tobias Gafafer
Pensionierte auf Sizilien: Das Rentenalter wird in Italien bis 2019 auf 67 erhöht. (Bild: S. Lubenow/Look (Gela, Sizilien, 21. März 2011))

Pensionierte auf Sizilien: Das Rentenalter wird in Italien bis 2019 auf 67 erhöht. (Bild: S. Lubenow/Look (Gela, Sizilien, 21. März 2011))

Tobias Gafafer

Die Rentenreform, die im September zur Abstimmung kommt, ist eine komplexe und wichtige Vorlage. Dass die Altersvorsorge reformiert werden muss, bestreitet angesichts der demografischen Entwicklung kaum jemand. Umstritten bleibt, ob die vom Parlament im März verabschiedete Vorlage der richtige Weg ist. Diese umfasst die Erhöhung des Frauenrentenalters auf 65 Jahre, die Senkung des Mindestumwandlungssatzes in der beruflichen Vorsorge von 6,8 auf 6,0 Prozent sowie eine Erhöhung der Mehrwertsteuer und der Beiträge für die AHV und die zweite Säule. 20 Jahrgänge bis 1973 sollen bei der Pensionierung von einer Besitzstandwahrung profitieren. Für alle Neurentner wird zudem die AHV um 70 Franken pro Monat und der AHV-Plafonds von 150 auf 155 Prozent erhöht. Von den grösseren Parteien stehen die CVP, die SP und die Grünen hinter der Reform, während FDP und SVP diese ablehnen. Linke Gruppierungen haben zudem erfolgreich das Referendum ergriffen. Nun stimmt das Volk über die ­Reform und die höhere Mehrwertsteuer ab. Diese ist gescheitert, wenn es zu einer der zwei Vorlagen Nein sagt.

Nicht Teil der aktuellen Reform ist eine generelle Erhöhung des Rentenalters, wie sie andere westliche Länder eingeführt haben oder planen. Der Nationalrat sprach sich zwar für eine Schuldenbremse aus, die das Rentenalter mittelfristig schrittweise maximal auf 67 erhöht hätte, wenn die AHV in Schieflage gerät; doch der Ständerat lehnte dies ab.

Frankreich: Explosive Unterfinanzierung

Ungleichgewicht  François Hollande mag während seiner fünfjährigen Präsidialzeit nicht besonders viel geleistet haben – auf eine stolze Rente hat der Ex-Staatschef allemal Anspruch. Mehr als 15 000 Euro im Monat beträgt sie, wenn man die Beiträge aus früheren Mandaten aufsummiert. Im Elysée-Palast hatte der Ex-Staatschef weniger als 13 000 Euro verdient.

Sein Fall zeigt exemplarisch auf, warum das französische Rentensystem aus den Fugen gerät. Als 62-Jähriger geht Hollande bereits in Rente, verdient aber mehr als während seiner Arbeitszeit. Zum französischen Savoir-vivre gehört es eben, dass man sich nach geleisteter Lebensarbeit bequem in den Schaukelstuhl zurücklehnen darf. Während die meisten europäischen Staaten beim Rentenalter 65 angelangt sind, bleibt Frankreich bei 62 Jahren. Viele Berufe, gerade im öffentlichen Sektor, etwa die Eisenbahner, kennen sogar ein Rentenalter von 60 Jahren oder früher. Dass in der Schweiz vor allem Romands gegen die Erhöhung des AHV-Alters für Frauen sind, hat zweifellos mit der Nähe zu dieser sehr französischen Einstellung zu tun.

Pensionierte verdienen mehr als Erwerbstätige

Der Fall Hollande illustriert noch etwas: So unglaublich es klingen mag, kommen die französischen Rentner im Schnitt auf höhere Bezüge als die mehrheitlich erwerbstätige Gesamtbevölkerung. Zählt man nämlich alle Einkünfte der drei Säulen zusammen, beziehen die über 65-jährigen Franzosen 103 Prozent eines Durchschnittseinkommens, wie die OECD kürzlich ausgerechnet hat. Das alles geht natürlich ins Geld. Frankreichs Rentensystem verschlingt über 14 Prozent des Bruttoinlandproduktes, gegenüber 8,2 Prozent im OECD-Schnitt. Trotz steigender Abzüge bleibt die Altersversicherung – die in Frankreich fast vollständig auf dem Umlageverfahren beruht – chronisch defizitär. Nicht weniger als 36 Prozent der Renten müssen durch die normalen Steuern finanziert werden.

Erhöhung des Rentenalters bleibt tabu

Das Problem ist politisch äusserst brisant. Der 2016 verstorbene Ex-Premierminister Michel Rocard sagte einmal, das Rentenloch berge genug Zündstoff, um «fünf Regierungen in die Luft zu jagen». 2010 konnte Präsident Nicolas Sarkozy das Rentenalter wegen massiver Strassenproteste nur von 60 auf 62 Jahre erhöhen. Hollande versuchte es 2013 durch die Hintertür, indem er die Zahl der Beitragsjahre für eine Vollrente auf 43 Jahre erhöhte. Das Rentenalter selbst blieb ein Tabu. Auch Macron wagt es nicht zu erhöhen. Also versucht er die wahlpolitisch wichtigen «retraités» (Rentner) indirekt zur Kasse zu bitten, indem er die Sozialsteuer CSG erhöht und Arbeitseinkommen entlastet. Fazit aus eidgenössischer Sicht: Vergleicht man die Rentensituation in Frankreich und der Schweiz, wirken die Probleme der AHV geradezu geringfügig. Ob die Regierung in Bern aber auch mehr Reformmut aufbringt als in Paris – das müssen am 24. September die Stimmbürger entscheiden.

Stefan Brändle, Paris

Italien: Reform  beendet die «Dolce Vita»

Umbau  Es war die einschneidendste Reform der letzten Jahrzehnte: Als die Regierung des Wirtschaftsprofessors Mario Monti wenige Wochen nach Amtsantritt im November 2011 im Rahmen des Sanierungspakets «Rettet Italien» eine Neuordnung des Rentensystems verabschiedete, wurde die bisher herrschende «Dolce Vita» der Altersversorgung in Italien brüsk und radikal beendet. Lag das durchschnittliche Renteneintrittsalter zuvor bei etwa 60 Jahren, lautete das Fernziel plötzlich: Rente mit 70.

Das Rentenalter für Männer wurde sofort auf 66 Jahre angehoben, jenes der Frauen auf 62. Inzwischen ist das Eintrittsalter für Frauen fast demjenigen der Männer angeglichen worden. Bis 2019 wird für beide Geschlechter Rentenalter 67 gelten. Weitere Erhöhungen werden durch die automatische Anpassung an die steigende Lebenserwartung erfolgen; damit wird es in den kommenden Jahren auf bis zu 70 Jahre steigen. Beschleunigt hat Monti auch die schon von der Regierung Dini 1995 beschlossene, aber nur teilweise umgesetzte Umstellung vom kostspieligen Leistungs- auf das Beitragsprimat.

Ausgaben gingen um 7 Prozentpunkte zurück

Montis Reform hat Früchte getragen: Machten die Renten 2011 noch 32 Prozent der Staatsausgaben aus, sind es heute weniger als 25 Prozent. Das ist im Vergleich zu den OECD-Ländern immer noch relativ viel, obwohl 63 Prozent der ausbezahlten Renten unter 750 Euro pro Monat liegen und die Minimalrente mit 501.89 Euro auch nicht gerade üppig ausfällt. Das Problem sind die zahlreichen, zum Teil noch relativ jungen Rentner, die vor dem Inkrafttreten der Monti-Reform in Pension gegangen sind. Alitalia-Piloten konnten damals mit 45 Jahren in Rente gehen.

Regierung Renzi hat Bedingungen gelockert

Dank hoher Lohnabzüge ist das Rentensystem solide finanziert. Doch es besteht die Gefahr, dass das Rad der Reformen zurückgedreht wird: Bereits die Regierung von Matteo Renzi hat die verschärften Bedingungen für die Frühpensionierungen gelockert, und die aktuelle Regierung von Paolo Gentiloni sucht nach einer «Exit-Strategie», um die nach 2019 drohende Erhöhung des Rentenalters auf über 67 Jahre zu verhindern. Werde dies nicht durch eine entsprechende Rentenkürzung ausgeglichen, drohe bis 2035 ein Loch von 140 Milliarden Euro, warnte kürzlich der Chef der staatlichen Rentenversicherung.

Die grösste Schwäche des Systems ist das Fehlen einer robusten zweiten Säule. Die berufliche Vorsorge besteht darin, dass die Unternehmen einen Teil des Lohns einbehalten, der am Ende des Arbeitsverhältnisses ausbezahlt wird. Das «Trattamento di fine rapporto» (TFR) beträgt in der Regel mehrere zehntausend Euro und wird in einem Mal ausbezahlt. Ist es einmal weg, muss die staatliche Rente reichen. Seit 2007 dürfen die Arbeitnehmer zwar entscheiden, ob sie das TFR der Firma anvertrauen oder in eine Pensionskasse einzahlen. Von der Option Pensionskasse machen aber nur wenige Gebrauch.

Dominik Straub, Rom

Dänemark: Beste Altersvorsorge der Welt

Vorreiter  In Sachen Pension macht man Dänemark nicht so schnell etwas vor. So jedenfalls sehen das australische Wissenschafter, die jedes Jahr mit dem Beratungsunternehmen Mercer eine Rangliste der besten Altersvorsorgen erstellen. Seit fünf Jahren steht Dänemark an der Spitze; zuletzt erhielt es zusammen mit den Niederlanden als einziges Land die Bestnote A sowie über 80 von 100 Punkten. Die Schweiz ist auf Rang 6 mit 68 Punkten, in einer Gruppe mit der Note B, zu der Schweden, Finnland, Kanada und Chile gehören.

Der «Mercer-Index» vergleicht Rentenleistungen, Finanzierung und Verständlichkeit der Rentensysteme. Die Analyse macht keine Aussagen über den Lebensstandard von Senioren; auch auf die Qualität des Gesundheitssystems oder Eigenheiten der Sozialversicherungen geht sie nicht ein. Dennoch gilt der Vergleich von 27 Ländern als umfassendster seiner Art.

Robustes System dank vier Säulen

Dänemark verdient sich den ersten Platz mit einem «robusten» Rentensystem aus vier Säulen: ein Mix aus Volkspension (AHV), einer obligatorischen Pensionskassenstiftung, an Tarifverträge oder den Arbeitgeber geknüpfte Pensionskassen sowie individuellen Vorsorgelösungen. Positiv werden zudem die im Verhältnis zu den Löhnen hohen Beiträge sowie grosse Pensionsvermögen vermerkt. Und dass die Politik zuletzt erfolgreich Anreize zu mehr individueller Altersvorsorge geschaffen hat; die Verantwortung eines kollektiven Rentensystems wie der Schweizer AHV sinkt deshalb. Dies führe zu einem stabileren System, heisst es im Mercer-Index, doch müsse dieser Trend sich fortsetzen, empfehlen die Experten. Zudem sei eine höhere Beschäftigungsquote der Senioren nötig.

Automatischer Anstieg des Pensionsalters

Reformen des Rentensystems und heftige Debatten darüber sind trotz Bestnote auch in Dänemark alltäglich. Grundlage der heutigen Situation ist ein radikaler Beschluss von 2006: Damals einigten sich alle wichtigen Parteien auf ein System, das das Rentenalter an die Lebenserwartung knüpft, wobei alle fünf Jahre neu reguliert wird. Ab 2019 beginnt die schrittweise Erhöhung des heutigen Rentenalters 65 – bis die Dänen 2022 bis 67 arbeiten müssen. 2030 ist es bereits 68, die Entwicklung ist nach oben offen. Im Durchschnitt soll das Pensioniertenleben 14,5 Jahre dauern. Heute sind es allerdings 18 Jahre. Der liberale Regierungschef Lars Lökke wollte deshalb eine Beschleunigung des Anstiegs durchsetzen: 2025 sollte die Pensionierung erst mit 67,5 statt mit 67 erreicht werden. Das halbe Jahr Unterschied machte politisch viel aus; der funktionierende Konsens stiess an Grenzen. Gewerkschaften, Sozialdemokraten und Rechtspopulisten machten erfolgreich mobil dagegen. Damit ist der Vorschlag vorerst vom Tisch. Stattdessen wurde ein Paket beschlossen, das motivieren soll, länger auf dem Arbeitsmarkt zu bleiben. Dazu gehören punktuelle Steuererleichterungen, neue Sparmöglichkeiten und die Kürzung von Sozialleistungen für Einwanderer.

Niels Anner, Kopenhagen

Deutschland: Rentenalter ist Wahlkampfthema

Drei-Säulen-Prinzip  Wie auch in der Schweiz basiert das deutsche Rentensystem auf einem Drei-Säulen-Prinzip. Es gibt die gesetzliche Rentenversicherung, die betriebliche Altersvorsorge sowie eine rein private Vorsorge. Die gesetzliche Rentenversicherung ist Pflicht und beruht auf einem Umlageverfahren. Der Versicherungsbetrag ist zu gleichen Teilen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern zu tragen und ist abhängig von der Höhe des Einkommens. Der Betrag wird direkt vom Bruttogehalt abgezogen und fliesst in die deutsche Rentenversicherungskasse.

Der Beitragssatz in die gesetzliche Rente beträgt 18,7 Prozent, der je zur Hälfte vom Arbeitgeber und vom Arbeitnehmer bezahlt wird. Das Rentenniveau beträgt derzeit rund 48 Prozent. In Zahlen: 2016 verdienten die Deutschen durchschnittlich 30000 Euro pro Jahr, die durchschnittliche Rente lag bei 14300 Euro jährlich.

Pension mit freiwilligen Beiträgen aufbessern

Die Rentenleistung können Erwerbstätige auch durch Einzahlung in die betriebliche Altersvorsorge verbessern, allerdings bieten dieses freiwillige Modell nicht alle Firmen an. Je nach Einkommen und einem mit dem Arbeitgeber vereinbarten Vertrag wird vom Gehalt eine bestimmte Summe abgezogen, die ebenfalls in die Rentenversicherung fliesst.

Der Staat leistet zudem Anreize, damit Versicherer freiwillig auf privater Basis in eine dritte Säule einbezahlen. Unter anderem kann die Höhe des einbezahlten Betrags teilweise von der Steuer abgezogen werden. Das Renteneintrittsalter in Deutschland liegt bei 65 Jahren. Die Durchschnittsrente in den alten Bundesländern war (Stand 2015) 1230 Euro, in den neuen Bundesländern im Osten 1217 Euro. Allerdings erreicht diese Rentenhöhe nur jemand, der mindestens 45 Jahre lang die Mindesthöhe in die Rentenversicherung einbezahlt hat. Daher liegt der Rentensatz für viele Versicherte effektiv rund 200 Euro pro Monat tiefer. Seit 2014 besteht zudem die Möglichkeit, dass Arbeitgeber nach 45 Beitragsjahren im Alter von 63 Jahren abschlagsfrei in die Pension gehen können.

Bundesbank will Eintrittsalter auf 69 Jahre erhöhen

Bedingt durch den demografischen Wandel wird das Renteneintrittsalter in Deutschland von heute 65 schrittweise bis ins Jahr 2029 auf 67 erhöht. Die Bundesbank hat wegen der höheren Lebenserwartung nun vorgeschlagen, das Eintrittsalter ab 2030 schrittweise auf 69 Jahre zu erhöhen.

Vor allem die SPD geht im anstehenden Bundestagswahlkampf gegen eine Erhöhung des Eintrittsalters vor. Die Sozialdemokraten fordern zudem, dass der Beitragssatz in die gesetzliche Rente bis 2030 auf 22 Prozent des Gehaltes begrenzt wird. Zudem will die SPD das Rentenniveau von mindestens 48 Prozent weiterhin garantieren. Nach heutigem Recht darf das Rentenniveau bis 2030 auf 43 Prozent sinken. Das heisst, dass der Anspruch aus der gesetzlichen Rente sinken dürfte.

Christoph Reichmuth, Berlin

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.