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ABSTIMMUNG: Das sind die Wortführer der Vollgeld-Initiative

Sie werden als Marxisten und Idealisten beschimpft, weil sie das Schweizer Geldsystem ändern wollen. Wer sind die Wortführer der Vollgeld-Initiative?
Andrea Tedeschi
Kann nur einen kurzen Moment daheim durchatmen: Raffael Wüthrich, einer der beiden Sprecher der Vollgeld-Initiative. (Bild: Pius Amrein (Bolligen, 4. Mai 2018))

Kann nur einen kurzen Moment daheim durchatmen: Raffael Wüthrich, einer der beiden Sprecher der Vollgeld-Initiative. (Bild: Pius Amrein (Bolligen, 4. Mai 2018))

Andrea Tedeschi

Kaum hat man ihn begrüsst, kommt er zum Thema. Am Vorabend habe er in der Nationalbank einen Vortrag gehört, sagt Reinhold Harringer, einer der beiden Sprecher der Vollgeld-Initiative. Was Präsident Thomas Jordan gesagt habe, «das stimmt einfach nicht». Er habe in der Fragerunde am Schluss nur zwei oder drei Sätze sagen können, regt er sich auf. Dabei hätte er viel mehr zu ergänzen gehabt. «Die Gegner sollen die Informationen vollständig darstellen und nicht die sehr zentralen Fakten einfach auslassen.» Harringer steht auf dem Zürcher Paradeplatz, trägt Bart, kariertes Hemd, randlose Brille. Der 68-Jährige hat am Text zur Vollgeld-Initiative mitgewirkt, ist Volkswirt und prägt den Abstimmungskampf mit dem um die Hälfte jüngeren Raffael Wüthrich.

Man kann sich darauf verlassen: Wenn sich die Vollgeld-Initianten überhört, missverstanden oder falsch wiedergegeben fühlen, werden sie laut, wollen berichtigen, wirken aufdringlich. Sie müssen auch eine anspruchsvolle Vorlage erklären. Vereinfacht gesagt, will sie, dass das Bankensystem nachhaltig verbessert, für die Kunden sicherer wird und einzig die Nationalbank Geld schaffen darf. So wie viele Bürger es heute schon annehmen. Doch bei den meisten hört das Verständnis schon beim Wort Vollgeld auf.

Ihm geht es nicht um Zahlen

Es bleiben knapp vier Wochen, bis das Schweizer Stimmvolk am 10. Juni über die Vorlage abstimmt. 35 Prozent wollen ihr zustimmen, sagt eine SRG-Umfrage vor zehn Tagen. 16 Prozent sind noch unentschlossen. Zu wenig für einen Sieg, zu viel, um die Hoffnung aufzugeben. Die Initianten schreiben Leserbriefe, decken Journalisten mit langen E-Mails ein, schleichen sich in Pressekonferenzen des Bundesrats, korrigieren die Argumente der Gegner, bevor die Gegner ihre Argumente vortragen können. Kurz: Sie gehen vielen auf die Nerven. «Natürlich kann jemand dagegen sein, aber einfach nichts Unwahres behaupten», sagt Harringer, er sitzt inzwischen im Café Sprüngli am Zürcher Paradeplatz.

Die Vollgeld-Idee hat viele gegen sich: Keine Partei unterstützt sie, Banken und Wirtschaftsvertreter kritisieren sie als riskantes Experiment, bezeichnen die Initianten als Exoten. Es ist für Harringer darum eine Genugtuung, dass laut SRG-Umfrage 59 Prozent der Bevölkerung trotzdem finden, das heutige Bankensystem brauche eine Korrektur. Es ist für ihn unbegreiflich, dass sich 650 von 750 Schweizer Ökonomen in einer Umfrage des Westschweizer Fernsehens nicht zum Vollgeldsystem geäussert hatten. «Geld ist zentral für unser Wirtschaftssystem», sagt Harringer. «Und so viele Ökonomen haben keine Meinung dazu?» Er schliesst daraus, dass viele von ihnen «das Geldsystem nicht verstehen». Klingt das nicht etwas überheblich? Er überlegt und sagt: «Ja, das stimmt, das könnte so rüberkommen.»

So energisch, wie er und seine Mitstreiter auftreten, hätte man eine andere Reaktion erwartet. Harringer ist ein gmögiger Typ, einer, der Selbstkritik äussert und noch besser zuhören als reden kann. Ist der Ökonom ein Kommunist, wie Gegner die Initianten schimpfen? «Ich? Nein!», sagt er, der parteilos ist. «Der Kapitalismus ist super in der Produktion, aber wir müssen die Güter noch besser verteilen.» Das kapitalistische System abschaffen, das will er nicht, das sei eine Idee von linken Träumern. Ihn beschäftigt mehr, wie alle von einem System profitieren können, das nach Wachstum und Gewinn strebt. Die Antwort ist für ihn die Vollgeld-Initiative, weil mit ihr das Geldsystem der Allgemeinheit dient – und nicht wie heute umgekehrt. Harringer studierte an der HSG in St. Gallen Aussenwirtschaftspolitik und Entwicklungsländer, ein Spezialgebiet der Volkswirtschaft, heiratete mit 25 Jahren, wurde Vater, stieg in der Finanzverwaltung der Stadt St. Gallen ein, die er später über 20 Jahre lang leitete. «Mir ist es nie um Zahlen gegangen», sagt er, sondern um Beziehungen zwischen Menschen. Es sei ein Irrtum, dass ein Finanzverwalter nur Geld verwalte. Vielmehr gehe es darum, Orte zu unterstützen, die Menschen zusammenbrächten: Tagesstätten, Sportzentren, Kleintheater. Privat gründete er die Zeitbörse, ein System, das der Übermacht des Geldes entgegenwirken soll: Menschen tauschen eine Stunde Arbeitsleistung gegen eine andere. Vor sieben Jahren ging er in Pension, trotzdem ist er vom Geld nicht losgekommen. Er wäre mit Jahrgang 1950 ein typischer 68er. Doch anders als ihm manche unterstellen, «bin und war ich nie für Revolutionen zu haben». Er wolle in kleinen Schritten vorangehen, sagt Harringer und steht auf. Das nächste Interview wartet.

Vom Kapitalist zum Aktivist

Gleicher Tag, anderer Ort: Vom gleichen Interview trifft Raffael Wüthrich, der zweite Initiativsprecher, später bei sich zu Hause ein. Er ist spät dran. «Es ist viel grad», entschuldigt er sich, drückt einen Anruf weg. Er lebt mit Frau und Tochter in Bolligen bei Bern in einer Wohngemeinschaft. Mit den acht weiteren Mitbewohnern teilen sie sich ein Herrenhaus mit Umschwung und ein Bankkonto. Vor der Haustür liegen Kisten mit Rüebli, Petersilienwurzeln und Zwiebeln – alles Bio. Der eloquente Berner gehörte 2011 zu jenen Linksalternativen, die auf dem Zürcher Lindenhof als Occupy Paradeplatz gegen die Banken protestierten. Als Vertreter der Bewegung wetterte er im SRF-«Club» gegen das Bankensystem. «Ich bin überhaupt kein Feind der Banken oder der Banker», sagt er. Es könne aber nicht sein, dass der Steuerzahler die Banken retten müsse, so wie die UBS im 2008. Als Folge wurden die Bankenvorschriften etwa an das Eigenkapital erhöht, die Einlagensicherung gestärkt, um Kundengelder besser zu schützen. Das geht den Initianten aber zu wenig weit. Das funktioniere gut in einer «Schönwetterlage» wie jetzt, sagte Wüthrich in der Sendung «Arena», nicht aber in einer neuen Finanzkrise.

Wüthrich führte mal ein Leben, das er mit dem eines Kapitalisten vergleicht: Er fuhr im Geschäft einen Audi, nutzte eine Wohnung im schicken Zürcher Kreis 6 und hatte eine in Interlaken. «Ich war unglücklich und merkte, dass ich kein Karrieretyp bin», sagt er auf der grossen Terrasse, in der Ferne das Berner Münster. Er fiel in eine Midlife-Crisis, kündigte seinen gut bezahlten Job in der Kommunikation eines Medienverlags, übernahm ein Geschäft für Massanzüge. Er hatte nun mehr Zeit, konnte viel lesen, zum Beispiel Sachbücher mit Titeln wie «Die 5-Stunden-Woche», «Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft» oder «Befreiung vom Überfluss». Er stellte Ungleichheiten im Bankensystem fest. Ist er ein Idealist geworden? Er sagt es so: «Ich habe meine Überzeugungen und bin immer wieder erstaunt, wie wenig sie andere Menschen haben.»

Er trägt eine markante Brille und ockerfarbene Hosen. Normalerweise arbeitet der 32-Jährige als Projektleiter in der Stiftung für Konsumentenschutz. Aktuell ist er für die Initiative unterwegs. Er redet lange darüber, dass er an der Hochschule für Wirtschaft Journalismus und Kommunikation studierte, später als Video-Journalist bei Keystone innert kurzer Zeit fünf von sieben Bundesräten interviewte und sehr viele CEOs. Er sagt es nicht ohne Stolz, es will nicht recht zum ­Klagenden passen. Länger redet er über die Probleme unserer Gesellschaft. «Sie werden immer grösser», sagt er und zählt auf: Klimawandel, abnehmende Biodiversität, mehr Burn-outs, hohe Suizidraten. Hört man ihm zu, bekommt man ein düsteres Bild dieser Welt. Ist es wirklich so schlimm? Er widerspricht, es gebe sehr viel Positives, gerade in der Schweiz. Er muss weiter, am Abend am Piano mit seiner Funk-Rock-Jazz-Band «Major B.» auftreten. So viel Freizeit muss sein. Ihm und Reinhold Harringer bleiben ein Monat, den Bürgern den Kern ihrer Idee zu erklären. Sie wollen nicht ruhen. Man wird von ihnen hören.

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