ABSTIMMUNG: Firmen verzichten auf den Drohfinger

Würden namhafte Firmen die Schweiz bei einem Ja zur 1:12-Initiative verlassen? Eine Umfrage zeigt: Die Töne sind anders als noch bei der Abzockerinitiative.

Kari Kälin
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Der Hamburger ist eines der Aushängeschilder der Befürworter. Die Gegner setzen derweil auf schlichtes Schwarz-Weiss. (Bild: Keystone)

Der Hamburger ist eines der Aushängeschilder der Befürworter. Die Gegner setzen derweil auf schlichtes Schwarz-Weiss. (Bild: Keystone)

«Dann müssten wir uns ganz klar die Frage stellen, ob die Schweiz noch weiterhin der richtige Standort ist für uns.» Mit diesen dramatischen Worten liess sich Nestlé-Präsident Peter Brabeck im Jahr 2009 in der Sonntagspresse zitieren. Vier Jahre später und im Hinblick auf die Abstimmung zur 1:12-Initiative sagt er gegenüber der «Handelszeitung»: «Wir drohen nicht mit Auswandern.»

Heinz Karrer übt Zurückhaltung

Damit liegt Brabeck auf der Linie, die der neue Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer vorgibt. «Drohen ist das Dümmste, was man machen kann.» Namhafte Schweizer Firmen, die von der 1:12-Initiative betroffen wären, scheinen diese Lösung verinnerlicht zu haben. Eine Umfrage von unserer Zeitung bei 27 Unternehmen, zu denen die Gewerkschaft Travailsuisse jährlich eine Studie zur Lohnschere publiziert, zeigt: Wegen der Juso-Initiative verkündet keine einzige Firma explizit Abwanderungspläne. Auf die entsprechende Frage, die man einfach mit «Ja» oder «Nein» hätte beantworten können, reagierten die meisten Firmen mit allgemeinen Aussagen wie: «Die Initiative würde dem Wirtschaftsstandort Schweiz schaden.»

Nachwehen von Economiesuisse

Die Zurückhaltung kommt nicht von ungefähr. Kurz nach dem Ja zur Abzockerinitiative im März sagte der damalige Economiesuisse-Präsident Rudolf Wehrli, er habe Kenntnis von Firmen, die ihren Sitz ins Ausland verlegen wollten. Das Votum wurde als Drohung interpretiert, Wehrli musste harsche Kritik einstecken und trat später als Präsident zurück.

1,5 Millarden zum Umverteilen

Bei 1000 bis 1300 Schweizern ist die Lohnschere grösser als 1:12. Zu diesem Ergebnis kommt die Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich in einer neulich publizierten Studie. Die Lohnsumme, die über der 1:12-Spannbreite liegt, beläuft sich auf 1,5 Milliarden Franken. So viel Geld könnten die Unternehmen theoretisch an Angestellte mit einem tieferen Salär auszahlen, wenn das Volk der Juso-Initiative zustimmt.

Die Juso ist überzeugt, dass ihr Lohndeckel tatsächlich zu einer Umverteilung von oben nach unten führt. Der Bundesrat hingegen ist überzeugt, dass «diese Erwartungen enttäuscht werden dürften».