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ABSTIMMUNG: «Unterhaltung gehört zum Service public»

Für Generaldirektor Roger de Weck ist die SRG der einzige Garant für qualitativ gutes Fernsehen. Zum Service public zählt er auch Unterhaltungssendungen. Er sagt, weshalb sie wichtig für den Zusammenhalt der Schweiz sind.
Interview Dominic Wirth und Roger Braun
SRG-Generaldirektor Roger François Philippe de Weck (61), fotografiert Anfang Mai in einem Sitzungszimmer im Hauptbahnhof Zürich. (Bild: Ex-Press/Lucian Hunziker)

SRG-Generaldirektor Roger François Philippe de Weck (61), fotografiert Anfang Mai in einem Sitzungszimmer im Hauptbahnhof Zürich. (Bild: Ex-Press/Lucian Hunziker)

Herr de Weck, wir sind überrascht, dass Sie bereit sind, mit uns über die SRG zu reden.

Roger de Weck: Wieso?

In der Abstimmungskampagne zum neuen Radio- und Fernsehgesetz reden vor allem die Gegner über die SRG, um das Gesetz abzuschiessen. Spielen Sie da den Gegnern nicht in die Karten, wenn Sie es zulassen, dass die SRG zum Hauptthema wird, währenddem es ja eigentlich um ein neues Gebührenmodell geht?

De Weck: In der Tat, am 14. Juni entscheiden die Bürgerinnen und Bürger, ob sie das neue oder das alte Gebührensystem besser finden (siehe Box). Doch seit je tausche ich mich gern mit den Gebührenzahlern über die Arbeit der SRG aus: Sie sind die Besitzer der SRG.

Die SRG ist das grösste Medienhaus der Schweiz. Sie macht einen Umsatz von rund 1,6 Milliarden Franken. Drei Viertel davon bezahlen die Gebührenpflichtigen. Ist die SRG nicht zu gross?

De Weck: In der Schweiz ist sie gross. Klein ist sie im Verhältnis zu ihren Konkurrenten, die im Ausland sind. Sendungen, die das breite Publikum erreichen und sich im Wettbewerb mit den deutschen Kanälen oder Netflix behaupten, kosten auf dem Schweizer Markt mehr Geld, als sie mit Werbung einspielen können.

Schweizer Zeitungsverlage sind der gleichen internationalen Konkurrenz ausgesetzt. Dort geht es auch ohne staatlich verordnete Gebührengelder.

De Weck: Nein, ausländische Kanäle kontrollieren 60 Prozent des Fernsehmarkts, während der Zeitungsmarkt in Schweizer Hand ist. Und Fernsehsendungen sind ungleich aufwendiger als Zeitungsartikel. Bei der SRG arbeiten allein 1800 Softwarespezialisten und Techniker. Das Fernsehen hat extrem hohe Fixkosten. Das heisst, der Grossteil der Kosten fällt sowieso an, ganz egal, ob Sie zwei oder sechs Millionen Zuschauer haben. Es ist deshalb illusorisch zu glauben, dass es in der Schweiz mehrere Sender auf dem Niveau der SRG geben kann. Es braucht eine gewisse Grösse, um qualitativ gutes Fernsehen zu machen.

Tatsache ist doch, dass man das nie probiert hat. Seit es Fernsehen in der Schweiz gibt, ist die SRG so gross, dass die Konkurrenz keine Chance hat, ein gutes Angebot zu entwickeln.

De Weck: 90 bis 95 Prozent unserer Sendungen wären für private Medienhäuser ein Verlustgeschäft. Informationssendungen auf dem Niveau von «Tagesschau» oder «Echo der Zeit» wären für Private unrentabel. Selbst auf dem grossen deutschen Markt bieten RTL oder Sat1 kaum Information – dafür Boulevard pur. Kommerzielles TV ist immer Boulevard-TV. Warum? Wer mit einem Minimum an Aufwand das Maximum an Publikum erreichen will, der macht Boulevard.

Kein Wunder, haben sich die deutschen Privatsender auf seichte Inhalte spezialisiert. Schliesslich halten die öffentlichen Sender ARD und ZDF das Terrain für Information besetzt. Nochmals: Würde sich die SRG zurückziehen, gäbe es endlich Luft für ein privates Angebot an Informationssendungen.

De Weck: Ich bleibe dabei: Wenn es die SRG nicht gäbe, hätten wir ein, zwei Boulevard-Kanäle ähnlich wie 3+. Dann hiesse es vorwiegend «jung, wild & sexy» und «Der Bachelor» statt «Tagesschau» oder «Kulturplatz».

Die Tagesschau hat täglich gegen 700 000 Zuschauer. Das zeigt doch, dass es einen Markt für Schweizer News gibt.

De Weck: Auf kommerzieller Basis wäre es eine Rumpftagesschau mit viel Unfällen und Verbrechen, die nicht den Hauch der Qualität der heutigen Tagesschau hätte. Der Deutschschweizer Markt ist viel zu klein, um mit einer Tagesschau Geld zu verdienen. Der erfolgreiche Gründer des kleinen Kanals 3+, Dominik Kaiser, rühmt sich, es cleverer gemacht zu haben als seine gescheiterten Vorgänger: indem er komplett auf Information verzichtete.

Angenommen das stimmt für Informationssendungen, wieso konzentriert sich die SRG nicht darauf? Tatsache ist, dass 38 Prozent des Fernsehbudgets in die Unterhaltung und in den Sport fliessen.

De Weck: Auch Unterhaltungssendungen tragen zum Schweizer Zusammenhalt bei. Denken Sie an «SRF bi de Lüt». Wir gehen zum Beispiel nach Wil und porträtieren die Stadt, so dass die übrige Schweiz ein Gefühl für diese wunderschöne Ortschaft erhält. «SRF bi de Lüt» sorgt auf populäre Weise dafür, dass sich Eidgenossen etwas näherkommen. Und bei Sportübertragungen vibrieren Schweizer aller Kulturen gemeinsam. Die Deutschschweizer, Romands, Tessiner und Rätoromanen leben zu oft aneinander vorbei. Unterhaltung gehört zum Service public, das hält selbst die Bundesverfassung fest.

Wäre es nicht sinnvoller, die SRG würde sich auf Information und Bildung konzentrieren, und die Privaten würden Unterhaltung anbieten?

De Weck: Nein, denn auch Unterhaltungssendungen rentieren nicht. 3+ produziert die beliebte Sendung «Bauer, ledig, sucht ...». Sie kostet 150 000 Franken pro Abend. Selbst bei einem hohen Marktanteil könnte 3+ diese Summe nicht einspielen. Die Show ist ein Verlustgeschäft. Oder nehmen Sie unsere Kultserie «Der Bestatter». Wir produzieren sie extrem günstig, aber auch so kostet die Minute 10 000 Franken. Ohne Gebührengelder würde in der Schweiz die audiovisuelle Produktion völlig einbrechen, erst recht die von guter Qualität.

Zählen Sie die Promi-Sendung «Glanz und Gloria» zum guten Fernsehen?

De Weck: Fernsehunterhaltung gibt es, seit es Fernsehen gibt. Weltweit findet sich kein TV-Sender, der das breite Publikum unter Verzicht auf Unterhaltung erreicht.

Damit bestimmt faktisch die SRG dar­über, was zum Service public gehört. Und alle zahlen mit – auch jene, die diese Inhalte nicht konsumieren. ­Nehmen wir zum Beispiel die Radiosender. Nicht weniger als 17 gibt es. Das ist doch ausufernd!

De Weck: Wären wir ein einsprachiges Land, gäbe es einen Drittel der Sender. Unser Leistungsauftrag führt alle Radio- und Fernsehsender auf, die wir betreiben. Den kann man ändern. Die heftigsten Gegner des neuen Gebührensystems denken zum Beispiel laut darüber nach, Radio SRF3 einzustellen oder für Spiele der Champions League die Zuschauer separat bezahlen zu lassen. Da erinnere ich an meinen Vorgänger, der das Volksmusikradio Musikwelle schliessen wollte. Es gab einen grossen Aufschrei. Am lautesten empörten sich dabei jene Politiker, die sonst die SRG abbauen möchten.

Wieso ist es nötig, dass die SRG einen Radiosender mit Popmusik betreibt?

De Weck: Radio Swiss Pop ist der einzige werbefreie Popsender und läuft in unzähligen Läden und Werkstätten in allen vier Landesteilen. Unter uns: Wenn dieser Sender, der jährlich 500 000 Franken kostet, Ihr einziger Kritikpunkt am Service public ist, kann ich damit leben.

Es geht ums Generelle. Müsste man nicht intensiver debattieren, welche Angebote die SRG bereitstellen soll?

De Weck: Ich freue mich über diese Frage: Im Umbruch der Medien gibt es allenthalben Umbau, also Abbau und Ausbau. Schon lange ist es unser Anliegen zu erklären, wie unsere Branche funktioniert. Das stiess bis vor kurzem auf wenig Interesse. Vielleicht weil wir von den Wünschen eines Grossteils der Bevölkerung nicht so weit entfernt sind. Jede Woche nutzen 96 Prozent der Menschen im Lande unser Angebot.

Gleichzeitig wächst die SRG stetig. Die Gebühren sind innerhalb von 25 Jahren von 279 auf 462 Franken gestiegen. Selbst unter Berücksichtigung der Inflation ist das ein Wachstum von 38 Prozent. Ist die SRG damit nicht viel zu gross geworden?

De Weck: Seit 2000 gab es keine Gebührenerhöhung zu Gunsten der SRG. 2003 kam die Erhöhung den Bezügern von Ergänzungsleistungen zugute, 2007 den privaten Radio- und Fernsehsendern. Und jetzt soll die Gebühr von 450 auf 400 Franken sinken.

Und die markanten Erhöhungen in früheren Jahren?

De Weck: Wollen wir aufs Geburtsjahr meines Grossvaters zurückgehen? Ein Blick 15 Jahre zurück ist ein Blick fast in die digitale Urgeschichte; weiter zurück ist wenig aufschlussreich.

Wäre es nicht angezeigt, zuerst Grösse und Leistungsauftrag der SRG zu definieren, bevor man eine obligatorische Radio- und TV-Abgabe einführt?

De Weck: Egal, ob die SRG künftig mehr oder weniger leisten muss, ob sie dafür mehr oder weniger Geld erhält: Das neue Gebührensystem ist klar besser. Es ist anwendbar für jeden künftigen Leistungsauftrag der SRG. Ich freue mich, wenn sich möglichst viele Bürgerinnen und Bürger an dieser Service-public-Debatte beteiligen. Am 14. Juni aber entscheidet das Volk nicht über den Service public, sondern über das neue System zur Finanzierung der SRG und von 34 privaten Sendern.

Interview Dominic Wirth und Roger Braun

«Die Gebühr wird sinken»

Urnengang fa. Am 14. Juni stimmen die Schweizerinnen und Schweizer über das Radio- und Fernsehgesetz ab. Folgende Gründe sprechen nach Meinung von SRG-Generaldirektor Roger de Weck für die Vorlage:

  • «Radio, Autoradio oder Fernseher, aber auch Computer, Tablet und Smartphone: Heute hat fast jeder Haushalt ein Empfangsgerät – deshalb der Wechsel von der Gerätegebühr zur einfachen, kostengünstigeren Haushaltsgebühr. Die Billag erhält weniger Geld, Billag-Kontrollen gibts nicht mehr. Und für die allermeisten Haushalte sinkt die Gebühr von 450 auf 400 Franken. Wer im Altersheim, Pflegeheim oder Studentenhaus wohnt, zahlt nichts mehr. Inhaber von Zweitwohnungen zahlen nicht mehr doppelt. Wer kein Empfangsgerät hat, bleibt bis 2023 von der Gebühr befreit.»
  • «Firmen mit weniger als 500 000 Franken Umsatz zahlen nichts. Mit 500 000 bis eine Million Umsatz zahlen sie weniger: 400 statt 600 Franken. 84 Prozent der Firmen fahren besser. Und da die Gebühr vom mehrwertsteuerpflichtigen Umsatz abhängt, sind Branchen wie Landwirtschaft, Gesundheit, Bildung oder Tourismus entlastet. Gastrosuisse befürwortet das Gesetz.»
  • «Im neuen System bringt die Wirtschaft 15 Prozent der Gebühren auf, die Haushalte 85 Prozent. Das neue System ist fairer: Künftig gibt es keine Schwarznutzer mehr. Die Gebühr wird sinken. Und nicht wieder steigen.»

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