ABSTURZ: Schweizer Luftwaffe verliert dritten F/A-18-Kampfjet

Keine zwei Jahre nach dem Absturz am Lopper verliert die Schweizer Armee wieder eine F/A-18. Der Pilot konnte sich retten. Doch die Kampfjetflotte ist weiter geschrumpft.

Eva Novak
Merken
Drucken
Teilen
Die Überreste des abgestürzten F/A-18 auf dem Gebiet der Gemeinde Glamondans in Frankreich. Der Pilot konnte sich per Schleudersitz retten. (Bild: Keystone / Jean-Christophe Bott)

Die Überreste des abgestürzten F/A-18 auf dem Gebiet der Gemeinde Glamondans in Frankreich. Der Pilot konnte sich per Schleudersitz retten. (Bild: Keystone / Jean-Christophe Bott)

Hoch über dem französischen Jura unweit der Schweizer Grenze: Drei Kampfjets der schweizerischen Luftwaffe, geleitet durch französische Offiziere, üben den Luftkampf. Ein mit einer Übungslenkwaffe ausgerüsteter F/A-18 Hornet nimmt zwei Tiger F-5 ins Visier. Um 11.30 Uhr verliert der Jäger unvermittelt an Höhe. Während sich der 38-jährige Pilot mit dem Schleudersitz retten kann, zerschellt der Jet in einem Feld bei der Ortschaft Glamondans am Boden.

Pilot mit grosser Erfahrung

So schilderte Korpskommandant Aldo C. Schellenberg gestern Abend vor den Bundeshausmedien den Vorfall. Der Luftwaffenchef äusserte «grosse Erleichterung» darüber, dass der Pilot überlebt hat und am Boden niemand zu Schaden gekommen ist. Über mögliche Absturzursachen mochte er nicht spekulieren. Lediglich eine Kollision in der Luft schloss er aus.

Der Pilot ist nach Angaben der Präfektur Doubs, in deren Gebiet der gemeinsame Lufttrainingsraum Frankreichs und der Schweiz liegt, ansprechbar und ausser Lebensgefahr. Er wurde zur Pflege in ein Spital nach Besançon überführt, wo sein Zustand als stabil bezeichnet wurde. Laut Schellenberg verfügt der 38-Jährige über grosse Flugerfahrung: Insgesamt habe er 3500 Flugstunden absolviert, davon 1100 auf diesem Flugzeugtyp.

Der Sachschaden beläuft sich auf Dutzende von Millionen Franken. Eine erste Schätzung liegt bei rund 50 Millionen Franken. Bei der Beschaffung vor rund zwei Jahrzehnten kostete das Flugzeug etwa 100 Millionen, wovon allerdings etwa die Hälfte auf Simulationsanlagen entfiel. Unabhängig von den Kosten ist eine Nachbeschaffung jedoch nicht mehr möglich, bedauerte der Luftwaffenkommandant. Er sprach von einem «sehr schmerzhaften Verlust». Es seien «riesige Geldsummen vernichtet» worden, und das in einem Moment, in dem schon 32 F/A-18 nicht reichten, um in einem Krisenfall die Durchhaltefähigkeit aufrechtzuerhalten.

«Der Flieger ist sicher»

Es handelt sich um den zweiten Absturz eines Kampfjets dieses Typs innerhalb von weniger als zwei Jahren, nach dem Absturz vom 23. Oktober 2013 am Lopper (vergleiche Aufstellung rechts).

Die aktuelle Häufung der Unfälle mit F/A-18 bezeichnete Schellenberg als Pechsträhne. Er betonte, die noch verbliebenen 31 der ursprünglich 34 beschafften Maschinen seien «technisch in einem sehr guten Zustand». Vor kurzem seien sie einem umfangreichen Erhaltungsprogramm unterzogen worden, dem «Midlife Upgrade», und würden vorzüglich gewartet. «Der Flieger ist sicher», so Schellenberg.

Kein Zusammenhang mit Schäden

Einen Zusammenhang mit Ablösungen an einzelnen F/A-18-Kampfjets, welche unsere Zeitung vor fünf Monaten publik gemacht hatte, schloss der Luftwaffenkommandant aus. Er konnte aber nicht sagen, ob es sich beim abgestürzten Flugzeug um eine jener Maschinen handle, bei denen die Schäden im Frühjahr festgestellt worden waren. Einen Anlass für weitere Überprüfungsmassnahmen sieht Luftwaffenchef Schellenberg nicht.

Wie bei den beiden bisherigen F/A-18-Abstürzen hat es wiederum einen Zweisitzer erwischt, womit nur noch 5 der ursprünglich 8 Zweisitzer übrig sind. Der Luftwaffenkommandant bezeichnete dies als «Zufall». Für die Organisation der Ausbildung bedeute es zwar «zusätzliche Hindernisse». Gravierend seien diese aber nicht, nachdem die F/A-18-Piloten grossenteils auf PC-21 ausgebildet werden.

Als Folge des Absturzes werden die verbleibenden 31 F/A-18 stärker als erwartet beansprucht. Dadurch erreichen sie früher als geplant ihr Lebensende. Bisher war man davon ausgegangen, dass dies zwischen 2025 und 2030 der Fall sein wird. Mit einem weiteren Upgrade, das in der Luftwaffe zurzeit diskutiert wird, könnte die Einsatzdauer zwar weiter verlängert werden. Das hätte aber seinen Preis: Bisher war von bis zu 560 Millionen Franken die Rede.

Nicht durch den Verlust einer weiteren Maschine gefährdet ist laut Schellenberg der 24-Stunden-Betrieb der Luftwaffe. Die Bereitschaft rund um die Uhr stelle jetzt zwar höhere organisatorische Anforderungen, solle aber wie geplant bis 2020 eingeführt werden.

Trainingsbetrieb eingestellt

Bis auf weiteres eingestellt hat die Luftwaffe am Mittwoch hingegen den Trainingsbetrieb. Der Bereitschaftsdienst bleibt aufrechterhalten, und auch der Trainingsbetrieb soll so rasch als möglich wieder aufgenommen werden. Wann genau, hängt von den Erkenntnissen zur Absturzursache zusammen.

Bei dieser Untersuchung haben die französischen Behörden die Leitung. Mit Schweizer Hilfe sollen sie auch dafür sorgen, dass die Geheimhaltung technischer Informationen gewahrt bleibt und niemand darauf zugreifen kann. In diesem Zusammenhang hat die Schweiz auch die US-Behörden über den Absturz informiert, weil der F/A-18 über Datenträger verfügt, auf welche nur die amerikanischen Behörden zugreifen können.

Dank an die französischen Retter

Zumindest die Zusammenarbeit mit dem Nachbarland scheint bestens zu funktionieren: Luftwaffenkommandant Schellenberg dankte den französischen Rettungskräften, die «rasch und professionell» reagiert hätten. Umgekehrt trat der französische Verteidigungsattaché Jean-Michel Meyer in Bern ebenfalls vor die Medien – und drückte sein Bedauern über den Vorfall aus, der einer befreundeten Armee zugestossen sei.

Eva Novak

Die schwersten Luftwaffen-Unfälle der letzten 20 Jahre

sda. Die Schweizer Luftwaffe hat seit 1941 rund 400 Flugunfälle mit über 350 Todesopfern registriert. Die folgende Chronologie listet die besonders schweren Unglücke auf:

14. Oktober 2015: Ein zweisitziger F/A-18 stürzt im gemeinsamen Trainingsraum mit Frankreich südöstlich von Besançon ab. Der Pilot wird verletzt.

23. Oktober 2013: Im Raum Alpnachstad im Kanton Obwalden zerschellt ein zweisitziger F/A-18 am Lopper. Der Pilot und sein Passagier, ein Arzt des Fliegerärztlichen Instituts, werden getötet.

12. November 2002: Eine PC-7 kollidiert bei Bonaduz GR mit dem Seil der Luftseilbahn Rhäzüns-Feldis. Zwei Milizoffiziere kommen ums Leben.

12. Oktober 2001: Beim Absturz eines Alouette-III-Helikopters oberhalb von Montana VS kommen alle vier Insassen nach der Kollision mit einem Kabel ums Leben.

25. Mai 2001: Bei einem Grenzüberwachungsflug touchiert ein Alouette-III-Helikopter bei Delsberg JU ein Kabel und stürzt ab. Der Pilot und drei Grenzwächter werden tödlich verletzt.

14. Oktober 1998: Zwei Trainingsflugzeuge des Typs PC-9 stossen in der Luft zusammen. Während die eine Maschine landen kann, zerschellt die andere bei Oberuzwil SG. Der Pilot stirbt.

7. April 1998: Beim Absturz eines F/A-18-Kampfjets bei Crans VS werden beide Insassen getötet. Als Ursache wurde eine räumliche Desorientierung des Piloten angenommen.

12. November 1997: Ein Pilatus-Porter PC-6 stürzt bei schlechtem Wetter in der Nähe von Boltigen BE ab. Der Pilot und vier Soldaten sterben.

20. März 1997: Eine Mirage III RS stürzt bei einem Aufklärungsflug im Raum Ste-Croix VD ab. Der Pilot kommt ums Leben.

4. Juli 1996: Ein Kampfjet Tiger F-5E bohrt sich in Schänis SG nach einem unbeabsichtigten Schleudersitzabschuss in den Boden. Der Pilot überlebt.

Quelle: maps4news.com/Navteq (Bild: Grafik: Janina Noser / Neue LZ)

Quelle: maps4news.com/Navteq (Bild: Grafik: Janina Noser / Neue LZ)

Spezalisten der Schweizer Armee untersuchen die Unfallstelle in Alpnach beim Lopper, wo ein F/A-18 Flugzeug abgestürzt ist. (Archivbild / Eveline Beerkicher / Neue LZ)

Spezalisten der Schweizer Armee untersuchen die Unfallstelle in Alpnach beim Lopper, wo ein F/A-18 Flugzeug abgestürzt ist. (Archivbild / Eveline Beerkicher / Neue LZ)

An der Absturzstelle in einem Waldstück bei Bonaduz, GR, liegen die Trümmer der Maschine. (Archivbild Keystone / Arno Balzarini)

An der Absturzstelle in einem Waldstück bei Bonaduz, GR, liegen die Trümmer der Maschine. (Archivbild Keystone / Arno Balzarini)

Ein Feuerwehrmann untersucht im Gebiet Haute Borne bei Delsberg (JU) das Wrack eines Helikopters des Typs Alouette III des Grenzwachtkorps der Schweizer Armee, der abgestürzt ist. (Archivbild Keystone / Alessandro della Valle)

Ein Feuerwehrmann untersucht im Gebiet Haute Borne bei Delsberg (JU) das Wrack eines Helikopters des Typs Alouette III des Grenzwachtkorps der Schweizer Armee, der abgestürzt ist. (Archivbild Keystone / Alessandro della Valle)

Ein Wrackteil des Militaerflugzeugs vom Typ Mirage III RS der Schweizer Luftwaffe zeugt an der Absturzstelle im Raum Ste-Croix VD nahe des Col des Etroits vom Unfall. (Archivbild Keystone / Sandro Campardo)

Ein Wrackteil des Militaerflugzeugs vom Typ Mirage III RS der Schweizer Luftwaffe zeugt an der Absturzstelle im Raum Ste-Croix VD nahe des Col des Etroits vom Unfall. (Archivbild Keystone / Sandro Campardo)