AIDS: Im Einsatz für schwule Muslime

Martin Klöti, St. Galler Regierungsrat, ist neuer Präsident der Aids-Hilfe. Er will das Thema Homosexualität auch bei muslimischen Familien enttabuisieren.

Aleksandra Mladenovic
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Der St. Galler FDP-Regierungsrat Martin Klöti. (Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller)

Der St. Galler FDP-Regierungsrat Martin Klöti. (Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller)

Er ist 60 Jahre alt, homosexuell und mit einem Araber liiert. Der St. Galler FDP-Regierungsrat Martin Klöti hat das Präsidium von Aids-Hilfe Schweiz diesen Monat übernommen. Er will dabei das schwule Milieu unter Muslimen thematisieren – weil er als Chef des Departements des Inneren oft mit Integrationsfragen konfrontiert sei und aus persönlicher Betroffenheit. «Ich bin als ‹guter Freund› wunderbar in die Familie meines Partners integriert. Darüber, dass wir eine intime Beziehung führen, wird aber nicht gesprochen. Das gibt es nicht – genauso wenig, wie es in diesem Kulturkreis Scheidungen gibt.»

«Unsere Werte verstehen»

Er sei zwar nicht der Ansicht, dass Muslime Schweizer Werte in der Gänze übernehmen müssten. «Wir müssen ­ihnen aber helfen, unsere Werte zu verstehen und zeigen, dass Homosexualität hier nicht verdammt wird.» Gerade homosexuelle Muslime lebten häufig mit einem grossen inneren Konflikt, müssten sich zwischen Partner und Familie entscheiden.

Dem pflichtet Saida Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, bei: «Tatsächlich sind Homosexuelle in der islamischen Gesellschaft Gewalt, Spott und Ächtung ausgesetzt und führen ein Leben in Angst – meistens auch ein Doppelleben.» Das liege am Männerbild, welches den jungen Muslimen mitgegeben werde. «Das Thema muss enttabuisiert werden», sagt Keller-Messahli, die Klötis Einsatz befürwortet: «Es macht Sinn, gegen Homophobie jeder Art vorzugehen.»

Hisham Maizar, Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen in der Schweiz, sagt hingegen: «Ich bin Muslime, Arzt und Bürger. Homosexualität wird im Islam nicht akzeptiert. Dass sie existiert, ist aber ein Faktum. Auf dieser Grundlage sollte man versuchen, einen respektvollen Umgang miteinander zu pflegen.»

Mahnung zur Vorsicht

Klöti war kürzlich mit Maizar ins Gespräch gekommen, um für mehr Toleranz gegenüber Homosexuellen zu werben. Dieser befürworte zwar, dass der neue Aids-Hilfe-Schweiz-Präsident Homosexualität bei Muslimen thematisiere, mahnt jedoch zur Vorsicht: «Es könnte sich innerhalb der muslimischen Bevölkerung als kontraproduktiv herausstellen, wenn er mit dem Finger auf Muslime zeigt. Schliesslich akzeptieren auch andere Religionen – so etwa das Judentum – Homosexualität nicht.» Zudem stellt Maizar klar, dass es nicht seine Aufgabe sei, proaktiv auf Muslime in der Sache zuzugehen: «Ich habe in meinem Bekanntenkreis auch Homosexuelle, die ich als Menschen sehr achte und respektiere. Ich werde aber nicht Muslimen sagen, sie sollten Homosexualität akzeptieren oder sie gar zur Homosexualität auffordern.»

«Nichts Verwerfliches»

Konkret seien zunächst keine Projekte geplant, sagt Martin Klöti. Mitte Januar treffe er an einem «Network»-Diskussionsabend auf den türkischstämmigen Autor Yusuf Yesilöz. Nach dem Anlass des St. Galler Vereins für schwule Führungskräfte werde er eruieren, wo Handlungsbedarf bestehe. Auch ein konkreteres Vorgehen der Aids-Hilfe Schweiz in Sachen Homosexualität bei Muslimen werde er anschliessend prüfen. «Das muss in Absprache mit den Regionalstellen der Aids-Hilfe, dem gesamten Vorstand und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) passieren», erklärt Klöti. Das BAG sei der wichtigste Finanzpartner.

Es sei erst ein erster Schritt. Martin Klöti will aber weiterkämpfen, «bis jede Familie einen Homosexuellen kennen lernt und feststellt, dass das nichts Verwerfliches ist».