AKW Gösgen ist gemäss Untersuchung erdbebensicher - das glauben nicht alle

Die Aufsichtsbehörde Ensi hat die Folgen eines Erdbebens in Gösgen untersucht. Das Fazit der Studie: keine Verletzten, keine Toten, keine Evakuierung. Die Grünen widersprechen.

Patrik Müller
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Das AKW Gösgen nahm im Jahr 1979 den Betrieb auf. (Bild: Gaëtan Bally/KEY)

Das AKW Gösgen nahm im Jahr 1979 den Betrieb auf. (Bild: Gaëtan Bally/KEY)

Was würde mit einem Schweizer Atomkraftwerk passieren, wenn es zu einem Erdbeben käme? Zu einem Beben, das so stark ist, wie es hierzulande statistisch nur alle 10000 Jahre geschieht? Mit dieser Frage befasste sich die Aufsichtsbehörde des Bundes, das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi). Das Fazit dieser Studie hat die Behörde auf ihrer Internetseite aufgeschaltet. «Die Gefahr bei einem 10000-jährlichen Störfall eines Schweizer Kernkraftwerks wird überschätzt», schreibt das Ensi dort.

Ensi-Direktor Hans Wanner widerspricht Einschätzungen von AKW-Gegnern, die vor «tödlichen Folgen» warnten. Wanner: «Zahlen von Tausenden von zusätzlichen Krebsfällen oder gar Toten sind falsch.» Die Gefahr sei «sehr gering», die von einem sogenannten Auslegungsstörfall in einem AKW ausgehe. Ein Auslegungsstörfall ist gemäss Wikipedia ein GAU (grösster anzunehmender Unfall), dies im Unterschied zu einem Super-GAU mit Kernschmelze, wie er in Fukushima geschah. Die Schweizer Behörden verwenden den Begriff GAU nicht.

Weder Tote noch Verletzte

Hans Wanner erläutert, was bei einem Auslegungsstörfall geschehen würde: «Unter realistischen Annahmen wird keine einzige Person einer Strahlungsdosis von 100 Millisievert ausgesetzt. Es wären weder Tote noch Verletzte zu erwarten. Eine Evakuierung wäre nicht nötig.» Wie kommt das Ensi zu diesem Schluss? Die Behörde hat die potenziellen Auswirkungen eines Erdbebens beim AKW Gösgen untersucht. Es ging dabei von den effektiven Wetterdaten im Monat Juni 2018 aus. Die Berechnungen wurden angestellt für den 11. Juni, weil dies der schlimmste Tag für einen Unfall gewesen wäre – denn es regnete und windete.

In der Studie heisst es: «Für die maximale Dosis in der Umgebung hat diese Berechnung einen Wert von 13 Millisievert ergeben; in den Gebieten der nächsten Anwohner resultierten Dosiswerte von weniger als 10 Millisievert.» Insgesamt wären gemäss Ensi 95000 Menschen potenziell von erhöhter Strahlenbelastung betroffen gewesen, mit einer durchschnittlichen Dosis von rund 0,3 Millisievert. Dieser Wert sei harmlos, schreibt das Ensi: «Er entspricht einem Zwanzigstel der Strahlung, welcher ein Bewohner aufgrund natürlicher, medizinischer und zivilisatorischer Quellen tatsächlich jedes Jahr im Mittel ausgesetzt ist.» Und weiter heisst es: «Das zusätzliche Risiko für die betroffenen 95000 Personen, in den nächsten 50 Jahren an Krebs zu erkranken, wäre minimal gewesen: Es wäre rein rechnerisch mit bis zu drei zusätzlichen Krebsfällen zu rechnen gewesen.»

Konfrontiert mit der Studie, reagiert die Aargauer Grünen-Nationalrätin Irène Kälin erstaunt: «Mir ist schleierhaft, wie das Ensi zu diesem verharmlosenden Schluss kommen kann. Haben sich denn internationale Behörden allesamt getäuscht, die grössere Gefahren sehen?» Kälin greift das Ensi und dessen Direktor Hans Wanner an: «Für mich ist diese Studie der Beweis, dass die Behörde nicht neutral ist, sondern den Atomkraftwerkbetreibern nahe steht. Dabei müssten sie als Aufseher unabhängig sein!» Weiter fragt Kälin, warum die Simulation am vergleichsweise neuen AKW in Gösgen und nicht an der ältesten Anlage in Beznau (Inbetriebnahme 1969) vorgenommen worden sei.

Und was würde in Beznau passieren?

Das Ensi sagt dazu, das AKW Gösgen sei ausgewählt worden, weil in seiner Nähe am meisten Einwohner leben. Was aber geschähe bei einem Erdbeben in Beznau? Auch für diese Region gebe es Simulationen, sagt Rainer Meier, Sprecher der AKW-Betreiberin Axpo. Bei einem Erdbeben, das stärker wäre als dasjenige in Basel im Jahr 1356, gäbe es im Raum Beznau zwar Tote, dies aber wegen einstürzender Häuser – nicht wegen der beiden AKW. Pro Block würde Radioaktivität von 16 Millisievert freigesetzt, insgesamt also 32 Millisievert – weniger als der Dosisgrenz­wert von 100 Millisievert (siehe Grafik). Der SP-Energieexperte Nationalrat Eric Nussbaumer (BL) sagt zur Ensi-Studie: «Das ändert nichts an der Tatsache, dass bei AKWs ein Restrisiko bleibt, welches nicht beherrschbar ist. Dieses Risiko sollten wir nicht aufrechterhalten.» Grüne und SP fordern weiterhin die sofortige Abschaltung des ältesten Schweizer AKWs in Beznau.