Es ist fraglich, ob alle Ansprüche an die Nachfolge von Doris Leuthard befriedigt werden können

Während sich die Zeichen für einen Rücktritt Doris Leuthards mehren, lichtet sich das Kandidatenfeld. Zunehmend wird es fraglich, ob alle Ansprüche – der Frauen, der Zentralschweiz und der Ostschweiz – befriedigt werden können.

Eva Novak
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Der Poker um Sitzansprüche im Bundesrat beflügelt die Spekulationen in der Wandelhalle. (Bild: Lukas Lehmann/Keystone (Bern, 17. November 2015))

Der Poker um Sitzansprüche im Bundesrat beflügelt die Spekulationen in der Wandelhalle. (Bild: Lukas Lehmann/Keystone (Bern, 17. November 2015))

Der Frauenanspruch ist unbestritten. Wenn Doris Leuthard wie angekündigt den Bundesrat verlässt, bleibt mit Simonetta Sommaruga nur noch ein weibliches Regierungsmitglied. Weitherum anerkannt ist auch der Anspruch der Zentral- und der Ostschweiz auf einen der sieben Sitze, den zurzeit nur Exponenten aus dem Grossraum Bern-Freiburg-Zürich sowie ein Tessiner und ein Waadtländer besetzen.

Doch mit dem Ende der Sommerpause sind diese Ansprüche ins Wanken geraten – alles neu macht der Herbst.

Wenn Leuthard jetzt geht, wird’s schwierig

Das liegt einerseits an den sich mehrenden Hinweisen, wonach die Umwelt-, Verkehrs-, Energie- und Kommunikationsministerin schon in der kommenden Herbstsession das Handtuch werfen könnte. Die CVP-Magistratin habe bei ihren Bekannten «den Anschein erweckt, als bliebe sie nicht mehr lange im Bundesrat», berichtete die «Weltwoche» und begründete Leuthards Unlust damit, dass ihr Einfluss im Siebnergremium seit der Wahl von Ignazio Cassis gesunken sei.

Anderseits hat diese Woche Konrad Graber seine Bundesratsambitionen definitiv an den Nagel gehängt. Der Luzerner CVP-­Ständerat galt seit Jahren als aussichtsreicher potenzieller Nachfolger Leuthards, ebenso wie der aus Zug stammende Parteipräsident Gerhard Pfister. Dieser hatte sich allerdings schon zuvor aus dem Rennen genommen mit der Begründung, er wolle seine Partei in die Wahlen führen.

Das führte umgehend zu Spekulationen, dass Pfister sehr wohl kandidieren werde, wenn Leuthard bis zum Ende der Legislatur ausharrt und ihren Rücktritt erst im September kommenden ­Jahres bekanntgibt – am besten zusammen mit FDP-Bundesrat Johann Schneider-Ammann, um den Strategen beider Parteien den grösstmöglichen Spielraum zu verschaffen.

Wenn sie aber jetzt schon ­zurücktritt, wovon neuerdings immer mehr Politbeobachter ausgehen, wird es für die Zentralschweiz schwierig. «Wenn Doris Leuthard zuerst geht, gerät unsere Partei eher unter Druck, eine Frau zu stellen», weiss auch Erich Ettlin. Der Obwaldner CVP-Ständerat, von Beruf Wirtschaftsprüfer und einer der Köpfe hinter der Gesundheitskosten-Initiative seiner Partei, gehört inzwischen selber zu den Papabili. Er findet jedenfalls schon die Worte, die ihn für eine Kandidatur qualifizieren: Dass er nicht angetreten sei, um Bundesrat zu werden. Und: «Die Zentralschweiz sollte einen Bundesrat haben.»

Als mindestens ebenso heisser Kandidat wird indessen ein Ostschweizer gehandelt, der St. Galler Finanzdirektor Benedikt Würth. Ihm fehlt zwar die Hausmacht in Bundesbern, doch ist er als Präsident der Konferenz der Kantonsregierungen weitherum anerkannt. Parteichef Pfister bezeichnet ihn denn auch als «herausragenden Exekutivpolitiker».

Gepusht wird Würth von jenen nicht nur linken Kreisen, welche die St. Galler FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter als Nachfolgerin Schneider-Ammanns verhindern wollen. Mit ihm wäre der Ostschweizer Anspruch befriedigt. Es bliebe aber noch jener der Zentralschweiz – und jener der Frauen.

Richtiges Geschlecht, aber falscher Landesteil

Letzteren einzulösen, wird vorab einer Frau aus einem anderen Landesteil zugetraut: CVP-Vizefraktionschefin Viola Amherd aus dem Oberwallis ist weit über ihre eigene Fraktion hinaus gut abgestützt. Doch ihr Handicap ist nicht nur, dass sie aus der falschen Region stammt. Sondern auch, dass sie als links gilt.

Das steigert wiederum Würths Chancen – und engt das Kandidaten- und vor allem Kandidatinnenfeld der FDP weiter ein. Die Staatsgründerpartei wird ohnehin kaum darum herumkommen, wieder eine Frau zu stellen. Will sie auch die regionalen Ansprüche befriedigen, kann sie mit ihrer aus Schwyz stammenden Präsidentin Petra Gössi antreten. Diese winkt jedenfalls nicht kategorisch ab. Sondern sagt, was alle sagen, die das Amt anstreben: Die Frage stelle sich momentan nicht.