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ALPEN: Beim Wolf geht es auch um das liebe Geld

Gut 30 Wölfe gibt es derzeit in der Schweiz. Tendenz steigend. Während Schafhalter nach Schäden den Abschuss des Raubtieres fordern, nehmen Tierschützer die Bauern in die Pflicht. Doch wie «böse» ist er wirklich – dieser Wolf?
Christian Hodel
Der Wolf bereitet sich wieder in der Schweiz aus, nachdem er Ende des 19. Jahrhunderts ausgerottet war. Dies zum Leidwesen der Schafhalter. (Bilder Neue LZ/Keystone, Steffen Schmidt)

Der Wolf bereitet sich wieder in der Schweiz aus, nachdem er Ende des 19. Jahrhunderts ausgerottet war. Dies zum Leidwesen der Schafhalter. (Bilder Neue LZ/Keystone, Steffen Schmidt)

Christian Hodel

Er ist so sagenumwoben wie kein zweites Raubtier. Schon in der Bibel wird der Wolf als Herden reissendes, gefährliches Wesen dargestellt. Seit einigen Jahren verbreitet er sich über Frankreich und Italien in der Schweiz, nachdem er Ende des 19. Jahrhunderts ausgerottet war. Laut der Fachstelle Kora Raubtierökologie und Wildtiermanagement wurden zwischen Ende März 2013 und Ende März 2015 in der Schweiz 31 unterschiedliche Wölfe gezählt. Tendenz steigend. Einer von ihnen bewegt sich derzeit im Urner Isental – 32 Schafe soll er innert weniger Tage gerissen haben, 12 sind vermisst. Nun ist er für die nächsten 60 Tage für die Wildhut zum Abschuss freigegeben (Ausgabe vom Mittwoch).

Abschuss an Bedingungen geknüpft

Der Abschuss eines Wolfs, der unter Artenschutz steht, wird im seit 2008 gültigen Wolfskonzept Schweiz geregelt. Kantone haben die Befugnis, eine Abschussverfügung anzuweisen. Voraussetzung: Der Wolf muss in einem Monat 25 Nutztiere oder 35 Nutztiere in vier Monaten gerissen haben. Weitere Bedingung: In den Folgejahren zählen im betroffenen Gebiet nur Risse, wenn auch Schutzmassnahmen getroffen wurden. Dazu gehören etwa das Einsetzen eines Herdenschutzhundes, das Einzäunen der Schafe oder das Bewachen durch Hirten.

Seit 1998 wurden schweizweit 15 tote Wölfe gefunden, 8 wurden legal geschossen. Die anderen fielen Wilderern, einem Schneepflug oder Zügen zum Opfer – einer wurde irrtümlich geschossen.

Schafrisse machen fünf Prozent aus

Schweizweit gibt es rund 10 000 Schafhalter mit 410 000 Tieren. Gut die Hälfte der Schafe weilt jeweils den Sommer über auf einer Alp. Ein durch den Bund mitfinanziertes Forschungsprojekt zeigt, dass jährlich 2 Prozent dieser Schafe den Sommer nicht überstehen – also rund 4100. Sie sterben an Krankheiten, werden von Blitz oder Steinschlägen getroffen. Schafrisse durch Wölfe wiederum gibt es jährlich zwischen 200 und 300. Der Wolf war in den vergangenen Jahren im Durchschnitt also für rund 5 Prozent der toten Alpschafe verantwortlich.

Bis auf einen Fall im Kanton Uri waren alle gerissenen Schafe unbewacht, sagt David Gerke, Präsident der Gruppe Wolf Schweiz. «Auf optimal geschützten Alpen kommt es äusserst selten zu einem Schafriss.» Dennoch könne er die Situation in Uri nachvollziehen. «Aufgrund der Tatsache, dass im Gebiet Isental bis Anfang Juni noch keine Wölfe festgestellt wurden, ist das Fehlen von Herdenschutzmassnahmen verständlich.» Inzwischen hätten einige Alpen Sofortschutzmassnahmen getroffen, sagt Gerke, der sich in den vergangenen Tagen selbst auf den betroffenen Alpen ein Bild machte. Dennoch: Aktuell gebe es im Kanton Uri nur eine Alp, oberhalb von Andermatt, die etwa einen Herdenschutzhund habe. «Die Schutzmassnahmen stecken in den Kinderschuhen.» Dies, obwohl es seit sieben Jahren ein kantonales Wolfskonzept gibt. Und obwohl bereits Wölfe nachweislich gesichtet wurden – etwa im September 2013 in Silenen und in Andermatt.

2,9 Millionen für Herdenschutz

Warum schützen sich Schafhalter also nicht vor dem Wolf? Schliesslich kriegt jeder Unterstützungsbeiträge vom Bund – 2,9 Millionen Franken sind dieses Jahr für den Herdenschutz vorgesehen. «Der Herdenschutz ist in der Schweiz auf gutem Wege», sagt Gerke. Aber es werde reagiert, statt präventiv agiert. Dies hat wohl auch damit zu tun, dass die Schafbauern für ihre vom Wolf getöteten Tiere durch Bund und Kanton entschädigt werden. Je nach Grösse und Alter des Tieres zwischen 200 und 2000 Franken – im Durchschnitt mit rund 400 bis 500 Franken pro Schaf. Und dies unabhängig davon, ob Schutzmassnahmen ergriffen wurden. Eine Ausnahme bildet der Kanton Graubünden: Hier entfällt bei fehlendem Herdenschutz die Entschädigung. Ab Herbst soll auch der Kanton Fribourg diesem Beispiel folgen. Zum Vergleich: Die Beiträge durch Luchsschäden sind an Schutzmassnahmen gekoppelt. «Es ist ein politischer Entscheid, dass Entschädigungen für den Wolf nicht abhängig sind von den getroffenen oder eben nicht getätigten Schutzmassnahmen», sagt Reinhard Schnidrig, Leiter Sektion Wildtiere und Waldbiodiversität beim Bundesamt für Umwelt (Bafu). Dass viele Schafhalter keine Schutzmassnahmen treffen – über 90 Prozent der Risse passieren in ungeschützten Gebieten – sei auch ideologisch bedingt. Schnidrig: «Das Ablehnen das Wolfes hat sich vielerorts kultiviert. Viele Bauern vertreten die Ansicht, wenn sie Herdenschutz machen, seien sie pro Wolf. Das ist ein falscher Schluss.»

Kein Schutz wegen zu viel Arbeit

Der Herdenschutz sei «gut und recht», sagt Ernst Vogel, Präsident des Schafhaltervereins Luzern. Doch 100-prozentigen Schutz gebe es nicht. Und: «Der Herdenschutz ist teuer und bedeutet für die Schafhalter grossen Mehraufwand. Dieser Aufwand wird von niemandem bezahlt.» Für Uri gebe es darum nur eins: Der Wolf muss weg. «Er hat über 30 Schafe gerissen. Das ist inakzeptabel. Jetzt handelt es sich noch um ein Einzeltier. Stellen Sie sich vor, wenn einst ein ganzes Rudel kommt?» Alwin Meichtry, Präsident des Schweizerischen Schafzuchtverbandes (SZV), wollte seine Antworten auf die Fragen zum Wolfskonflikt nicht zur Publikation freigeben.

Finanziell würde ein Schafbauer den Grossteil der Schutzmassnahmen bezahlt bekommen, sagt Daniel Mettler, Leiter der Fachstelle Herdenschutz, die im Auftrag des Bafu Bauern bei Grossraubtierangriffen unterstützt. «Springender Punkt ist, dass die Massnahmen mehr Arbeit für den Bauern zu Folge haben.» Welche Schutzmassnahmen in welchem Betrieb verhältnismässig seien, müsse darum von Fall zu Fall angeschaut werden.

Schäden kosten 150 000 Franken

Der Bund zahlt Bauern jährlich zwischen 130 000 und 150 000 Franken Entschädigungsgeld wegen Wolfsschäden an Schafen. Zum Vergleich: Die vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) ausgewiesenen Beiträge – darunter fallen etwa Gel­der für das Tierwohl oder Beiträge für den sommerlichen Weidegang auf Alpen – belaufen sich auf 20,5 Millionen Franken. Wie viel sich der Bund die gesamte Schafhaltung kosten lässt, ist unklar. Die Zuteilung der Direktzahlungen für Schafhalter lasse sich nicht mehr so genau machen, weil seit einem Jahr mit der neuen Agrarpolitik die Tierbeiträge abgeschafft worden seien und fast alle Beiträge über die Fläche gezahlt würden, heisst es beim BLW. Laut einer Untersuchung von Pro Natura beliefen sich 2009 die Ausgaben des Bundes für die Schafhaltung auf 43 Millionen Franken. «Wir gehen davon aus, dass die Grössenordnung von 40 bis 43 Millionen Franken Bundesbeiträge pro Jahr für die Schweizer Schafhaltung nach wie vor korrekt ist», teilt Pro Natura auf Anfrage mit.

Auch ein Wolfsabschuss, wie nun in Uri verfügt, kostet Geld, das der Kanton zahlen muss. Wie viel, ist vom Einzelfall abhängig, sagt David Gerke. Die Kosten für einen Wolfsabschuss im Wallis sollen sich in einem Fall auf 330 000 Franken belaufen haben, in einem anderen auf 160 000 Franken. Die Fälle und die hohen Kosten zeigen: Der Wolf polarisiert und schürt Ängste – aber warum? «Das hat mit der symbolischen Bedeutung des Wolfes zu tun», sagt Daniel Mettler vom Herdenschutz. Der Wolf, als wildes Pendant zum Hund, werde sowohl als Ikone der Wildnis wie auch als unkontrollierbare Bedrohung wahrgenommen. Märchen, wie jenes vom bösen Wolf, haben zu dieser Mythenbildung sicherlich auch einen Beitrag geleistet.

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