ALPEN: Kühler Sommer verlangsamt Schmelze

Die Gletscher haben heuer weniger Masse verloren als 2013. Ursache ist der kalte Sommer. Grund zur Entwarnung gibt es trotzdem nicht.

Hansruedi Kugler
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Von 90 Metern auf 60 Meter Eisdicke geschrumpft: Gletscher mit Rotegg im Jahr 1980 (links) und 2013. (Bilder Karl Camenzind)

Von 90 Metern auf 60 Meter Eisdicke geschrumpft: Gletscher mit Rotegg im Jahr 1980 (links) und 2013. (Bilder Karl Camenzind)

Für die Gletscher waren die kühlen Temperaturen in den Monaten Juli und August günstig. Beim Titlisgletscher, der auf rund 3000 Metern über Meer liegt, zeigt sich nach ersten Beobachtungen, dass er weniger zurückgegangen ist als im Vorjahr. Peter Reinle, Leiter Marketing der Titlis-Bahnen, bestätigt: «Der Gletscher ist um rund 70 Prozent weniger geschmolzen als 2013.»

Gleiches ist auf dem 2963 Meter hohen Gemsstock oberhalb von Andermatt zu beobachten: «Der Gletscher ist heuer nicht geschmolzen, er konnte sogar noch etwas Eis zulegen», sagt Carlo Danioth, Pisten- und Rettungschef bei der Andermatt-Sedrun Sport AG. Bereits 2012/13 war eine bessere Periode für die Gletscher. Die Gründe für die positive Bilanz sind heuer wieder die gleichen. Zum einen ist in den Südalpen im Winter viel Neuschnee gefallen. Zum anderen blieben warme und trockene Perioden aus. Davon dürfte auch der Gurschenfirn am Gemsstock profitiert haben. Je dicker die Schneeschicht auf dem Gletscher ist, desto besser ist er gegen die Schmelze im Sommer geschützt. «Im Winter sind zwischen 8 und 10 Metern Neuschnee gefallen», erklärt Carlo Danioth.

Weniger Regen in den Bergen

Dazu komme, dass es in diesen Höhenlagen selten geregnet habe. Demnach konnte der angesetzte Schnee nicht weggespült werden. Diese günstigen Bedingungen haben dazu geführt, dass während des milden Sommers nicht einmal die ganze Schneeschicht weggeschmolzen ist. «Das heisst, der Gletscher ist oberhalb von 2800 Metern sogar gewachsen», sagt Danioth.

Andreas Bauder von der ETH-Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie bilanziert die diesjährige Gletscherentwicklung noch nicht durchgehend positiv. Gemäss ersten Beobachtungen hätten nämlich Gletscher in den Nordalpen und unterhalb der 3000-Meter-Grenze trotz des kühlen Wetters an Masse verloren. «Der Juni war sehr warm, und da in den Nordalpen im Winter weniger Schnee gefallen ist, war diese schützende Schneeschicht bald weggebrannt», so Bauder. Neben der schützenden Schneeschicht hält auch eine Abdeckung aus Kunststoffvlies die Sonnenstrahlen ab. Sowohl auf dem Titlis als auch auf dem Gemsstock werden Vliese seit 2005 eingesetzt. Die Wirkung des Vlieses sei effektiv, sagt Andreas Bauder von der ETH. «Unter der Vliesabdeckung schmilzt nur rund ein Drittel der Schnee- oder Eisschicht im Vergleich zu nicht abgedeckten Stellen.» Warum packt man nicht den ganzen Gletscher ein, wenn Vliese so viel nützen? «Erstens wäre ein solcher Aufwand personell und finanziell sehr hoch, und zweitens ist ein Vlies keine Augenweide», sagt Peter Reinle. Auf dem Titlisgletscher hat man vorwiegend exponierte Stellen, die für den Tourismus von zentraler Bedeutung sind, eingepackt. «Wir deckten unter anderem den Zugang zum Gletscherpark», sagt Reinle von den Titlis-Bahnen.

Indem diese Stellen abgedeckt würden, könne mit wenig Aufwand die Infrastruktur erhalten werden, sagt er weiter. Er schätzt, dass auf dem Titlis ungefähr 7000 Quadratmeter Eis während der Monate Mai bis September mit Vlies zugedeckt wurden. Auf dem Gemsstock wird ungefähr eine Hektare Gletscher vor der Sonneneinstrahlung geschützt. Auch da setzt man auf das Kunststoffvlies.

Negative Bilanz erwartet

Bei der ETH-Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie evaluiert man aktuell die Messungen. «Nach Abschluss der Analysen können wir konkrete Angaben über die Gletscherentwicklung machen», sagt Andreas Bauder, der die Auswertung von zehn untersuchten Gletschern vornehmen wird. Eine grobe Einschätzung der Lage macht er heute schon: «Für die meisten Gletscher dürfte das Ergebnis negativ ausfallen.» Der Rückgang des Eises sei zwar nicht so gross wie in den Vorjahren, aber grundsätzlich sei eben mehr Schnee und Eis geschmolzen als hinzugekommen sei, sagt Bauder weiter.

So viel Wasser wie im Bielersee

Mauro Fischer, Doktorand an der Universität Freiburg, hat in den letzten drei Jahren Daten von sieben kleinen Gletschern gesammelt. Darunter auch vom St.-Anna- und Schwarzbachfirn am Gemsstock. Seine bisherigen Auswertungen der kleinen Gletscher zeigen, dass die Massenbilanzen dieses Jahr negativer waren als 2013. Konkret: Der St.-Anna-Firn verlor 650 Liter Wasser pro Quadratmeter Eis- und Schneefläche. Auf dem Schwarzbachfirn waren es 250 Liter pro Quadratmeter.

Fischer hat vorgerechnet: «Über die letzten zehn Jahre betrachtet könnte man mit dem Schmelzwasser aller Schweizer Gletscher jedes Jahr den Bielersee auffüllen.» Der Bielersee fasst etwas mehr als einen Kubikkilometer Wasser.