ALPHATIERE: Wahlkampf im Wallis: Von Verrätern und Ehebrechern

Im Wallis spielt sich derzeit ein Wahlkampf ab, wie ihn der Bergkanton noch nie erlebt hat. Politische Inhalte treten beim Duell der Schwergewichte Oskar Freysinger (SVP) und Christophe Darbellay (CVP) in den Hintergrund.

Tobias Bär
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Wer die Liste von Freysinger wählt, der wählt offenbar die «Freiheit». Christophe Darbellay setzt ganz auf die Kraft seines Namens. (Bild: Alessandro della Valle/Keystone (Martigny, 14. Februar 2017))

Wer die Liste von Freysinger wählt, der wählt offenbar die «Freiheit». Christophe Darbellay setzt ganz auf die Kraft seines Namens. (Bild: Alessandro della Valle/Keystone (Martigny, 14. Februar 2017))

Tobias Bär

In zwei Wochen wird im Wallis gewählt. Wobei: Geht es nach Pascal Couchepin, dann gibt es «das Wallis» gar nicht. Der französischsprachige Kantonsteil westlich von Sierre und der deutschsprachige Teil östlich davon lebten aneinander vorbei, sagt der alt Bundesrat. «Die Leute im Oberwallis haben keinerlei Kontakt zu jenen im Mittel- und Unterwallis.» Der 74-Jährige ist im französischsprachigen Martigny zu Hause, will das Gespräch aber auf Deutsch führen. Er müsse dieses wieder etwas auffrischen.

«Jetzt reisen wir durch das ehemalige Untertanenland» – diesen Spruch hörte Couchepin vor Jahren von einem Oberwalliser bei einer Zugfahrt durch das Unterwallis. «Da schwang eine gewisse Sehnsucht mit», sagt Couchepin. Inzwischen laufen die ehemaligen Untertanen ihren einstigen Herren nämlich den Rang ab: Das Mittel- und das Unterwallis wachsen stärker und schneller als das Oberwallis. Nach den Wahlen wird der deutschsprachige Teil nur noch 34 Vertreter ins 130-köpfige Kantonsparlament schicken, vier weniger als bisher. Der ehemalige SP-Präsident und Briger Hotelier Peter Bodenmann, bekannt für seine klaren Voten, meint: «Das Oberwallis ist eine sterbende Region. Deshalb sucht man Sündenböcke und orientiert sich nach rechts.»

C-Parteien dominieren weiterhin, doch die SVP holt auf

Zwar geben CVP und CSP im oberen Kantonsteil weiterhin den Ton an. Doch die SVP hat zuletzt – wie im ganzen Kanton – zugelegt. Die absolute Mehrheit im Kantonsparlament haben die C-Parteien vor vier Jahren verloren. Ihre drei Sitze in der fünfköpfigen Kantonsregierung, dem Staatsrat, konnten sie zwar verteidigen. Das beste Resultat aber feierte das Enfant terrible mit dem Rossschwanz, Oskar Freysinger von der SVP.

Mit ihm zog die SVP erstmals in die Walliser Regierung ein. Und Freysinger hat dafür gesorgt, dass die diesjährigen Wahlen weit über die Kantonsgrenzen hinaus für Schlagzeilen sorgen. Anfang Jahr zauberte er den bekannten CVP-Politiker Nicolas Voide als Listenkandidat seines «Rechtsbürgerlichen Bündnisses» aus dem Hut. Es ist ein direkter Angriff auf Christophe Darbellay.

Darbellay: «Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein»

Der ehemalige CVP-Präsident will in diesem Jahr endlich den Regierungssitz erobern, den er seit Jahren anstrebt. Mit Voide versucht ihm nun ein Intimfeind aus den eigenen Reihen einen Strich durch die Rechnung zu machen. Selbst die «Schweizer Illustrierte» hat dem Walliser Wahlkampf eine mehrseitige Geschichte gewidmet – ein Hinweis darauf, dass im Südkanton derzeit nicht nur politische Inhalte verhandelt werden.

Im vergangenen September hatte Darbellay eine öffentliche Beichte abgelegt: Er sei Vater eines unehelichen Kindes geworden. Von der Peoplepresse nach seinem liebsten Bibelzitat gefragt, sagte Darbellay: «Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.»

Nicolas Voide sagt in seinem Büro in Martigny: «Darbellay hätte seine familiären Probleme beim Kongress der CVP Unterwallis im Mai 2016 auf den Tisch legen müssen.» Es war der Kongress, bei dem Darbellay zum Kandidaten gekürt – und Voide gemäss Eigendarstellung um seine Kandidatur gebracht wurde. Er habe immer gesagt, dass er als Präsident des Kantonsparlaments nicht in den Staatsratswahlkampf einsteigen werde. «Das Präsidium endete am 13. Mai. Der Präsident der CVP Unterwallis hat den Kongress auf den 12. Mai angesetzt. Es gibt Zufälle im Leben», sagt Notar Voide mit einem zynischen Lächeln. Danach sei innerhalb des konservativen Parteiflügels, im Lager der «Schwarzen», eine gewisse Frustration spürbar gewesen. Diese habe sich nach den Enthüllungen um Darbellays Privatleben noch verstärkt. Freysinger witterte seine Chance und griff zum Telefon.

Darbellay oder Voide. Nur einer kann es in die Kantonsregierung schaffen, weil beide im Bezirk Martigny kandidieren. Als Reaktion auf die unerwartete Konkurrenz umgarnt Darbellay inzwischen den konservativen Parteiflügel und verweist auf Rankings aus seiner Zeit als Nationalrat, die ihn am rechten Rand der CVP verorten. Voide sagt: «Das bringt mich zum Lachen.»

Darbellay wiederum bezeichnet den Vorschlag von Voide und Freysinger, im Wallis wohnhaften Personen auf dem Arbeitsmarkt einen Vorrang einzuräumen, als «verfassungswidrige Albernheit». In seinem Wahlprogramm wirft das «Rechtsbürgerliche Bündnis» zudem die Frage auf, ob die direkte Bundessteuer abgeschafft gehört.

Zwei Alphatiere liefern sich einen verbalen Schlagabtausch

FDP-Grandseigneur Pascal Couchepin schnaubt, wenn er auf die Idee angesprochen wird: «Das ist eine selbstmörderische Idee.» Dass auch der Sozialdemokrat Bodenmann keine netten Worte für Freysinger übrig hat, kann nicht überraschen. Doch beim Gespräch in Bodenmanns Hotel bekommt die ganze Walliser Politprominenz ihr Fett ab. Statt auf Innovationen zum Umbau des darbenden alpinen Tourismus setze man auf Subventionen. Just am Tag des Gesprächs hat sich das Walliser Parlament im Grundsatz für ein neues Gesetz ausgesprochen, mit dem die Bergbahnbetreiber in den Genuss von über 150 Millionen Franken aus der Staatskasse kämen. «Saas-Fee hat mit einer stark vergünstigten Saisonkarte ein höchst erfolgreiches Experiment gewagt. Und was passiert? Alle sind stocksauer», sagt Bodenmann. Keiner der Staatsratskandidaten habe sich bislang dazu geäussert.

Das wird sich an diesem Abend beim Wahlpodium unweit von Bodenmanns Hotel nicht ändern. Am ehesten Gefallen gefunden hätte der ehemalige SP-Präsident wohl an den Ausführungen des Christlichsozialen Jean-Michel Bonvin. Statt auf unrentable Bergbahnen setze der Kanton besser auf den sanften Tourismus. Bonvin kann sich an Tabus wagen: Er hat keine Chance, gewählt zu werden. Der grosse Abwesende ist Nicolas Voide. Er habe keine Einladung erhalten. Die Moderatorin stellt klar: «Nicolas Voide wurde eingeladen. Er verzichtet aus sprachlichen Gründen.» Der Sprachgraben, er macht sich auch in diesem Wahlkampf bemerkbar.

Durch Voides Abwesenheit richten sich die Augen des Publikums noch stärker auf Freysinger und Darbellay. Der CVP-Kandidat stösst mit gemächlichen Schritten als Letzter zur wartenden Runde. Darbellay will dem anderen Alphatier im Ring zu verstehen geben: «Ich bin hier der Chef.» Schon nach drei Minuten ist es aber vorbei mit der Souveränität. Die Moderatorin verhaspelt sich und spricht vom «vierten unehelichen Kind» Darbellays. Freysinger bemerkt launig, vier seien es dann doch nicht. Lautes Gelächter im Publikum. Der Angesprochene reagiert ungehalten: «Reden wir über Politik. Lassen Sie die Kinder und meine Ehefrau in Ruhe!» Um Politik geht es dann auch noch. Genauer um Bildungspolitik, für die Freysinger in den vergangenen vier Jahren verantwortlich zeichnete und die Darbellay für sich beansprucht, sollte er auch nur eine Stimme mehr machen als sein Kontrahent. Darbellay spricht von «vielen Skandalen und Schlagzeilen» unter Freysingers Ägide. Es folgt ein wilder verbaler Schlagabtausch.

Nach der Debatte schiebt sich Darbellay am Buffet ein Stück Käse in den Mund und verschafft seinem Ärger Luft: «Freysingers Kontakte zu Rechtsextremen oder die Frage, ob Voide der erzkonservativen Piusbruderschaft angehört – alles kein Thema. Mein Privatleben hingegen schon.» Niemand dürfte glücklicher sein als der 45-Jährige, wenn dieser aussergewöhnliche Wahlkampf ein Ende nimmt.