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Als Kind wurde er vom Vater nach Indien entführt – heute sagt er: «Meine Mutter ist die mutigste Frau, die ich kenne»

Jedes Jahr werden in der Schweiz rund 100 Kinder von den eigenen Eltern entführt. Beatrix Smits Ex-Mann verschleppte das gemeinsame Kind nach Indien. In diesen Tagen erscheint ein Buch über die filmreife Rückholaktion der Mutter. Ihr Sohn ist ihr dafür zutiefst dankbar.
Kari Kälin
Glücklich vereint: Beatrix Smit mit ihrem Sohn Simon nach der Rückkehr aus Indien. (Bild: Rémy Markowitsch)

Glücklich vereint: Beatrix Smit mit ihrem Sohn Simon nach der Rückkehr aus Indien. (Bild: Rémy Markowitsch)

Samstag, 28. November 1981, 9 Uhr, Moosmattstrasse 56, Luzern: Beatrix Smit fühlt sich unwohl in ihrer Dreizimmerwohnung. Heute ist wieder Besuchstag. Ex-Mann Anil, den sie in Indien geheiratet und einst geliebt hat, holt Asheesh ab. Er hat mehrmals gedroht, ihr den zweieinhalbjährigen Sohn zu entreissen.

Es ist kalt an diesem Wochenende, der Winter hält Einzug, es schneit bis in tiefe Lagen. Wird Anil, der wie damals, als die Ehe mit Beatrix noch funktionierte, in Zug wohnt, gut zu seinem Sohn schauen, ihn genug warm anziehen, die Windeln wechseln? Schon mehrmals war Asheesh nach dem Besuchstag erkältet, einmal hatte er sogar eine Lungenentzündung.

Eigentlich findet es Beatrix schon lange unverantwortlich, Anil das Kind zu überlassen. An diesem stürmisch-kalten Novembertag ist das Beatrix’ kleinere Sorge. Die Angst, dass sich Anil mit Asheesh nach Indien absetzen könnte, betäubt Beatrix mit Schlafmittel – wie an vielen anderen Besuchstagen zuvor.

19 Uhr: Jetzt endet das Besuchsrecht. Den gemeinsamen Sohn hat Anil schon öfters etwas später zurückgebracht. Beatrix hat ihm das nicht verübelt, sie will ihm Asheesh nicht vorenthalten. Er liebt ihn, ja vergöttert ihn. Jetzt aber, an diesem Abend, wächst die Unruhe, die Furcht, dass Anil seine Drohung wahr machen könnte. Er leidet an Heimweh.

Mit Donald-Duck-T-shirt im Fiat: Simon Smit während der Flucht aus Indien. (Bild: Privatarchiv Beatrix Smit)

Mit Donald-Duck-T-shirt im Fiat: Simon Smit während der Flucht aus Indien. (Bild: Privatarchiv Beatrix Smit)

20 Uhr: Asheesh ist immer noch nicht da. Um 21 Uhr auch nicht. Am nächsten Tag erstattet Beatrix beim Polizeiposten Luzern Strafanzeige gegen Anil wegen «Entziehen von Minderjährigen», ein Antragsdelikt, das mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft wird.

Am Montag ruft Beatrix ihre Ex-Schwiegereltern an. Sie erhält die Bestätigung, dass Anil Asheesh tatsächlich nach Indien verschleppt hat, nach Bombay (heute Mumbai), in sein Elternhaus.

Eine Selbsthilfeorganisation gibt neue Hoffnung

Beatrix Smit, damals 29-jährig, stand vor einem Scherbenhaufen. Die Ehe war gescheitert, der Sohn entführt, später verlor sie zudem ihre Anstellung bei der Baufirma, weil sie sich kaum mehr konzentrieren konnte. Smit ergab sich aber nicht ihrem Schicksal, sondern mobilisierte unglaublich viel Energie, um für ihren Sohn zu kämpfen, machte auch die Medien auf den Fall aufmerksam.

Immer mehr internationale Kindesentführungen drangen zu dieser Zeit an die Öffentlichkeit. Der Bundesrat trieb die Ratifikation des Haager Übereinkommen zu Kindesentführungen voran. Die unterzeichnenden Staaten verpflichten sich, die Kinder dem sorgeberechtigten Elternteil zurückzugeben. Als der Vertrag für die Schweiz am 1. Januar 1984 in Kraft trat, hatten ihn aber erst wenige Länder ratifiziert. Indien ist dem Übereinkommen bis heute nicht beigetreten.

Es half nur noch Bestechung: Der Fiat auf der Fähre nach Sri Lanka. (Bild: Privatarchiv Beatrix Smit).

Es half nur noch Bestechung: Der Fiat auf der Fähre nach Sri Lanka. (Bild: Privatarchiv Beatrix Smit).

Smit hatte zwar das Sorgerecht für ihren Sohn erhalten. Sie klopfte bei zahlreichen Behörden und Institutionen an, schrieb sogar Bundesrat Kurt Furgler einen Brief – alles vergebens. Das Sorgerecht entpuppte sich als wertloses Stück Papier. In Indien konnte sie es nicht durchsetzen.

Durch den Kontakt zu einer anderen betroffenen Mutter lernte Smit eine Person kennen, die damals zur Anlaufstelle für verzweifelte Mütter und Väter avancierte: Monique Werro. Die heute 80-jährige Hotelière («Bären» in Brienz) führte damals das Café Brésil in Biel. Sie kümmerte sich um eine betroffene Frau aus Biel und gründete im Januar 1982 einen Verein namens «Schweizer Gruppe gegen die Entführung von Kindern». Im Sommer des gleichen Jahres stiess mit Willy Kantorik eine Schlüsselfigur zur Selbsthilfeorganisation.

Kinder nach Nigeria verschleppt: Entführer bleibt in Haft

Viele Väter und Mütter erleben Dramen wie jenes von Beatrix Smit. Rund 100 Kinder werden in der Schweiz jedes Jahr vom eigenen Vater oder der eigenen Mutter in ein anderes Land verbracht. Mit einem tragischen Fall hat sich das Bundesgericht in Lausanne vor kurzem zum wiederholten Mal befasst: Ein Vater missbrauchte im Oktober 2011 das Besuchsrecht, um seine beiden damals dreieinhalb- und fünfjährigen Söhne nach Nigeria zu verschleppen.

Das Bezirksamt Zürich sprach das alleinige Sorgerecht wenige Tage nach der Tat der Mutter zu, die ebenfalls aus Nigeria stammt. Dennoch weigerte sich der Vater, die Kinder in die Schweiz zurückzubringen. Das Zürcher Obergericht verurteilte den Taxichauffeur im Januar 2014 wegen Entführung zu sieben Jahren Gefängnis.

Vor einem Jahr hätte der Entführer seine Strafe in der Schweiz unter Anrechnung der Untersuchungshaft verbüsst gehabt. Da es sich bei Entführung um ein Dauerdelikt handelt und der Mann sich nicht um die Rückführung der Kinder bemühte, erhob die Staatsanwaltschaft erneut Anklage und ordnete Sicherheitshaft an. Der Entführer stellte ein Gesuch um Haftentlassung, scheiterte aber damit bis vor Bundesgericht.

Die Richter in Lausanne betonten, es bestehe ein «erhebliches Risiko», dass er sich nach Nigeria zu seinen Kindern absetzen würde. Der Entführer bleibt noch für längere Zeit im Gefängnis. Das Bezirksgericht Dielsdorf verurteilte ihn vor eineinhalb Wochen zu sieben Jahren Haft.

Mutter weiss nicht, wo ihre Kinder sind

Das Verdikt der Justiz ändert nichts daran, dass die Mutter sich wohl damit abfinden muss, dass sie für immer ihrer Kinder beraubt wurde. Sie weiss nicht einmal, wo sie sich befinden, der Vater verhindert jeglichen Kontakt, lässt nicht einmal Telefongespräche zu. Juristisch sind der Mutter die Hände gebunden. Nigeria hat das Haager Abkommen über Kindesentführung nicht unterschrieben.

Diese Vereinbarung, die rund 100 meist westliche Länder unterzeichnet haben, sorgt dafür, dass Entführer nicht einfach unwiderrufliche Fakten schaffen können. Wird ein Kind in einen Vertragsstaat gebracht, kann der zurückgebliebene Elternteil einen Antrag auf Rückführung stellen. Die Chancen, wieder mit seinem Kind leben oder zumindest Kontakt haben zu können, stehen gut. Bei Nicht-Vertragsstaaten präsentiert sich die Lage anders. Es gibt kaum eine juristische Möglichkeit, die Kinder zurückzubekommen. Im schlimmsten Fall bekommt der alleingelassene Elternteil seine Liebsten nie mehr zu Gesicht.

Nach seiner Ankunft in der Schweiz in den 1970er-Jahren schmuggelte der tschechoslowakische Flüchtling zunächst Menschen durch den Eisernen Vorhang. Kantorik, Kommunistenhasser, Kettenraucher und Coca-Cola-Liebhaber, war gesegnet mit überdurchschnittlich viel Cleverness.

In Geheimdienstmanier brachte er in seiner Karriere als Kindesrückführer gegen 300 Kinder zurück zu den Sorgerechtsinhabern. Seine Aktionen plante er minutiös, oft benutzte er Privatflugzeuge. Es versteht sich von selber, dass die vielfach spektakulären und risikoreichen Unterfangen ihren Preis hatten, manchmal bis zu sechsstellige Beträgen.

Zufallsbegegnung mit dem Ex-Mann

Davon liess sich Smit nicht abschrecken. Sie sprach bei Werro vor und beschloss, Kantorik zu engagieren. Mithilfe der Luzerner Sozialarbeiterin Miette Vonarburg gelang es ihr, die nötigen 25 000 Franken aufzutreiben, damit Kantorik und dessen Helfer Vladimir Vostrel die Rückführung überhaupt in Angriff nahmen.

Am 21. August 1983, fast zwei Jahre nach Asheeshs Entführung, flogen Smit, Kantorik und Vostrel nach Bombay. Smit vertraute Kantorik voll und ganz:

«Ich wusste, wenn jemand mir mein Kind zurückbringen kann, würde er es sein.»

Das Abenteuer Rückführung begann mit einer Panne. Die Zöllner händigten den Fiat 132, das Fluchtauto, das per Luftfracht nach Indien kam, nicht aus. Kantorik musste in die Schweiz zurückfliegen, um die nötigen Papier zu besorgen. Im Nachhinein erwies sich das Malheur als Glücksfall. Als Smit und Kantorik beim Schweizer Generalkonsulat in Bombay Formalitäten erledigten, trafen Kantorik und Smit dort per Zufall deren Ex-Mann Anil.

Gesegnet mit Cleverness: Kindesrückführer Willy Kantorik am Steuer des Fluchtautos.

Gesegnet mit Cleverness: Kindesrückführer Willy Kantorik am Steuer des Fluchtautos.

Smit befürchtete, dass jetzt alles auffliegen würde. Doch Kantorik zückte eine Visitenkarte, die ihn als Arzt auswies. Smit, die er auf dem Flug nach Bombay kennen gelernt habe, helfe ihm beim Import von medizinischen Geräten nach Indien.

Auf Schweizerdeutsch wies Kantorik Smit an, wieder mit Anil anzubandeln, sich mit ihm zu versöhnen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Insgeheim hatte Anil wohl immer gehofft, seine Ex-Frau würde zu ihm nach Indien zurückkehren. Hatte er jetzt sein Ziel erreicht? Er bot ihr an, sie zu Asheesh zu begleiten.

Ein Nervenspiel und der Gang zum Kiosk

Am Dienstag, 30. August, 1983, spielt Asheesh mit einem Stück Holz am Bächlein vor dem Haus seiner Grosseltern. Er – und das erleichtert Smit ungemein – erkennt seine Mutter sofort wieder. Asheesh verschwindet zwar zunächst im Haus und versteckt sich unter dem Sofa, doch bald legt er die anfängliche Scheu ab.

Jetzt also kurzerhand mit ihrem Sohn in Richtung Flughafen aufbrechen? Kommt nicht infrage. Smits Schwiegervater ist Verkehrsmister im Bundesstaat Maharashtra, in dem Bombay liegt. Er könnte Flughäfen sperren. Geplant ist eine Flucht mit dem Auto.

Im Haus von Smits Schwiegereltern beginnt ein Nervenspiel. Asheeshs Vertrauen gewinnt sie bald, doch anfänglich kontrolliert sie dessen Familie auf Schritt und Tritt. Täglich, auch bei Monsunregen, spaziert sie mit ihrem Sohn zu einem nahe gelegenen Kiosk, um Süssigkeiten zu kaufen. Wie versprochen kehrt sie immer wieder zurück. Bis zu Tag zehn. Da warten Kantorik und Vostrel mit dem Fiat.

Jetzt beginnt eine mehrtägige Flucht in ständiger Angst, von der indischen Behörden gebremst zu werden. Das Quartett erreicht die Fähre, die Sri Lanka ansteuert. Der Kapitän weigert sich zunächst, das Auto zu transportieren. Kantorik regelt die Angelegenheit mit 4000 Franken Schmiergeld. Dann, am Montag, 12. September, betreten Smit, ihr Sohn und die Fluchthelfer srilankesischen Boden. Die Rückführung ist jetzt praktisch geglückt, es gilt nur noch die Heimreise in die Schweiz zur organisieren. Am folgenden Samstag trifft eine überglückliche Smit mit ihrem Sohn Asheesh, den sie so vermisst hatte, in der Schweiz ein.

Zunächst tauchen Smit und Asheesh in Luzern im Haus Bernarda unter, das von das den Schwestern vom Heiligen Kreuz Menzingen geführt wird. Ex-Mann Anil droht mehrfach, in die Schweiz zu fliegen und alle umzubringen. Um sich zu schützen, ändert Smit ihren Namen auf Meyer, Asheesh heisst fortan Simon.

Nach und nach fasst die alleinerziehende Mutter wieder Tritt. Sie zieht mit Simon nach Zürich, wo sie eine Stelle als Sekretärin findet. Es gelingt ihr, die insgesamt knapp 90 000 Franken teure Aktion bis auf den letzten Rappen abzuzahlen. Doch die Angst, Anil könnte sich rächen, mindert die Lebensqualität.

Karriere als Werber

Im August 1997 verstirbt er im Alter von bloss 45 Jahren. Beatrix vollzog für den Mann, den sie einst von ganzem Herzen geliebt hat, in ihrer Wohnung eine Abschiedszeremonie. Sie und ihr Sohn nehmen später wieder den Namen Smit an.

Beeindruckt vom Mut seiner Mutter: Simon und Beatrix Smit. (Bild: Severin Bigler)

Beeindruckt vom Mut seiner Mutter: Simon und Beatrix Smit. (Bild: Severin Bigler)

Simon überwand die Ent- und Rückführung schadlos, war ein guter Schüler, absolvierte nach der Sekundarschule eine Lehre als Koch. Später holte er die Matura nach und studierte an der Fachhochschule Winterthur Journalismus und Kommunikation. Smit ist Mitgründer der Creative Intelligence Society AG, einer Firma, die Unternehmungsberatung anbietet. Er hat sich in den letzten Jahren in der Werbebranche einen Namen gemacht. Er bekam Aufträge für grosse Firmen wie Migros, Sanitas oder Swisslife. Bevor er seine eigene Firma gründete, arbeitete er bei der Fluggesellschaft Swiss.

Er, vor kurzem selber Vater geworden, ist seiner Mutter dankbar, dass sie ihn in die Schweiz geholt hat. Wie sie das geschafft hat, beeindruckt ihn tief: «Es gibt vermutlich wenige Menschen, die so etwas, selbst wenn sie es wollten, durchziehen würden», sagt er. Und: «Meine Mutter ist die mutigste Frau, die ich kenne».

Hinweis der Redaktion

Kari Kälin ist der Autor des Buches: «Nicht ohne Simon. Kindesentführungen aus der Schweiz». Hier-und-Jetzt-Verlag. Die Vernissage findet am 15. Oktober, 19 Uhr, in der Stadtbibliothek Luzern statt.

Der Autor des Buches «Nicht ohne Simon»: Der Luzerner Journalist Kari Kälin.

Der Autor des Buches «Nicht ohne Simon»: Der Luzerner Journalist Kari Kälin.

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