ALTERSBETREUUNG: «Tauschbörse» für Helfer und Betagte

Rüstige Rentner helfen Betagten. Die Zeit dafür wird den Helfern verbindlich gutgeschrieben und lässt sich später einziehen. Das Modell macht Schule.

Rainer Rickenbach
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Themenbild (Bild: Archiv Neue LZ)

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In Cham informieren heute Abend* die Gemeinwesenarbeit-Organisation und der Verein Kiss über eine neue Form der Nachbarschaftshilfe. Sie geht über die spontane Hilfsbereitschaft hinaus, weil sie organisiert ist und den Helferinnen und Helfern die Aussicht bietet, später einmal ebenfalls in den Genuss des Unterstützungsangebots zu kommen. Denn im Zeitgutschriften-Modell wird über die geleisteten Hilfestunden Buch geführt. Benötigen die Helfer später einmal als Betagte selber Hilfe, können sie ihre Einsatzstunden geltend machen.

Küchenarbeit oder Einkauf

Es ist der gewaltige demografische Wandel (Grafik), der Privatpersonen auf die Idee bringt, Selbsthilfe-Genossenschaften fürs Alter ins Leben zu rufen. In der Zentralschweiz kennen bereits die Stadt Luzern und der Kanton Obwalden das Zeitgutschriftenmodell Kiss. Der Vereinsname steht für «Keep it small and simple». Der Name steht für ein niederschwelliges Angebot – eine Art Tauschbörse für Leute, die Hilfe suchen und Hilfe bieten.

«Vielen Betagten ist schon mit kleinen Hilfen zur Bewältigung des Alltags geholfen. Doch nicht alle können sich dafür professionelle Hilfe leisten. Da kommen die lokalen Kiss-Genossenschaften ins Spiel», sagt Ruedi Winkler, Vorstandsmitglied bei der Schweizer Kiss-Dachorganisation und früher Direktor des stadtzürcherischen Arbeitsamtes. Für ihn ist das Zeitgutschriftenmodell eine «vierte Säule», die sich ideell neben den finanziellen Einrichtungen AHV, Pensionskassen und der privaten Vorsorge einreiht.

Der Bedarf an den kleinen Hilfseinsätzen ist gross: Sei es, um die Küche von Betagten in Schuss zu halten, den Hund auszuführen oder beim Einkauf zu helfen. Winkler: «Wir streben mit den Hilfeleistungen an, dass die alten Menschen möglichst lange in den vertrauten eigenen vier Wänden bleiben können. Unser Angebot hört erst da auf, wo die Pflege anfängt. Sie ist Sache der Profis.»

Beraterin bringt Leute zusammen

Kiss schafft mit dem Zeitgutschriftenmodell eine gewisse Verbindlichkeit und mit den Geschäftsstellen eine Organisationsstruktur. Wer die Nachbarschaftshilfe beanspruchen oder selber anbieten möchte, trägt sich zuerst einmal als Mitglied einer lokalen Genossenschaft ein. Ein Anteilschein kostet 100 Franken. Der Ablauf für die Neulinge gewährleistet so gut wie möglich, dass Helfer (Fachjargon: Gebende) und Hilfesuchende (Fachjargon: Nehmende) zusammenfinden, die zueinander passen. Alle neuen Genossenschaftsmitglieder werden zu einem Einzelgespräch mit einer Beraterin eingeladen. Sie erfasst, welche Art von Hilfeleistungen die Gebenden anbieten und welche Unterstützung die Nehmenden benötigen. Wenn es passt, treffen sich Geber, Nehmer und die Kiss-Beraterin zu einem Kontaktgespräch. Sie legen gemeinsam fest, wie die Hilfeleistung ablaufen soll. Die Hilfeleistung nimmt maximal 6 Stunden pro Woche in Anspruch.

Verwandte werden entlastet

In Luzern und im Kanton Obwalden sind die Genossenschaften seit dem Sommer 2013 aktiv. «Bei uns in Luzern meldeten sich zuerst viele Helfer und kaum Hilfesuchende. Mit der Zeit kamen Angehörige von Betagten, die Entlastung für ihre Betreuungsarbeit bei uns suchten. Nach einer sehr gut besuchten Infoveranstaltung vergangene Woche häufen sich nun die Anfragen und Beitritte zur Genossenschaft. Es scheint als sei ein Schneeballeffekt in Gang gekommen», sagt Regula Schärli Beck, Geschäftsführerin der Stadtluzerner Kiss-Genossenschaft.

Gegründet wurde sie von einer achtköpfigen Gruppe mit Pflegefachleuten und Architekten. Schärli Beck: «Die alternde Babyboomer-Generation muss jetzt selber handeln, wenn sie in Würde altern will. Geld alleine genügt nicht.» Heute wirken in Luzern 118 Genossenschafter mit, 15 Tandembeziehungen zwischen Nehmenden und Gebenden bestehen bereits. Die Genossenschaft hat vor, sich in den Stadtquartieren zu organisieren. In Obwalden zählt Kiss heute 135 Genossenschafter. Sie haben 45 Tandembeziehungen entwickelt, etwa die Hälfte davon mit regelmässigen Dienstleistungen.

Die Innerschweizer zählen zusammen mit der Stadt St. Gallen zu den Schweizer Pionieren des Zeitgutschriften-Modells. Nebst Cham sind in den Kantonen Zürich und Aargau weitere Kiss-Genossenschaften am Entstehen.

Keine Garantie auf Gegenleistung

Die Hilfe leistenden Genossenschafter in Sarnen und Luzern haben indes keine Gewähr, später im Betagtenalter auf die Zuwendung jüngerer Genossenschafter zählen zu können. Es gibt zwar einen Anspruch darauf, doch der ist nicht abgesichert. Was geschieht, wenn das Projekt versandet? Kiss-Vorstandsmitglied Ruedi Winkler zweifelt die Nachhaltigkeit des Modells nicht an. «Heute helfen sich die Generationen gegenseitig. Es ist kaum anzunehmen, dass die nächste Generation sich verweigert. Warum sollte sie?» fragt er.

Die Sarner Einwohnergemeinderätin Manuela von Ah setzt auf die Vorbildwirkung (siehe Interview): «Das Projekt steht und fällt mit den Leuten, die sich am Projekt beteiligen. Sie zeigen den Jungen, wie man unkomplizierte Hilfe leisten kann.» Weiter als die Luzerner und Sarner gehen die St. Galler unter ihrem eigenen Label: Sie hinterlegen die Zeitguthaben der Hilfeleistenden mit Geld. Sollte sich das Modell nicht durchsetzen, haben die Helfer zumindest den Lohn aus ihrer Helferzeit zugute.

* Heute Abend, 20 Uhr, im Lorzensaal Cham