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ALTERSVORSORGE: Die Rentenreform und was Rentner dazu sagen

Der Abstimmungstag rückt näher, und er wirft seine Schatten voraus, weil er alle betrifft – auch die jetzigen Rentner, von denen sich die Gegner der Vorlage viele Nein-Stimmen erhoffen. Zu Recht? Eine kleine Tour de Suisse.
Dominic Wirth
Senioren im Café Zentrum Neugasse in St. Gallen: Dass sie die 70 Franken nicht erhalten werden, stört kaum einen der Rentner. (Bild: Urs Bucher (29. August 2017))

Senioren im Café Zentrum Neugasse in St. Gallen: Dass sie die 70 Franken nicht erhalten werden, stört kaum einen der Rentner. (Bild: Urs Bucher (29. August 2017))

Dominic Wirth

Nicht einmal vier Wochen dauert es noch, dann gilt es ernst: Am 24. September entscheidet das Schweizer Volk, wie es weitergehen soll mit der Altersvorsorge. Es ist eine der wichtigsten innenpolitischen Abstimmungen der letzten Jahre. Denn sie betrifft jeden Einzelnen im Land. Die Armen und die Reichen. Die Frauen und die Männer. Die Jungen – und auch die Alten, die Rentner. Mehr als ein Fünftel der Bevölkerung ist mittlerweile über 65 Jahre alt, und keine Altersgruppe geht häufiger an die Urne.

Kein Wunder, werden die Pensionierten umworben vor dieser Abstimmung, gerade von der bürgerlichen «Generationenallianz», die sich für ein Nein einsetzt. Die Rentner werden in ihren Augen «bestraft», weil sie den AHV-Zuschlag von 70 Franken im Gegensatz zu allen anderen nicht bekommen, die Reform über die Erhöhung der Mehrwertsteuer aber trotzdem mitfinanzieren. Wie aber schauen die Rentner tatsächlich auf die Reform?

St. Gallen, Vormittag

Das «Zentrum» liegt im Herzen der Stadt, gleich beim Marktplatz, doch es ist kein Café wie die anderen. Eine kleine Treppe führt hinein in eine andere Zeit, sie scheint stehen geblieben, vor vielen Jahren schon. Zeitungen und Zeitschriften liegen in Hülle und Fülle auf, in der Mitte des Raums steht ein mächtiger Baum aus Plastik, an den Wänden hängen Bilder von Albert Anker. Auf einer der ledernen Sitzbänke sitzt Fridolin Gähwiler vor einem Kaffee und sagt: «Es muss nach 20 Jahren Stillstand jetzt endlich wieder einmal etwas passieren, ­diese Reform ist nötig.» 75 Jahre ist der St. Galler alt, und er weiss schon, dass er Ja stimmen wird. «Die Mehrwertsteuer-Erhöhung ist nicht so verrückt hoch, dass man das wirklich spüren würde», wirft Max Weber, der am Nebentisch sitzt, ein. Der 69-Jährige hat einst als Aussendienstler viele Tage auf der Strasse verbracht, um Achsen für Lastwagen zu verkaufen. Als er ins Pensionsalter kam, hat er noch eine Zeit lang weitergemacht. «Ich finde, man kann den Leuten schon zutrauen, dass sie bis 67 arbeiten», sagt er; Weber hätte es gerne gesehen, dass auch das Rentenalter für die Männer erhöht wird.

Das sieht auch Ernst Vogel so. Er serviert an diesem Morgen den Kaffee, so, wie er das seit über 20 Jahren macht; 67 ist er mittlerweile, aber will noch weitermachen, sicher bis zum 70. Geburtstag. Vogel ist der Pächter im «Zentrum», er trägt Krawatte und Hemd und schmeisst den ganzen Laden alleine. Wenn er den Kaffee gebracht hat und das Gipfeli, dann stellt er sich gerne noch ein wenig an den Tisch, und nicht selten geht es dann um Politik, um «Herrn Blocher» oder «Frau Merkel». 350 Stammkunden sind Vogel über die Jahre weggestorben, und er hat für jeden die Kerze angezündet, die in seiner Gaststube steht. Wahrscheinlich gibt es in ganz St. Gallen keinen Wirt, der mehr über die Befindlichkeiten der Rentner weiss als Vogel. «Diese Reform beschäftigt bis jetzt vor allem die Politiker», sagt er, «bei meinen Gästen stelle ich überhaupt keine Empörung fest. Diese 70 Franken sind halt eine quantité négligeable.» Etwas später kommt ein kleiner Mann mit Glatze ins «Zentrum», der «ganz sicher» ein Nein einlegen wird. Vor kurzem habe er ein Interview gelesen mit Karin Keller-Sutter, der St. Galler Ständerätin, sagt er: «Sie setzt sich für ein Nein ein, also sage ich auch Nein, sie ist eine schlaue Frau.»

Zürich, Mittag

Im Seefeld-Quartier eilen Anzugträger zum Mittagessen, aus einer Berufsschule strömen aufgedrehte Teenager. Auch vor dem Zentrum der Pro Senectute herrscht reger Betrieb. Ein Mann kommt gerade aus einem Kursraum, es ging um einen Erfahrungsaustausch unter Pensionierten, die sich um andere Rentner kümmern. Jetzt zieht er sein Handy aus der Tasche, wischt über den Bildschirm, dann erscheint ein Zeitungsartikel. «Darum», sagt er dann und zeigt auf sein Smartphone, «sage ich Nein.» Im Artikel geht es um Mehrkosten in der zweiten Säule bei einem Ja, die vom Bund, so steht es da, nicht genannt würden. «Diese Reform lässt zu viele Fragen offen», sagt der Mann, und ein wenig erinnere ihn das an die Unternehmenssteuerreform. Am Ende gab es im Februar an der Urne ein krachendes Nein. «Es geht mir nicht darum, dass ich keinen Rentenzuschlag erhalte», sagt er, der seit einem Jahr pensioniert ist, «aber ich will wissen, was das alles kostet. Und das weiss ich einfach nicht.»

Einen Steinwurf entfernt, an der Uferpromenade des Zürichsees, spaziert eine Frau mit kurzen grauen Haaren in Richtung Innenstadt. Sie trägt verschiedene Ketten um den Hals und sagt einen Satz, der an diesem Tag immer wieder fällt: «Es muss vorwärtsgehen und etwas passieren mit unserem Rentensystem. Und dazu müssen alle einen Beitrag leisten, die Jungen und auch wir Älteren.» Dass sich nun viele Junge nerven, weil sie am Ende am meisten bezahlen müssen, versteht die Zürcherin nicht. Einst war sie Pflegeassistentin, hat später ihre Kinder betreut und dann Angehörige. «Das ist auch ein Beitrag zum Generationenvertrag, einfach einer, der nicht entlohnt wird», sagt sie.

Luzern, Nachmittag

Als das MS Weggis sich mit einem Gruss aus dem Schiffshorn von der Stadt verabschiedet, schleichen sich im Hintergrund schon dunkle Wolken an den Pilatus. Auf den Decks sitzen Touristen, aber auch viele Rentner, die eigentlich mit schönem Wetter gerechnet hatten. Vom Heck aus schaut ein pensioniertes Paar zum Bürgenstock. Die Zuger haben spontan beschlossen, den Tag auf dem Vierwaldstättersee zu verbringen. «Gewöhnliche Leute» seien sie, erzählt die Frau, und: «Ich bin nicht neidisch, auf niemanden. Der AHV-Zuschlag ist für mich bestimmt kein Grund, die Reform abzulehnen», sagt sie, und das sehen alle der an diesem Tag befragten Rentner so. Einst hatte die Zugerin für das Frauenstimmrecht gekämpft. Heute ärgert sie sich, wenn ihr junge Frauen sagen, Politik interessiere sie nicht, weil sie schlicht «zu kompliziert» sei.

Kompliziert ist die Rentenreform auch für zwei andere Menschen, die an diesem Nachmittag an Bord sind. Als der Regen längst in grossen Tropfen auf den See prasselt und eine dichte Wolkenwand die Innerschweizer Berge verhüllt, erzählen Angelika und Werner Danioth, weshalb sie am 24. September eine besonders schwere Entscheidung zu treffen haben. «Bei einem Ja verschiebt sich mein Rentenalter um ein halbes Jahr», sagt Angelika Danioth, die in Altdorf in einer Kita arbeitet. Ihr Mann leitete einst das Urner Amt für Soziales; seit Ende Januar ist er pensioniert. «Die Rentenreform ist schon ein grosses Thema für uns», sagt er. Und so sitzen die beiden zusammen und wägen ab, denken an das höhere Rentenalter von Angelika, aber auch an die Konsequenzen eines Neins, weil sie eigentlich beide finden, dass es eine Reform braucht. Wie sie am Ende abstimmen, haben sie noch nicht entschieden.

Abstimmung vom 24. September: Parolenspiegel
Infogram

Angelika und Werner Danioth aus Altdorf. (Bild: Dominic Wirth)

Angelika und Werner Danioth aus Altdorf. (Bild: Dominic Wirth)

Ernst Vogel, Wirt im Café Zentrum in St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Ernst Vogel, Wirt im Café Zentrum in St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

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