ALTERSVORSORGE: «Unternehmen werden umdenken»

Die Babyboomer gehen in Rente. Das führt zu Finanzierungs­nöten. Der emeritierte Professor Peter Gross indes sieht die pilzförmige Alterspyramide als Fortschritt der Zivilisation.

Interview Rainer Rickenbach
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Junge und Alte haben beide ihre Qualitäten. Das Bild entstand an der Geigenbauschule in Brienz. (Bild: Keystone/Martin Ruetschi)

Junge und Alte haben beide ihre Qualitäten. Das Bild entstand an der Geigenbauschule in Brienz. (Bild: Keystone/Martin Ruetschi)

Mit seinem Buch «Wir werden älter. Vielen Dank. Aber wozu?»* schaffte es der emeritierte St. Galler Professor Peter Gross (73, Bild) in die Top Ten der Schweizer Sachbücher. Er erkennt in der in Schieflage geratenen Alterspyramide nicht ein furchterregendes atompilzähnliches Gebilde, sondern eine schön geformte Vase.

 

Peter Gross, die UBS-Ökonomen malen ein düsteres Bild für die nächsten Jahrzehnte: Eine vergleichsweise geringe Zahl von Berufstätigen muss finanziell für eine immer grössere Zahl von länger lebenden Rentnern aufkommen. Bereitet Ihnen das keine Angst?

Peter Gross: Sicher, die Zahlen sind nicht ermunternd. Doch ich gebe zu bedenken: Die Annahmen mit den exorbitanten Staatsschulden, AHV-Beiträgen und Steuern gehen ausnahmslos davon aus, dass sich alles genau gleich weiterentwickelt wie bisher. Bis 2020 und erst recht bis 2040 wird sich indes politisch, wirtschaftlich und technologisch sehr viel verändern.

Die Ersten der Babyboomer-Generation sind schon in Rente. Ihnen folgen innert weniger Jahre weitere Hunderttausende. Daran wird sich nichts ändern.

Gross: An diesen Zahlen nicht, nein. Doch die Wirtschaft lernt umzudenken. Sie ist mit jedem erfahrenen Abgänger aus Altersgründen mehr auf Fachkräfte angewiesen. Sie wird entdecken, dass sie auf das Wissen der Rentner nicht verzichten kann und Teilzeitstellen schaffen müssen, die dem dritten Lebensabschnitt gerecht werden. Darum kommt sie gar nicht herum, denn auch das Durchschnittsalter ihrer Kundschaft steigt.

Die meisten Arbeitgeber in der Schweiz schauen zwar gut zu ihren Mitarbeitenden über 50. Doch Neue in diesem Alter stellen sie nur in Ausnahmefällen ein.

Gross: Das ist ein grosser Fehler. Ich erkläre es Ihnen an einem Beispiel: Einer Bekannten empfahl ich kürzlich eine Bank, als sie mich nach einer kompetenten Beratung für ihre Vermögensangelegenheiten fragte. Als ich sie ein paar Tage später wieder traf, war sie vom Banktermin enttäuscht. Von einem Jüngelchen lasse sie sich bestimmt nicht beraten, sagte sie.

Was lief schief?

Gross: Sie hätte Rat von jemandem gebraucht, der mit ihr auf Augenhöhe ist. Jemand mit Erfahrung hätte ihr bestimmt keine Produkte mit einem Anlagehorizont von zwanzig Jahren empfohlen. Die Swisscom zum Beispiel hat es erkannt: Geht im Call Center ein Anruf ein, erscheint das Alter der Anrufenden auf dem Display ihrer Mitarbeitenden. Handelt es sich um Kunden im Alter von 70 oder 80, wird er zu einer erfahrenen Auskunftsperson verbunden. Eine, die nicht von einem Router, sondern von dem weissen Böxli mit den Lämpchen vorne redet. Vielleicht hat Swisscom einen Demografie-Check gemacht?

Was darf man darunter verstehen?

Gross: Mit Blick auf den demografischen Umbruch ist jedes Unternehmen gut beraten, einen Demografie-Check durchführen – vom KMU bis zum Grosskonzern. Um Antworten auf Fragen zu finden wie: Wie alt sind unsere Kunden? Wie verhält es sich mit der Altersstruktur in der Belegschaft? Sind beide zu jung oder zu alt, sind Korrekturen nötig. Sowohl bei den Kunden als auch bei den Mitarbeitenden kommt es auf die richtige Mischung an. Die meisten Betriebe legen Wert darauf, wenn es um den Frauenanteil geht. Es ist dringend notwendig, dass sie der Altersfrage mindestens so viel Aufmerksamkeit schenken.

Gibt es denn überhaupt genügend Stellen für Leute im Rentenalter?

Gross: Heute arbeiten vor allem Akademiker über die Altersgrenze hinaus. Die Arbeitgeber sollten ihr Augenmerk aber nicht auf sie beschränken, denn Erfahrung ist in allen Berufen hilfreich. Ich denke dabei vor allem an Aufsichtsfunktionen, vom Hausabwart bis hin zu dem Flughafenmitarbeiter in Leitungsposition, der kürzlich per Inserat einen Teilzeitjob für die Zeit nach seiner Pensionierung suchte. Oder Rauschebärte im Sicherheitsdienst: Sie wissen genau, worauf zu achten ist. Neue Besen kehren gut. Doch die alten wissen, wo sich der Dreck verborgen hält.

Wenn sehr viele Rentnerinnen und Rentner einer Arbeit nachgehen, entlastet das zwar die Sozialwerke. Doch gelöst ist die Renten- und Gesundheitsfinanzierung der Babyboomer-Generation damit noch nicht.

Gross: Wir werden sehen. Warum steht eigentlich immer nur diese Frage im Mittelpunkt?

Weil das Land vor einem enormen Finanzierungsproblem steht.

Gross: Dass wir länger leben und gesünder alt werden, ist doch der grösste zivilisatorische Fortschritt der letzten 2000 Jahre. Und die Schweiz gehört in dieser Rolle zu den Marktführern weltweit. Wenn ich mich mit Kollegen aus Brasilien unterhalte, sagen sie: Eine Alterspyramide verbunden mit so viel Wohlstand wie bei euch möchten wir auch haben. In diesen Ländern melden sich Hunderte von jungen Menschen auf eine einzige Lehrstelle. In Südeuropa leben ganze Familien von den Renten der Grosseltern. In der Schweiz hingegen sind 70 000 Lehrstellen zu vergeben, und bloss 60 000 lassen sich besetzen. Hier leben heute drei oder vier Generationen einer Familie, die sich gegenseitig unterstützen können. Das gab es zuvor nur in Ausnahmefällen. Die Generationen werden sich helfen, wenn der Anteil der Langlebenden weiter steigt.

Mit Eigenverantwortung lässt sich also ein Teil des demografischen Umbruchs finanziell abfedern?

Gross: Sicher. Die Kleinfamilien führten zu hohen Zuneigungsquoten innerhalb ihres Kreises. Das ist ein wichtiger emotionaler Wert, sie lassen sich gegenseitig bestimmt nicht hängen. Kommt hinzu: Um ihren Wohlstand kann es nicht so schlecht bestellt sein, wenn jedes Jahr 30 Milliarden Franken an die nächste Generation vererbt werden.

 

* «Wir werden älter. Vielen Dank. Aber wozu?», Verlag Herder, 4. Auflage 2014, 21.90 Franken