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AMBRÌ-PIOTTA: Ein Tal fürchtet den Abstieg seiner Sporthelden

Ambrì-Piotta spielt ab heute in der Ligaqualifikation gegen Langenthal. Dabei geht es nicht nur um den Klassenerhalt in der NLA, sondern auch um das Überleben des legendären Eishockeyclubs in der Leventina.
Gerhard Lob, Ambrì
Ambris Stadion, die Valascia, ist in die Jahre gekommen. Der Neubau ist umstritten, der Spatenstich soll aber im Juni erfolgen.

Ambris Stadion, die Valascia, ist in die Jahre gekommen. Der Neubau ist umstritten, der Spatenstich soll aber im Juni erfolgen.

Gerhard Lob, Ambrì

Forza Ambrì. In gewaltigen Lettern prangt der Schriftzug auf der Stirnseite der Valascia, dem Eishockeystadion von Ambrì. Natürlich in Weiss-Blau, den Vereinsfarben. Forza steht für «Kraft», aber auch für kräftiges Anfeuern: «Los jetzt!» Und genau das braucht das Team aus der Leventina, wenn es ab heute in der Ligaqualifikation gegen Langenthal spielt und einen Abstieg in die Nationalliga B verhindern will. Immerhin seit 1985 spielt der HCAP ohne Unterbruch in der NLA, doch nach einer miserablen Saison wird im Tessin ernsthaft über die Möglichkeit des Abstiegs und dessen allfällige Folgen diskutiert. Sollte der Fall eintreten, wäre dies nicht nur ein sportliches, sondern auch ein gesellschaftliches und wirtschaftliches Ereignis für den Südkanton und die strukturschwache Leventina.

Was würde ein Abstieg bedeuten? «Diese Option ziehen wir gar nicht in Betracht», meint lapidar ein HCAP-Mitarbeiter am Spielfeldrand der Valascia an diesem Vormittag nach dem Training der Mannschaft. Er gibt sich zweckoptimistisch, schliesslich sei die Krise ja so eine Art Dauerzustand, «zumindest seit zehn Jahren».

Ganz ähnlich äussern sich zwei Frauen, die vor dem Vereinssitz, dem ehemaligen Bahnhofsgebäude, diskutieren. «Der HCAP muss gewinnen, es gibt keinen Plan B», sagte dieser Tage auch Valerio Jelmini, Präsident der Gemeinde Quinto, zu der die Ortschaft Ambrì gehört. Punto e basta.

«Wenn der HCAP absteigt, ist fertig»

Weiss-blaue HCAP-Fahnen, darunter einige mit Che-Guevara-Porträt, flattern an einigen Häusern im Ort. Im Albergo-Ristorante Monte Pettine gleich neben der Valascia hängt ein Kalender mit Mannschaftsfotos über der Bar. Die Situation des Vereins ist Gesprächsthema. «Wenn der HCAP absteigt, ist fertig», sagt Gerantin Christina Domeniconi. Sie glaubt, dass es das Ende für den Verein bedeuten könnte. Denn wo sollten dann noch die Millionen herkommen? Dante, ein gut beleibter Stammgast aus dem Dorf, widerspricht: «Nein, das glaube ich nicht, aber es wird mindestens zehn Jahre dauern, bis Ambrì wieder aufsteigt.» Die Situation dieses Restaurants zeigt gut auf, welche Bedeutung der Club in der Leventina hat. Am Mittag sitzen gerade mal gut zehn Personen beim Mittagstisch. «Doch an Spielabenden ist es hier immer total voll», sagt Juri Domeniconi. Sollte der Club nur noch auf NLB-Niveau spielen, würden viele Fans wohl ausbleiben. «Es wäre gravierend.» Auch die leidenschaftlichen Derbys gegen den Kantonsrivalen Lugano wären dann vorerst Geschichte.

Senior Dante wohnt nur wenige Meter von der Valascia entfernt, ist aber seit 30 Jahren nicht mehr zu einem Spiel gegangen. «Sollte der Gotthardtunnel und die Piottina, die Schlucht nach Faido, geschlossen sein, gäbe es wohl nicht mehr als 200 Zuschauer im Stadion», sagt er. Und bringt damit die eigenartige Situation des Clubs gut auf den Punkt. Denn der Löwenanteil der Fans kommt von weit her, aus dem Bellinzonese, Locarnese, Luganese und Mendrisiotto, manche aus der Deutschschweiz. Zu den Heimspielen wälzen sich Tausende von Autos die Leventina hinauf. Für die Fans ist Ambrì-Piotta ein Mythos, als armer Club aus dem Bergtal, der sich mit einheimischen Spielern gegen die reichen Clubs aus den urbanen Räumen zur Wehr setzt. Eine Art gallisches Dorf. Zudem liebt man die für ihre Kälte bekannte Valascia, die noch richtige Eishockey-Atmosphäre bietet. Vollbrünstig wird hier nach Spielgewinn, sofern es mal einen gab, die Vereinshymne «La Montanara» geschmettert.

Dabei ist die Realität viel komplexer. Auch der HCAP kauft bei einem Budget von 13 Millionen Franken die Mehrheit seiner Spieler von aussen ein. Aus der eigenen Jugendarbeit kommen kaum noch Nachwuchskräfte ins A-Kader. Selbst die Spieler pendeln ins Unterland, wollen nicht in der Leventina wohnen. Nicht einmal die in der Valascia angebotenen Bratwürste und Hamburger stammen aus der einheimischen Metzgerei, sondern werden von Sponsor Rapelli aus Stabio im Südtessin geliefert. Flavio Viglezio, Sportchef der Tageszeitung «Corriere del Ticino» behauptete dieser Tage in einer Analyse zur Clubmalaise, «dass der HCAP im letzten Jahrzehnt zum Grossteil seine Identität verloren hat.» Doch unbestreitbar ist der 1937 gegründete Club ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Leventina – und nicht nur wegen der festangestellten Mitarbeitenden. Dies zeigt die Zusammenarbeit mit kasachischen Investoren, die in Piotta eine Sportakademie einrichten wollen, vor allem aber das Projekt für ein neues, multifunktionales Stadion, das auf dem ausrangierten Flughafenareal neben der A2 erstellt werden soll, weil die Valascia am jetzigen Standort wegen Lawinengefahr nicht ausgebaut werden kann.

50-Millionen-Stadion für einen B-Club?

Im Juni soll der Spatenstich für das 50-Millionen-Franken-Projekt aus der Feder von Stararchitekt Mario Botta erfolgen. Doch hat ein solches Stadion überhaupt Sinn, wenn der HCAP in der NLB spielen sollte, zumal noch nicht alle Investorengelder aufgetrieben sind? «Ein Verzicht ist keine Option», teilt Clubpräsident und CVP-Ständerat Filippo Lombardi schriftlich aus Bangladesch mit, wo er gerade an einem internationalen Parlamentariertreffen teilnimmt. Überhaupt Lombardi. «Seine Ära läuft ab», ist im Dorf zu hören. Aber dies hat man in der Vergangenheit schon oft gesagt. Er amtiert seit April 2009 und hat immer wieder Krisen gemeistert, Fundraisings und Spendenaktionen aufgegleist, um den permanent von Geldsorgen geplagten Club zu retten. Doch hat er die richtigen strategischen Entscheide getroffen? Wie sieht er seine Zukunft? «Nach dem Saisonende werden wir eine Diskussion mit allen Fans und Unterstützern führen, und dann die entsprechenden Entscheide fällen», schreibt er.

Fürchten ums Geschäft: Juri und Christina Domeniconi, Geranten des Albergo-Ristorante Monte Pettine. (Bild: Gerhard Lob)

Fürchten ums Geschäft: Juri und Christina Domeniconi, Geranten des Albergo-Ristorante Monte Pettine. (Bild: Gerhard Lob)

Bild: Karte: jb

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