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ANLEGER: Politik soll die Aktionäre schützen

Der Fall Sika zeigt, dass im Schweizer Aktienrecht Publikumsaktionäre unge­nügend geschützt sind. Aktionärsrechtler fordern eine Verschärfung der Gesetze.
Ernst Meier
Bei Roche halten die Nachkommen der Gründerfamilien die Zügel fest in der Hand. Im Bild eine Aktionärsversammlung des Pharmakonzerns. (Bild: Keystone)

Bei Roche halten die Nachkommen der Gründerfamilien die Zügel fest in der Hand. Im Bild eine Aktionärsversammlung des Pharmakonzerns. (Bild: Keystone)

Ernst Meier

Winkt die Wettbewerbskommission die Übernahme von Sika durch Saint-Gobain durch, so wird der Fall als krasses Beispiel einer Benachteiligung von Publikumsaktionären gegenüber dem Hauptaktionär in die Schweizer Wirtschaftsgeschichte eingehen. Die Sika-Gründerfamilie erhält einen Aufpreis auf ihrem Aktienpaket von 80 Prozent, die Publikumsaktionäre verlieren gleichzeitig 25 Prozent gegenüber dem Schlussstand der Aktie vor Bekanntgabe des Deals.

Damit hat die Übernahme bis gestern Abend einen Buchwert von fast 2 Milliarden Franken vernichtet. Den Kleinaktionären und institutionellen Anlegern wie Banken, Fonds oder Pensionskassen bleibt der Schaden und das Jammern über das in ihren Augen unfaire Vorgehen der Sika-Gründerfamilie.

Die Spielregeln waren bekannt

Beklagen über die Ungleichbehandlung beim Sika-Deal dürfte sich aber eigentlich niemand, denn jedem Investor waren die Spielregeln des Unternehmens in den Statuten ersichtlich. Die Unterscheidung zwischen Stimmrechts- und Inhaberaktien sind gemäss Schweizer Aktiengesetz zulässig. Auch die Opting-out-Klausel geht in Ordnung. Sie erlaubt es Saint-Gobain, das Aktienpaket der Sika-Familie zu kaufen, ohne allen anderen Aktionären ebenfalls ein Kaufangebot zu unterbreiten.

Weitere Firmen sind so aufgestellt

Was bei Sika passiert ist, kann sich bei anderen Schweizer Traditionskonzernen ebenfalls ereignen. «Solch vermeintlicher Schutz vor unfreundlichen Übernahmen durch Dritte ist hierzulande noch weit verbreitet vor allem bei familienkon­trollierten Unternehmen», weiss Gregor Greber vom Aktionärsrechtler zRating. Roche und Swatch seien zwei der prominentesten Beispiele. Bei beiden SMI-Titeln liegt die Stimmrechtsmehrheit bei den Nachkommen der Gründerfamilie. So kontrollieren die Erben Hoffmann und Oeri mit 50,07 Prozent der Stimmen den Roche-Konzern. Die meisten Publikumsaktionäre beteiligen sich mit stimmrechtslosen Genussscheinen am Aktienkapital. Löblich ist laut Greber aber, dass keine Opting-out-Klausel besteht. Auch bei Swatch kennt man zwei Aktienkategorien mit ungleicher Stimmkraft: Namens- und Inhaberaktien. Hinzu kommt, dass der von den Hayeks dominierte Uhrenkonzern weitere Einschränkungen für Publikumsaktionäre kennt: Eintrags- und Stimmrechtsbeschränkung. Mit diesen beiden Massnahmen kann das Unternehmen verhindern, dass Aktionäre ihre Stimmkraft mit dem Zukauf von weiteren Aktien erhöht.

Auch das Reiseunternehmen Kuoni wird aufgrund dieser Schutzmassnahmen von Aktionärsrechtlern kritisiert. Die Kuoni-Hugentobler-Stiftung kontrolliert mit 6,25 Prozent des Aktienkapitals rund 25 Prozent der Stimmrechte. Das reicht für die Mehrheit aus, weil das Stimmrecht von anderen Grossaktionären auf maximal 3 Prozent eingeschränkt ist.

Auch bei den Zentralschweizer Börsenfirmen ist die Ungleichbehandlung der Aktionäre weit verbreitet. Schindler, Bossard, Metall Zug, Dätwyler und Zug Estates schützen sich entsprechend vor zu viel Einfluss der Publikumsaktionäre. Beim Zuger Verbindungstechniker Bossard machte vor vier Jahren das Gerücht die Runde, das Unternehmen könnte durch einen Konkurrenten geschluckt werden. Dies wäre jedoch nur möglich, wenn die Gründerfamilie ihre Stimmrechtsaktien verkauft analog zu Sika. Doch Bossard dementierte. Das Unternehmen ist seit sieben Generationen in Familienbesitz. «Wir sind überzeugt, dass ein starker, berechenbarer Kernaktionär für ein Unternehmen wie Bossard nach wie vor wertvoll ist», sagt dazu Thomas Schmuckli, VR-Präsident von Bossard. Er selber gehört zur Erbenfamilie. Neben ihm ist mit Helen Wetter-Bossard ein weiteres Familienmitglied im Verwaltungsrat. Operativ im Unternehmen tätig sind sogar drei Angehörige der siebten Generation. «Alle unsere Pläne sind darauf ausgerichtet, dass wir Bossard als Familienunternehmen mit den Aktionären weiter gestalten werden», sagt Thomas Schmuckli. Auch bei Bossard fordern Investoren immer wieder die Einführung der Einheitsaktie. «Wir lehnen das ab», sagt er. Der Grund sei der «Schutz vor einer feindlichen Übernahme». Thomas Schmuckli ist überzeugt: «Unser Unternehmen kann sich mit diesen Strukturen sehr gut entwickeln und eine gute Performance für die Aktionäre erzielen.»

Aktienrecht in der Vernehmlassung

Der Schutz der Publikumsaktionäre zu erhöhen, liegt derzeit in den Händen der Politik. So verabschiedete der Bundesrat Ende November den Entwurf für die Revision des Aktienrechts zur Vernehmlassung. «Wir vermissen darin eine deutliche Verbesserung der Stellung der Publikumsaktionäre in Bezug auf die Kapitalstruktur», sagt Gregor Greber, der sich mit seinem Unternehmen zRating für die Rechte von Aktionären einsetzt. «Der wichtige Grundsatz des Gleichlaufs von Kapital- und Stimmrechten, ‹one share, one vote›, als bedeutendstes Element der Aktionärsdemokratie kommt nicht vor», sagt Greber. Es sei sogar vorgesehen, die Bedeutung der stimmrechtslosen Partizipationsscheine aufzuwerten. Auch die Abschaffung der Opting-out-Klausel sei nicht erwähnt. «Das sind alte Zöpfe, die es ersatzlos zu streichen gilt», sagt Greber.

Aktionärsrechtler Greber ist überzeugt, dass der «Fall Sika» für die Revision des Schweizer Aktienrechtes eine Signalwirkung haben könnte. «Bisher versuchten Unternehmen die Einschränkungen der Aktionärsrechte mit einem besseren Schutz der Kleinaktionäre zu begründen. Nun sieht man, dass bei Sika sowohl die Publikumsaktionäre wie auch der Verwaltungsrat gegen den ‹feindlichen Verkauf› und deren Folgen nicht geschützt waren. Die Auswirkungen auf den Aktienkurs waren verheerend.»

Ungleich behandelte Aktionäre. (Bild: Grafik: Loris Succo, Quelle: zRating.)

Ungleich behandelte Aktionäre. (Bild: Grafik: Loris Succo, Quelle: zRating.)

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