ANTIDEPRESSIVA: Schnelldiagnose mit fatalen Folgen

Erschreckend oft kommt es vor, dass Leute, die schlecht drauf sind, von ihren Hausärzten starke Antidepressiva verschrieben bekommen. Ohne genaue Abklärung, ohne fundierte Diagnose – dafür mit weit reichenden Konsequenzen für die Betroffenen. Drei Beispiele aus Luzern, die auch unter Fachleuten zu reden geben.

Pascal Imbach
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Längst nicht in jedem Fall helfen Antidepressiva gegen Antriebslosigkeit und düstere Gedanken. (Bild: Keystone/Dominic Favre)

Längst nicht in jedem Fall helfen Antidepressiva gegen Antriebslosigkeit und düstere Gedanken. (Bild: Keystone/Dominic Favre)

Depression und Burn-out sind in den vergangenen Jahren zu regelrechten Volkskrankheiten geworden. Ein guter Arzt aber weiss: Längst nicht jeder, der sich schlecht fühlt, braucht Medikamente, die seine Psyche stimulieren – ganz im Gegenteil: Wer Antidepressiva einnimmt, ohne dabei therapeutisch begleitet zu werden, der droht vollends den Boden unter den Füssen zu verlieren.

Wie schnell Patienten von unvorsichtigen Medizinern mit psychopharmazeutischen Mitteln versorgt werden, zeigen drei Beispiele aus Luzern. Die Namen wurden auf Wunsch der Betroffenen geändert.

Der Fall Lena

Die 25-jährige Lena hat ein Tief. Im Job läuft es nicht wie gewünscht, es gibt Probleme mit Vorgesetzten. Die Unzufriedenheit wirkt sich zunehmend auch auf das Privatleben der Krienserin aus. Sie fühlt sich unausgeglichen, antriebslos, reagiert bisweilen gereizt auf ihr Umfeld. Als die Situation über mehrere Wochen anhält, sucht sie Rat bei ihrem Hausarzt in Kriens beziehungsweise bei dessen Stellvertreter, da er gerade in den Ferien weilt. Der Arzt hört sich rund zehn Minuten an, was Lena zu erzählen hat, und verschreibt ihr das Antidepressivum Mirtazapin. Das Mittel schlägt ein wie eine Bombe – allerdings im negativen Sinn: «Die ersten drei bis vier Tage hat es mich komplett ausgeschaltet», schildert Lena. «Ich lag nur noch im Bett, war kaum einmal zwei Stunden am Stück wach, fühlte mich schlechter als jemals zuvor. So was habe ich noch nie erlebt.» Auch nach den ersten Tagen lassen Müdigkeit, Antriebslosigkeit und negative Gedanken nicht nach. Zwei Wochen nimmt sie auf Anraten ihres Arztes das Medikament. Wie sehr es in ihre Psyche eingreift, erfährt sie erst, als sie den Beipackzettel durchliest. Darin steht unter anderem: Es kommt vereinzelt vor, dass Patienten eine Tendenz aufweisen, Suizidgedanken zu entwickeln beziehungsweise an Selbstverletzung zu denken (normalerweise während der ersten zwei Wochen, manchmal auch länger). Als Lena nach einer Woche Angstzustände plagen, sucht sie den Stellvertreter ihres Hausarztes erneut auf. Dieser verschreibt ihr obendrauf auch noch das stark abhängig machende Beruhigungsmittel Lexotanil.

Lena wird skeptisch, bricht die Behandlung nach zwei Wochen aus eigener Initiative ab. «Ich merkte, dass etwas schiefläuft, dass mir die Medikamente viel mehr schaden als nützen.» Während sie das Medikament einnimmt, ist sie keinen einzigen Tag in der Lage, ihrem Bürojob nachzugehen – und nicht nur psychisch, auch körperlich setzen ihr die Mittel massiv zu: Innert zweier Wochen nimmt sie 7 Kilo zu. Inzwischen ist sie wieder bei ihrem Hausarzt in Behandlung, dieser hat sich eingehend mit ihrer Situation befasst, hat positiv auf sie eingeredet, sie ermuntert, sich beruflich neu zu orientieren – und ihr ein Medikament verschrieben, welches auf die Schwere ihrer Beschwerden angepasst ist. Inzwischen geht es ihr merklich besser.

Der Fall Reto

Reto fühlt sich ausgebrannt. Über Jahre ist er seinem Studium und verschiedenen Nebenjobs nachgegangen, in der Familie gabs Probleme, die Eltern sind getrennt. Er fühlte sich für alles und jeden aus seinem Umfeld zuständig, versuchte überall zu helfen. Der 28-Jährige kommt an den Punkt, an dem er nachts nicht mehr durchschläft, morgens erschöpft zur Arbeit erscheint, unkonzentriert ist und den hohen Ansprüchen, die er an sich selber stellt, nicht mehr gerecht werden kann. Der Luzerner erkennt den Ernst der Lage und wendet sich erst an einen Allgemeinmediziner, dann an einen Psychiater. Für diesen ist klar: Hier gibt es Anzeichen auf eine Depression, möglicherweise steht er gar kurz vor einem Zusammenbruch, einem sogenannten Burn-out. Die vom Psychiater verschriebene Lösung des Problems heisst Effexor. Das laut Herstellerbeschreibung «stimmungsaufhellende» Medikament soll den Patienten wieder in die Spur bringen, und zwar schnell.

Die Auflistung möglicher Nebenwirkungen dieses Mittels ist knapp 5000 Zeichen lang – das ist ein Umfang, der ungefähr der Textlänge dieses Zeitungsartikels entspricht. Bessern tut sich damit aber gar nichts – im Gegenteil. «Ich fühlte mich Tag und Nacht ununterbrochen wie betrunken, allerdings nur körperlich – ohne die mentalen Hochgefühle, die man während eines Alkoholrausches bisweilen verspürt.» Sogar seine Sprachfähigkeit sei unter dem Medikamenteneinfluss beeinträchtigt gewesen, schildert Reto. «Ich redete, als hätte ich Watte im Mund – undeutlich, schwerfällig. Hätten mich Leute in diesem Zustand gesehen, hätten sie gedacht, ich sei mit Drogen vollgepumpt.»

Schliesslich interveniert Reto. Das Medikament wird abgesetzt. Erst jetzt folgt eine ausführliche Untersuchung. Das Resultat lässt aufhorchen: Es hat weder mit einer Depression noch mit einem Burn-out etwas zu tun. Reto leidet an einer Schlafstörung, einer therapierbaren Form von Narkolepsie. Mit der entsprechenden Begleitung von Fachleuten des Schlaflabors des Luzerner Kantonsspitals und Medikamenten, die ihm zu einem geregelten Tag-Nacht-Rhythmus verhelfen, ist Retos Problem gelöst.

Der Fall Angelika

Angelika ist 33 und Büroangestellte. Sie hat gerade eine schwierige Trennung hinter sich. Nach den ersten Wochen, in denen sie sich mit Ausflügen, Ferien und Ausgang abzulenken versuchte, vergräbt sie sich zusehends zu Hause. Ihrer Arbeit auf der Verwaltung einer Luzerner Gemeinde geht sie zwar weiterhin nach, sie wirkt aber betrübt und abwesend. Ihrem Umfeld fällt die schlechte Stimmung der Frau auf. Sie konsultiert ihren Hausarzt. Dieser macht einen Gesundheitscheck – nebst einem leichten Eisenmangel, den sie bereits medikamentös behandelt, fehlt ihr nichts. Die Schnelldiagnose: Depression. Der Arzt händigt ihr die Medikamente Stilnox und Mianserin aus. Ersteres ist ein starkes Schlafmittel, dessen Wirkstoff zu den sogenannten Hypnotika gehört. Angelika reagiert extrem darauf: «Die Tabletten knipsten mir regelrecht das Licht aus. Obwohl ich mich an die Anweisungen meines Arztes hielt, konnte ich am Morgen kaum aufstehen, weil ich dermassen k. o. war. Mehrmals verschlief ich mich um Stunden.»

Noch schlimmer ist die Wirkung des zweiten Medikaments, eines Antidepressivums, das in erster Linie als Stimmungsaufheller dienen soll. Von einem positiven Effekt kann aber keine Rede sein. «Vor der Einnahme des Mittels hatte ich das Gefühl, schlecht drauf zu sein. Nach einer Woche mit Mianserin aber dachte ich erstmals, wirklich krank im Kopf zu sein. Ich hatte düstere Gedanken, neigte dazu, mir selber zu schaden, indem ich nichts mehr ass oder mich mit der Haarbürste oder der Nagelfeile an Armen und Beinen verletzte. Die Einnahme der Substanz hat mich im wahrsten Sinn des Wortes zu einem anderen Menschen gemacht.» Zu einer psychologischen Abklärung hat ihr der Hausarzt zu keinem Zeitpunkt geraten. Nach neun Tagen bricht sie die Medikamenteneinnahme ab und sucht eine Psychologin auf. Die Betreuung findet fortan in Form von Gesprächen statt – ohne Medikamente.

Kopfschütteln bei Experten

Doch wie kann es sein, dass Patienten ohne genaue Abklärung mit Antidepressiva versorgt werden? Nicht nur Betroffene, auch Fachleute schütteln darob den Kopf. Einer von ihnen ist Martin Büeler, Biochemiker und Laborleiter bei Synlab Suisse in Frauenfeld, einem führenden Unternehmen für humanmedizinische Labordienstleistungen. Büeler kennt die im Text erwähnten Medikamente bestens. Für ihn ist klar: Es gibt viele Ärzte, die harte Medikamente verschreiben, ohne sich eingehend mit den Krankheitsbildern der Patienten auseinanderzusetzen. Bei den Hausärzten lässt man diese Kritik nicht gelten. Der Druck auf die Ärzte sei schlicht zu gross (siehe Kasten unten).