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Angestellte profitieren vom Wirtschaftsboom

Die Arbeitslosigkeit ist derzeit so tief wie seit zehn Jahren nicht mehr. Die Zahl der Personen ohne Job sank 2018 zeitweise um fast 30 Prozent. Mit einer Wiederholung im gleichen Mass ist allerdings nicht zu rechnen.
Andreas Möckli und Thomas Griesser Kym
Auch die Älteren profitieren, die Arbeitslosenquote der über 50-Jährigen ist jedoch nur halb so stark gesunken wie der Durchschnitt: Mitarbeiter der Lantal Textiles AG in Melchnau. Bild: Marcel Bieri/Keystone (21. März 2016)

Auch die Älteren profitieren, die Arbeitslosenquote der über 50-Jährigen ist jedoch nur halb so stark gesunken wie der Durchschnitt: Mitarbeiter der Lantal Textiles AG in Melchnau. Bild: Marcel Bieri/Keystone (21. März 2016)

Erstmals sinkt die Arbeitslosenquote seit 2012 wieder unter 3 Prozent. Mit einem Wert von 2,6 Prozent im vergangenen Jahr ist dies sogar die beste Marke seit 2008. Damals brach die Finanzkrise aus und zog damit die ganze Wirtschaft hinunter. Dies schlug sich in den nachfolgenden Jahren in einer höheren Arbeitslosigkeit nieder.

Die positive Entwicklung im vergangenen Jahr ist vor allem Ausdruck einer robusten Konjunktur. Ökonomen rechnen für 2018 mit einem Wachstum von rund 2,5 Prozent oder sogar noch etwas mehr. Positiv entwickelte sich die Arbeitslosigkeit vor allem in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres. So sank die Zahl der gemeldeten Arbeitslosen um 29 Prozent, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) vorrechnet. Im Sommer und im Herbst verharrten die tiefen Zahlen auf diesem Stand. Erst im November und Dezember stieg die Arbeitslosenzahl saisonal bedingt wieder. Dies geht nicht zuletzt auf die Bauindustrie zurück, die in den kalten und regnerischen Wintermonaten weniger Aufträge erhält.

Nicht alle profitieren im gleichen Mass

Die Zahlen zeigten, dass der Arbeitsmarkt in bester Verfassung sei, sagt Martin Neff, Chefökonom von Raiffeisen Schweiz. Seitens der Wirtschaft heisse es: «Wir brauchen Leute, wir finden keine, beschafft sie uns, egal woher.» Gleichzeitig nehme die Zuwanderung ab. Als Folge würden auch weniger gut Qualifizierte wieder vom Arbeitsmarkt absorbiert. Nicht alle profitieren jedoch im gleichen Mass. So ist die Arbeitslosenquote der über 50-Jährigen nur halb so stark gesunken wie der Durchschnitt.

Wirtschaft kühlt sich ab

Dies sei letztlich ein Spiegel der Überalterung der Gesellschaft, sagt Neff. «Ende der 80er-Jahre hatten wir Arbeitslosenquoten von unter einem Prozent.» Damals habe sich die Wirtschaft gut entwickelt, viele Junge der Babyboomer-Generation seien vor dem Eintritt ins Erwerbsleben gestanden. Heute boome die Wirtschaft wieder, aber die Jungen von damals seien 25 Jahre älter. «Dies sind teure Lohnempfänger, von denen auch viele nicht mit der Digitalisierung Schritt halten können. Ihre Qualifikationen sind eingefurcht. Da ist es oft schwierig, fit zu werden für den Arbeitsmarkt», sagt Neff.

Der Raiffeisen-Ökonom rechnet damit, dass die Beschäftigung auch im laufenden Jahr hoch bleiben wird. Jedoch ist nicht davon auszugehen, dass die Arbeitslosigkeit im Frühling und Sommer nochmals so stark sinken wird wie in der ersten Hälfte 2018. Der Grund: Die Wirtschaft kühlt sich weltweit und in der Schweiz ab. Zahlreiche Prognostiker gehen hierzulande von einem Wachstum von rund 1,5 Prozent aus – also deutlich moderater als im vergangenen Jahr.

Zahlen zeigen nicht das ganze Bild

Der Arbeitsmarkt reagiert in der Regel mit einer gewissen Verzögerung auf eine Wirtschaftsabschwächung. Das dürfte auch dieses Mal so sein. Mit Blick auf die kommende Abkühlung werden die Unternehmen zurückhaltender und schaffen – wenn überhaupt – weniger neue Stellen. Dazu passen auch die jüngsten Aussagen der Schweizer Nationalbank. Zwar laufe die Wirtschaft gut, doch die Unsicherheiten seien ­gestiegen, und der Franken sei noch immer hoch bewertet, sagte Vizepräsident Fritz Zurbrügg in der Sendung «Eco» des Schweizer Fernsehens.

Ohnehin zeigen die Arbeitslosenzahlen des Seco nicht das ganze Bild. Sie weisen lediglich aus, wer bei einem regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) gemeldet ist. Dies zum Unterschied zur Erwerbslosigkeit. Diese misst, wer aktuell keine Arbeit hat, unabhängig davon, ob jemand bei einem RAV registriert ist oder nicht. Hier zählen also auch etwa ausgesteuerte Personen dazu, die bei den Zahlen des Seco nicht mitgezählt werden. Erhoben wird die Zahl mit einer vierteljährlichen Umfrage bei 30000 Personen nach Vorgaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO).

Plan B: Ergänzungsleistungen für Familien

Kinder gelten in der Schweiz als Armutsrisiko: Gerade Alleinerziehenden mangelt es trotz Erwerbs an Geld. Mehr als 100 000 Kinder sind in der Schweiz deshalb von Armut betroffen. Vielfach werden die Familien der Sozialhilfe zugewiesen. Dass es auch anders geht, zeigen die Kantone Genf, Solothurn, Waadt und Tessin. Anstatt mit Sozialhilfe unterstützen sie Familien mit Ergänzungsleistungen (EL) – analog zu den AHV- und IV-Bezügern, die zur Existenzsicherung EL erhalten. Auch der Kanton Zürich überlegt sich, EL für Familien einzuführen. Da diese an ein Erwerbseinkommen geknüpft sind, befürworten auch Mitteparteien die Massnahme: Es besteht auch weiterhin ein Anreiz zu arbeiten. Auf nationaler Ebene ist das Begehren mehrfach durchgefallen. Dabei zeigt das Beispiel Tessin, dass Ergänzungsleistungen für Familien nachhaltiger wirken als Sozialhilfe: Die Armutsquote von Familien ist tiefer. Und die Wirkung, so das Versprechen, sei nachhaltiger. Wenn Kinder sozial integriert und gut ausgebildet werden können, fallen sie dem Staat in Zukunft weniger zur Last. (wan)

Vermeintliche Musterschülerin

Die Erwerbslosenquote in der Schweiz beträgt derzeit 4,4 Prozent. Im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre betrug die Quote gar 5 Prozent. Wieso die Erwerbslosigkeit trotz des Wirtschaftsaufschwungs nicht stärker gesunken ist, bleibt für die Ökonomenzunft weiterhin ein Rätsel.

Einige Experten plädieren dafür, dass in der Betrachtung des Arbeitsmarkts weniger stark auf die Arbeits­losenquote des Seco abgestellt werden sollte. «Die Arbeitslosenquote des Seco misst heute wohl noch ungefähr die Hälfte der Personen, die gemäss internationaler Definition als arbeitslos gelten», sagt etwa Michael Siegenthaler, Ökonom bei der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich.

Im internationalen Vergleich (siehe Grafik links) sind die Zahlen des Seco ohnehin nicht relevant, da andere Länder nur die Erwerbslosigkeit nach den Vorgaben der ILO erheben. Daher relativiert sich auch das Bild der Musterschülerin Schweiz. Zwar befindet sich unser Land im vorderen Drittel unter anderen wichtigen Volkswirtschaften der Welt. Doch die USA, Deutschland, die Niederlande oder Japan schneiden besser ab und weisen eine Quote von unter 4 Prozent aus.

Nutzen des Inländervorrangs ungewiss

Zumindest eines ist unbestritten: Auch ein halbes Jahr nach der Einführung der Stellenmeldepflicht ist niemand vollends zufrieden damit. Mit ihr wird der sogenannte Inländervorrang light umgesetzt, die formelle Antwort auf die Masseneinwanderungsinitiative; jenes Begehren der SVP also, das eigentlich Höchstzahlen und Kontingente zur Steuerung der Zuwanderung vorgesehen hat. Die Meldepflicht gilt seit dem 1. Juli 2018 für Berufsfelder mit hoher Arbeitslosigkeit. Liegt die Arbeitslosenquote bei über acht Prozent, müssen Unternehmen ihre offenen Stellen zuerst dem regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) melden. Während fünf Tagen haben nur registrierte Stellensuchende die Möglichkeit, sich zu bewerben.

Wie gut wirkt die Meldepflicht? Und lässt sich die Zuwanderung damit tatsächlich indirekt steuern? Diese Fragen schwirrten bislang im luftleeren Raum, Antworten waren meist anekdotischer Natur. Nun zieht das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) eine erste Bilanz – und es zeigt sich: Ob wirklich mehr Inländer vermittelt werden können, ist ebenso unklar wie der Einfluss auf die Zuwanderung, die in den letzten Jahren ohnehin zurückgegangen ist. Für eine ausführliche Würdigung sei es viel zu früh, sagte Boris Zürcher, Leiter der Direktion für Arbeit im Seco, anlässlich einer Medienkonferenz. «Aussagen zur Wirkung der Stellenmeldepflicht wären zum jetzigen Zeitpunkt ausserordentlich gewagt.»

Scharfe Kritik von Hoteliers und Wirten

Die Gründe, dass das Seco trotzdem von einem positiven Zwischenfazit spricht, finden sich in seinen Statistiken. Nach der Einführung der Meldepflicht sind deutlich mehr offene Stellen registriert worden. 26904 offene Stellen waren im Dezember 2018 bei den RAV gemeldet, im Dezember 2017 waren es 10 704 Stellen. Weit mehr als die Hälfte der offenen Stellen unterlag Ende 2018 der Meldepflicht. Zwischen Juli und Dezember wurden sechsmal so viele Jobs in meldepflichtigen Berufen registriert wie in der Vorjahresperiode. Die Interpretation dieser Zahlen ist derweil eben schwierig. So lassen sich keine unmittelbaren Rückschlüsse daraus ziehen, ob es auch gelingt, gemeldete Stellen an inländische Erwerbslose zu vermitteln. Um die Wirkung einer Vermittlung auf die Arbeitslosigkeit zu messen, müsse sie isoliert von der Konjunktur und anderen Einflüssen betrachtet werden, erklärte Zürcher. Seine Behörde aber konzentriere sich auf die gesetzeskonforme Umsetzung der Meldepflicht. Man arbeite jedoch aktuell an Indikatoren, um politische Ziele messen zu können. Die Gewerkschaftsverband Travail Suisse ist weiterhin davon überzeugt, dass die Meldepflicht ein «geeignetes Instrument» zur Stärkung der öffentlichen Arbeitsvermittlung ist, wie er in einer Stellungnahme festhält. Unabdingbar sei aber «eine vertiefte Analyse» zu deren Wirkung. Unzufrieden mit der Stellenmeldepflicht sind nach wie vor die Branchen, die davon betroffen sind oder dereinst betroffen sein könnten. Zu den schärfsten Kritikern gehören Hoteliers und Wirte. Der hohe bürokratische Aufwand für Unternehmen stehe in keinem Verhältnis zu den wenigen Stellen, die aufgrund von Vermittlungen besetzt werden könnten, moniert der Verband Gastro Suisse. (sva)

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