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ARMEE: Aufstand der Ex-Luftwaffenchefs

Nach den Attentaten von Paris dürfe man die Schweizer Armeeorganisation auf keinen Fall träger machen, appellieren Ex-Luftwaffenchefs an das Parlament. Doch genau das droht.
Eva Novak, Bern
Markus Gygax (21. Juni 2008 bis 31. Dezember 2012). (Bilder Keystone)

Markus Gygax (21. Juni 2008 bis 31. Dezember 2012). (Bilder Keystone)

Schon der Absender hebt den Brief vom Rest der parlamentarischen Papierflut ab: Das Schreiben, das die Mitglieder des Nationalrats gestern erreichte, trägt die Unterschrift sämtlicher vier ehemaliger Kommandanten der Schweizer Luftwaffe der letzten 20 Jahre, von Fernand Carrel über Hans-Rudolf Fehrlin und Walter Knutti bis hin zu Markus Gygax, der die Luftwaffe bis 2013 geführt hat. Der Inhalt ist ebenfalls ziemlich explosiv: In ganz Europa optimiere man nach den Terroranschlägen von Paris die Strukturen und Abläufe, um Bedrohungen rasch und entschlossen begegnen zu können, steht da. In der Schweiz aber geschehe das pure Gegenteil.

Wichtiger Entscheid am Mittwoch

«Im Gegensatz zu all den Aktivitäten in unseren Nachbarländern werden Sie darüber abstimmen, ob wir die Führung der Armee durch den Einbau einer weiteren Führungsstufe in einer halbierten Armee träger und komplizierter machen wollen», ermahnen die vier Korpskommandanten a. D. die 200 Nationalrätinnen und Nationalräte. Der Entscheid soll am kommenden Mittwoch fallen. Da steht die Weiterentwicklung der Armee (WEA) auf der Tagesordnung, in deren Rahmen unter anderem ein neues «Operationskommando» zwischen dem Chef der Armee (CdA) und den Teilstreitkräften Heer sowie Luftwaffe eingebaut werden soll.

Kleinere Armee, längere Wege

Heer und Luftwaffe seien die «Kampfverbände» und die Raison d’Être der Armee, heisst es dazu im Brief der ehemaligen Luftwaffenkommandanten und: «Es ist nicht nachvollziehbar, wieso die Raison d’Être der Armee nicht mehr in der obersten Führungshierarchie vertreten sein soll und von einem neu zu schaffenden Stab geführt wird, der nie über die bisherige Flexibilität verfügen kann und nicht über das notwendige Wissen verfügen wird.» Es führe nur zu zusätzlichen Schnittstellen und verlängere die Verbindungswege, was in der verkleinerten Armee «unsinnig» wäre. Zudem werde die zeitgerechte Leistung der Luftwaffe als «Feuerwehr der Armee» massiv erschwert oder gar verunmöglicht, warnen sie im Brief, der der «Zentralschweiz am Sonntag» vorliegt.

Nur eine Schönwetter-Struktur

Die kritisierte Organisationsstruktur wird vor allem von Armeechef André Blattmann vertreten. Eine Erklärung dafür hat Ex-Luftwaffenchef Walter Knutti in einem Beitrag auf der Website der Gruppe Giardino geliefert: Für den CdA werde damit das Führen bei gutem Wetter einfacher, da er seine Untergebenen einfacher beeinflussen könne. «Bei schlechtem Wetter aber», so Knutti, «wird jeder noch so intelligente CdA mit dieser Führungsstruktur Schiffbruch erleiden.»

In der Luft müsse es im Ernstfall ausserordentlich schnell gehen, sagt Roger Harr, der die Aktion der Luftwaffenchefs koordiniert. Der ehemalige Zentralpräsident der Gesellschaft der Luftwaffenoffiziere Avia erinnert an den 11. September 2001, als eines der von Terroristen entführten Flugzeuge Kurs auf Washington nahm. Wenn es nicht von Passagieren zum Absturz gebracht worden wäre, hätte die Luftwaffe die Maschine abschiessen müssen, bevor sie gegen das Kapitol oder das Weisse Haus gelenkt werden konnte. Solches sei aber nur mit einer Führungsstruktur möglich, welche der Luftwaffe rasche Entscheide erlaube. Die Organisation der Armee dürfe dem nicht zuwiderlaufen.

SiK schwenkte um

Ähnliche Bedenken hatten verschiedene Sicherheitspolitiker formuliert, weshalb sich der Nationalrat der neuen Führungsstruktur bisher widersetzt hat. Doch nun ist dessen Sicherheitspolitische Kommission (SiK) umgeschwenkt: Der Antrag, auf die zusätzliche Führungsstufe zu verzichten, wird nur noch von einer Minderheit um den St. Galler Freisinnigen Walter Müller vertreten. «Armeechef Blattmann brachte wohl seine persönlichen Interessen erneut direkt bei gewissen SiK-Mitgliedern ein», kommentiert Adrian Amstutz den Meinungswechsel. Der SVP-Fraktionschef hat bereits bei der ersten Lesung der Armeereform-Vorlage eine Führungsorganisation gefordert, «die sich an der Auftragserfüllung im Ernstfall und nicht an der Erfüllung von Karrieregelüsten von ‹Schönwetteroffizieren› orientiert». Nach den Attentaten im westlichen Nachbarland sieht er «die Notwendigkeit und die Chance, dass man zur Vernunft kommt und damit aufhört, um den Posten des CdA herum zu planen – und endlich eine einsatzfähige Struktur aufbaut, die auch dann etwas taugt, wenn es wirklich darauf ankommt».

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