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ARMEE: Bis zu 70 Jets – und Bodluv obendrauf

Die Expertengruppe neues Kampfflugzeug legt vier Varianten zum Schutz des Luftraums vor. Sie kosten zwischen 5 und 18 Milliarden Franken. Woher das Geld kommen soll, lässt sie offen.
Eva Novak
Ein Kampfjet des Typs F/A-18 der Schweizer Luftwaffe. (Bild: STEFFEN SCHMIDT (KEYSTONE))

Ein Kampfjet des Typs F/A-18 der Schweizer Luftwaffe. (Bild: STEFFEN SCHMIDT (KEYSTONE))

Eva Novak

Wie viele Kampfjets und bodengestützte Mittel der Luftverteidigung (Bodluv) braucht die Schweiz, um ihren Luftraum künftig schützen zu können? Auf diese Frage gibt übermorgen Dienstag die von Verteidigungsminister Guy Parmelin eingesetzte Expertengruppe neues Kampfflugzeug gleich mehrere Antworten. Über ein Jahr lang haben die 22 Fachleute aus Armee, Rüstungsbeschaffungsbehörde Arma­suisse sowie dem Generalsekretariat des Verteidigungsdepartements VBS an ihrem Bericht zuhanden des Bundesrats gearbeitet. Das Ergebnis sind gemäss Recherchen unserer Zeitung weit über 100 Seiten mit vier unterschiedlich teuren Varianten, die unterschiedlich viel Schutz bieten.

Welcher Variante die Experten den Vorzug geben, bleibt zwar offen. Doch sie lassen durchblicken, dass sie 40 Kampfjets bevorzugen. Der Mehrheit der Begleitgruppe, der neben Fachleuten auch Politiker angehören, würden offenbar gar 30 Jets reichen. Beides ist deutlich weniger, als der Bundesrat im August 2014 in seinem Konzept zur Sicherung des Luftraums als nötig bezeichnet hatte. Er kam damals zum Schluss, dass es in Friedenszeiten 55 Kampfflugzeuge brauche, um die zurzeit noch 30 F/A-18 und 26 Tiger F-5 zu ersetzen – im Konfliktfall noch mehr.

  • Die Experten legen zwar eine Maximalvariante vor, wonach «55 bis 70 moderne Mehrzweckkampfflugzeuge» an Stelle der heutigen Flotten treten sollen. Doch die Kosten dafür setzen sie mit zwischen 11 und 14 Milliarden Franken sehr hoch an. Dazu kommt in dieser Variante ein 4 Milliarden teures Bodluv-System grösserer und kleinerer Reichweite, welches praktisch die gesamte Landesfläche schützen könnte und dessen Betrieb so teuer käme, dass ihn die Experten nicht einmal genau beziffern. Sie geben nur zu bedenken, dass diese Option mehr Piloten benötigen und zu zusätzlichem Lärm an den Militärflugplätzen führen würde.
  • Keine solchen Bedenken äussern die Militärs bei der Option, 40 Kampfjets zu beschaffen und sich bei Bodluv vorerst auf ein System grösserer Reichweite zu beschränken. Das ermöglicht den Schutz auf einer Fläche, die dem Mittelland entspricht. Die Kosten werden mit 9 Mil­liarden Franken beziffert, wovon 8 Milliarden auf die Jets und 1 Milliarde auf Bodluv entfallen. Die jährlichen Betriebskosten werden auf 450Millionen Franken geschätzt. Damit wäre gemäss dem Bericht die Durch­haltefähigkeit auch bei länger ­andauernden Spannungen unterhalb der Kriegsschwelle sicher­gestellt.
  • Nicht der Fall wäre dies bei der dritten Variante, welche den Kauf von 30Kampfjets und eines Bodluv-Systems grösserer Reichweite zum Schutz der ganzen Landesfläche vorsieht. Für den Luftpolizeidienst in normalen Lagen würde sie reichen, im Verteidigungsfall jedoch nur für ein paar wenige Wochen, was dem heutigen Zustand entspricht, den die Experten als «sicherheits­politisch und militärisch wenig befriedigend» bezeichnen. Die Kosten für den Kauf schätzen sie auf 8,5 Milliarden Franken, wovon etwa 2,5 Milliarden auf Bodluv entfallen. Der Betrieb schlägt mit rund einer halben Milliarde pro Jahr zu Buche.
  • Option vier schliesslich beschränkt sich auf die Beschaffung von 20 Kampfjets und einem Bod­luv-System, mit dem eine ­Fläche von der Grösse des Mittel­landes zu schützen wäre. Die F/A-18-Flotte würde weiterhin im Dienst behalten, was eine weitere Verlängerung der Nutzungsdauer über die bereits beschlossene hin­aus bedingt. Diese Lösung wäre mit insgesamt 5Milliarden Franken kurzfristig die billigste, aber auch die riskanteste. Allerdings müssten die F/A-18 spätestens Mitte der 2030er-Jahre ebenfalls ersetzt werden. Ausserdem fallen mit gut einer halben Milliarde Franken pro Jahr eher höhere Betriebskosten an.

Mit der Evaluation eines neuen Kampfjets sei so rasch als möglich zu beginnen, empfehlen die Experten. Gleichzeitig mit einem neuen Kampfflugzeug soll auch ein neues Bodluv-System evaluiert werden, allerdings erst nach einer Marktanalyse, nach neuem Konzept und ohne Generalunternehmer. Die Fachleute lehnen es ab, das Projekt wieder aufzunehmen, das Verteidigungsminister Guy Parmelin im März letzten Jahres sistiert hatte. Auch die Begleitgruppe erteilt dieser Forderung der Geschäftsprüfungskommissionen des Parlaments eine Absage.

Zeitlich fallen die Beschaffungen zusammen: Sowohl der Kampfjet als auch Bodluv sollen dem Parlament zu Beginn der 2020er-Jahre beantragt werden. Dazu müssen zwischen 2023 und 2032 Milliarden von Franken aufgewendet werden – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, in dem auch zahlreiche Hauptsysteme wie Artillerie, Radschützenpanzer, Kampfpanzer und Führungssysteme ans Ende ihrer Nutzungsdauer gelangen.

Wie das alles finanziert werden soll, nachdem für Investitionen der Armee höchstens 1 Milliarde Franken pro Jahr zur Verfügung steht, muss die Politik entscheiden. Und damit auch über die Zukunft der bewaffneten Neutralität.

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