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ARMEE: Die fatale Öl-Verwechslung

Im Zweiten Weltkrieg wurden Schweizer Soldaten durch Gewehröl vergiftet. Es begann ein langer Leidensweg. Erst jetzt ist der Fall für die Versicherung abgeschlossen.
General Guisan besucht am 24. Dezember 1940 kranke Soldaten in der Sanitätsanstalt Interlaken. Im Bild sind aber nicht die Öl-Soldaten. (Bild: Keystone)

General Guisan besucht am 24. Dezember 1940 kranke Soldaten in der Sanitätsanstalt Interlaken. Im Bild sind aber nicht die Öl-Soldaten. (Bild: Keystone)

RAINER RICKENBACH

Mehr als 90 Aktivdienstler gingen unter der Bezeichnung Öl-Soldaten in das kollektive Gedächtnis der Nachkriegsschweiz ein. Das Schicksal der Öl-Soldaten nahm am 29. Juli 1940 in der Nähe von Ramiswil SO seinen Lauf. Ein Küchenchef hatte aus Versehen Käseschnitten in Kühlöl für Maschinengewehre gebraten, mehr als 70 Basler Wehrmänner der Mitrailleurkompagnie IV/52 wurden vergiftet. Im Herbst des gleichen Jahres ereignete sich in der Schwyzer Gebirgsmitrailleurkompagnie IV/72 dieselbe Tragödie, bei ihr war das Maschinenöl in einer Salatsauce vermengt. 17 Soldaten trugen schwere gesundheitliche Folgeschäden davon.

Gewehröl in Speiseölkanistern

Dass Maschinengewehröl mit dem Gift Triorthokresylphosphat (KPT) den Weg in die Feldküche des Basler Regiments fand, ist auf Nachlässigkeiten und die Verknüpfung von unglücklichen Zufällen zurückzuführen.

Weil sie für die Maschinengewehr-Kühlsubstanz keine Originalbehälter zur Verfügung hatten, füllten die für den Transport zuständigen Soldaten die geruchlose giftige Flüssigkeit fatalerweise in Speiseölkannen ab. Sie versäumten es obendrein, diese zu kennzeichnen. Am nächsten Ort im Kanton Solothurn, wo die Mitrailleurkompagnie Station machte, gelangte das Kühlöl zu den Lebensmittelvorräten. Dem Koch fiel nichts auf, weil das geruchlose Kühlöl auf Hitze fast genau gleich reagiert wie Speiseöl. Das geht aus den Dokumenten der Militärversicherung hervor, die heute bei der Suva lagern.

Bauchkrämpfe und Lähmungen

Nur eine Stunde nachdem die Soldaten die in vergiftetem Öl gebratenen Käseschnitten verspiesen hatten, mussten sich die Soldaten übergeben. Es folgten später Bauchkrämpfe, Durchfall und Koliken. Vielleicht hätten sich die gesundheitlichen Folgeschäden abwenden lassen, wenn in dieser Nacht den Soldaten der Magen ausgepumpt worden wäre. Doch der zuständige Bataillonsarzt lehnte es in unheilvoller Fehleinschätzung der Lage ab, die Soldaten in der Nacht zu untersuchen. Er vertröstete sie auf den nächsten Morgen. Der Arzt wurde später wegen Dienstpflichtverletzung zu 45 Tagen Gefängnis verurteilt. Weitere Verurteilungen gab es nicht.

Die vergifteten Wehrmänner wurden später in verschiedene Spitäler gebracht, und es machte nach ein paar Tagen den Anschein, als hätten sie sich erholt. Sie durften für ein paar Tage in Urlaub – den ersten seit einem Jahr. Doch nach einer Woche setzten Krämpfe ein, begleitet von Lähmungserscheinungen. Letztere traten vor allem an den Füssen, Unterschenkeln und an den Händen auf.

Erst nach ein paar Jahren setzte sich die schreckliche Erkenntnis durch, dass die Öl-Soldaten ihr Leben lang mit den Folgen der Vergiftung zu leben haben. Das Gift hatte bei Nerven und Muskeln bleibende Schäden angerichtet, viele benötigten Gehhilfen. Die meisten betroffenen Soldaten waren im Zivilleben Handwerker und Bauern und nicht mehr in der Lage, körperlich anstrengende Arbeiten zu verrichten.

Es gab zuerst nur tiefe Renten

Die Militärversicherung bot ihnen zwar bis zu 70 Prozent Rente des letzten Lohnes an. Nur: Das reichte nicht weit, weil die meisten der jungen Männer direkt von der Lehre zur Armee stiessen oder nach ihren wenigen Berufsjahren bloss geringe Löhne hatten. Noch härter als die Soldaten traf es die neun Zivilisten, die Opfer der Ölverwechslung geworden waren. Für sie war die Militärversicherung nach damaligem Recht nicht zuständig.

Es nahm ein jahrzehntelanges, zähes Ringen zwischen der Basler Betroffenen­organisation und der Militärversicherung seinen Lauf. Die Versicherung sah sich in der Bevölkerung bald einmal heftiger Kritik ausgesetzt. Es herrschte die Meinung vor, sie lasse die Soldaten im Stich. «In der Bahn wird diskutiert, am Stammtisch währschaft geflucht: Eine Schande, wie sich die Militärversicherung wieder einmal verhält», fasste der «Beobachter» nach Kriegsende die Stimmung zusammen.

Geburtsstunde der Glückskette

Der Unmut mündete in der Geburtsstunde der deutschschweizerischen Glückskette. Das Radiostudio Basel sammelte im Oktober 1947 über 170 000 Franken für die Öl-Soldaten – eine stattliche Summe für damals. Zwei Jahre später baute die Politik unter dem Eindruck des Schicksals der vergifteten Soldaten bei der Revision des Militärversicherungsgesetzes die Leistungen aus. Die Renten waren danach kein Konfliktpunkt mehr, uneinig blieb man sich indes bei der Finanzierung der Badekuren. «Ab Mitte der 1960er-Jahre haben personelle Wechsel in der Militärversicherung dazu geführt, dass der Handlungsspielraum öfter zu Gunsten der Öl-Soldaten genutzt wurde», sagt der heutige Leiter der Militärversicherung, Stefan A. Dettwiler.

Öl zur Abkühlung von Gewehren

Leichtsinnig ging die Armeeführung schon von allem Anfang an mit dem Kühlöl um. Sie hatte es noch vor Kriegsausbruch einem deutschen Chemiker abgekauft. Es handelte sich um eine Chemikalie mit dem Zweck, anstelle von Wasser heiss geschossene, schwere Maschinengewehre abzukühlen.

Die Vorteile: Die Gefriergefahr und die Dampfentwicklung des Wasser entfielen und ohne Letztere die Gefahr, bei Gefechten entdeckt zu werden. Der Verkäufer des Kühlöls hatte versichert, es handle sich um eine giftfreie chemische Zusammensetzung. Die Käufer von der Armee glaubten es ohne nachzuprüfen. Hätten sie es getan, wären sie schnell darauf gekommen, dass die geruch- und geschmacklose Substanz das giftige Triorthokresylphosphat (KPT) enthielt.

Hinweis

Quellen: Militärversicherung, Suva und «Beobachter» («Das Gift von 1940»)

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