Munitionslager
Armee kennt 2500 «belastete Standorte» – Altlasten-Entsorgung kann weit über 1 Milliarde kosten

Ein ehemaliger hoher Armeevertreter nimmt kein Blatt vor den Mund: «Natürlich wusste man von den Risiken in Mitholz, aber aus einer falschen Beurteilung heraus hat man nie gehandelt.»

Henry Habegger und Daniel Fuchs
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 Helfer durchsuchen ein durch die Explosion komplett zerstörtes Gebäude in Mitholz im Kandertal, aufgenommen im Dezember 1947. In der Nacht auf den 20. Dezember 1947 vernichteten drei gewaltige Explosionen rund die Hälfte der Munition, die in einem Depot oberhalb von Mitholz-Blausee eingelagert waren.
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 Die durch die Explosionen im Munitionsstollen zusammengebrochene Felswand in Blausee-Mitholz 1947.
 Neun Menschen waren in ihren Häusern umgekommen, sieben zum Teil schwer verletzt worden.
 Mehr als 100 Gebäude wurden zerstört oder beschädigt.
 Helfer durchsuchen ein durch die Explosion komplett zerstörtes Gebäude in Mitholz im Kandertal, aufgenommen im Dezember 1947. Nach dieser Katastrophe sah Mitholz wie ein vom Krieg verwüstetes Gebiet aus.
 Beschädigte Häuser, Trümmer und Warnschilder vor Blindgängern.
 Das zerstörte Stationsgebäude in Blausee-Mitholz im Kandertal.
 Der Bahnhof Blausee-Mitholz wurde durch die Explosionen komplett zerstört.
 Bahnarbeiter, Rettungskräfte vor der durch die Explosionen im Munitionsstollen zusammengebrochenen Felswand in Blausee-Mitholz, Dezember 1947.
 Über 200 Menschen waren nach der Katastrophe obdachlos.
 Helfer durchsuchen ein zerstörtes Gebäude.
 Die Ungluecksursache konnte nie restlos geklärt werden, von der verschütteten, nicht detonierten Munition geht noch heute Gefahr aus.

Helfer durchsuchen ein durch die Explosion komplett zerstörtes Gebäude in Mitholz im Kandertal, aufgenommen im Dezember 1947. In der Nacht auf den 20. Dezember 1947 vernichteten drei gewaltige Explosionen rund die Hälfte der Munition, die in einem Depot oberhalb von Mitholz-Blausee eingelagert waren.

WALTER STUDER

Das VBS habe seit je andere Prioritäten gehabt als die Entsorgung von Munition, auch wenn sie Menschenleben gefährde, sagt der Mann: «Neue Kampfjets sollen 8 Milliarden kosten, aber zum Wegräumen der Munition, dieser einzig tauglichen Sofortmassnahme, hatte man seit 70 Jahren offenbar kein Geld.»

Dabei ist das ehemalige Munitionslager Mitholz nur eine von mehreren tausend Altlasten, auf denen das Verteidigungsdepartement (VBS) von Bundesrat Guy Parmelin sitzt. Auf Anfrage sagt VBS-Sprecher Lorenz Frischknecht: «Das VBS führt gemäss der Altlasten-Verordnung einen Kataster der belasteten Standorte.

Darin sind rund 2500 belastete Standorte aufgeführt.» Dabei handle es sich meist um Schiessplätze und/oder Betriebsstandorte wie Tankanlagen. «Aus Informationsschutzgründen» gibt das VBS keine Gesamtübersicht über diese Anlagen heraus.

«Von den rund 2500 Standorten sind rund 800 abschliessend untersucht und weder überwachungs- noch sanierungsbedürftig. Hier besteht kein weiterer Handlungsbedarf. Rund 45 Standorte wurden bisher saniert», teilt Frischknecht mit. Bei den übrigen Standorten bestehe «noch Handlungsbedarf». Das heisst: «Sei es, dass noch Untersuchungen nötig sind, sei es, dass eine Überwachung erfolgt oder dass eine Sanierung durchgeführt werden muss», so der VBS-Sprecher.

Die Sanierung dieser Anlagen kostet Unsummen. «Die Kosten für die Untersuchungen der belasteten Standorte und die nötigen Sanierungen werden grob auf 0,5 bis 1 Milliarde Franken geschätzt», richtet Frischknecht aus. Und in dieser Summe ist Mitholz noch gar nicht drin. VBS-Sprecher Frischknecht: «Er ist in dieser Abschätzung nicht enthalten, weil eine Sanierung des Standorts aus altlastenrechtlicher Sicht bisher nicht vorgesehen war. Nun müssen die Abklärungen der Arbeitsgruppe abgewartet werden, die der Bundesrat letzte Woche beschlossen hat.»

Der Fall Mitholz zeigt erstaunliche Unterlassungen und Verharmlosungen früherer Armeeverantwortlicher auf. Das Gefährdungspotenzial der in den Kavernen verbleibenden Munition wurde ignoriert. So sagte der damalige EMD-Chef Karl Kobelt 1948 an einer Konferenz der kantonalen Militärdirektoren, dass in Mitholz 7000 Tonnen Munition explodiert seien. Das wäre der gesamte Munitionsbestand gewesen.

Tatsächlich liegen aber heute noch 3500 Tonnen Munition im Bahnstollen und im Schuttkegel. Spätestens seit 1949 war dies bekannt, wie das VBS einräumt. Aber öffentlich kommuniziert wurde es nicht, und der Bevölkerung war dies nicht bewusst. Eine Rolle dürfte gespielt haben, dass «die Anlage klassifiziert war», so VBS-Sprecher Frischknecht. Geheimhaltung ging also vor.