ARMEE: Rekruten dürfen nun länger schlafen

Die Verletzungsquote und die Ausfallrate in Schweizer Rekrutenschulen sind zu hoch. Die Armee plant als Lösung mehr Schlaf und mehr Sport für die Rekruten.

Lukas Scharpf
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Rekrut der Territorial-Infanterie-RS nach dem 40-Kilometer-Marsch. (Bild: Keystone/Martin Rütschi)

Rekrut der Territorial-Infanterie-RS nach dem 40-Kilometer-Marsch. (Bild: Keystone/Martin Rütschi)

Wer mehr schläft und regelmässig Sport treibt, ist gesünder, fitter und motivierter. Was landauf, landab für jedermann gepredigt wird, setzt nun auch die Schweizer Armee um. Denn: Die Verletzungsrate in den Schweizer Rekrutenschulen ist höher als beispielsweise in den USA oder Grossbritannien. Mit einfachen Massnahmen könnte man dem entgegenwirken, wie eine Studie des Bundesamts für Sport (Baspo) in Zusammenarbeit mit der Militärakademie der ETH Zürich (Milak) zeigte.

Leistungsdruck besser verteilen

Die Studie «Progress» kam zum Schluss, dass der Leistungsdruck in der RS besser verteilt werden muss. «Im Moment ist es so, dass besonders am Anfang besonders viel körperliche Leistung von den Rekruten gefordert wird, etwa bei Märschen», sagt Studienautor Thomas Wyss vom Baspo. Später in der RS würde dann die technische Ausbildung intensiviert, und dafür würden die Märsche kürzer. «Es macht aber viel mehr Sinn, die Anforderungen langsam zu steigern», sagt Wyss. So wie es auch Sportler grundsätzlich im Training täten. Wyss weiter: «Meine Vision ist es aber nicht, dass man die Gesamtbelastung senkt, sondern besser verteilt.» Die Rekruten dürften durchaus gefordert werden. Grosse Auswirkungen zeigten in der Studie auch drei Mal eine Stunde Sport pro Woche unter professioneller Anleitung und eine halbe Stunde mehr Schlaf. «Die Verletzungsrate hat sich bis um einen Drittel gesenkt», erklärt Wyss.

Ein Drittel weniger Verletzungen

Die Ergebnisse sind auf grosses Interesse bei den Schulkommandanten und der Armeeführung gestossen. Darum werden auf Befehl von oben in drei Rekrutenschulen die Massnahmen aus der Progress-Studie umgesetzt. Die Resultate könnten dann als Grundlage für die Umsetzung in allen Rekrutenschulen ab 2017 mit der Weiterentwicklung der Armee dienen. Die drei Pilotprojekte werden wissenschaftlich begleitet, und man prüft nochmals, ob mehr Sport und Schlaf nicht nur die Verletzungsquote senken, sondern auch die Motivation steigern. «Eigentlich als Nebenprodukt der Studie zur Auswirkung des professionellen Sportunterrichts auf die Verletzungen hat sich gezeigt, dass Rekruten, die drei Mal pro Woche mit professionellen Sportlehrern trainieren, auch insgesamt ein besseres Commitment zur Rekrutenschule und Armee haben», sagt Progress-Studienautor Thomas Wyss.

Die künftigen Rekruten dürfen also hoffen. Verlaufen die Pilotprojekte wie erwartet, dann gibt es ab 2017 mehr Sport und eine halbe Stunde mehr Schlaf – auf Befehl. Bei der Umsetzung werde man aber auch Kompromisse eingehen müssen, sagt Wyss. «In der Studie hatten wir ausgebildete Sportlehrer im Einsatz, die Sportlektionen mit ihnen waren besser, aber es ist kaum realistisch, dass man das flächendeckend machen kann.»

Erfolg mit «humanem» Führungsstil

Es soll aber nicht nur bei Sport und Schlaf bleiben. In den Pilotprojekten hält man auch ein Augenmerk auf einen «humanen Umgang» der Vorgesetzten mit den Rekruten. «Es ist ähnlich wie mit der physischen Leistung. Man soll die Rekruten nicht gleich am ersten Tag mit hartem militärischem Führungsstil überfahren», sagt Hubert Annen, Mitautor der Progress-Studie und Militärpsychologe der Milak. Gerade junge Milizkader würden dazu neigen, diesbezüglich etwas zu übertreiben, so Annen. In einem der Pilotprojekte setzt man deshalb insbesondere am Anfang der RS auf normalen und ruhigen Umgangston, respektvolles Zugehen und Distanzhalten. Man will mehr Erklärungen geben statt psychisch Druck machen und sachlich korrigieren, wenn etwas falsch gemacht wird. «Basierend auf unserer Studie, rechnen wird damit, dass man die Ausfallrate verkleinern und die Motivation zum Weitermachen erhöhen kann», sagt Annen. Den Vorwurf einer Kuschel-RS weist der Militärpsychologe weit von sich. «Es geht darum, den Druck im physischen wie im psychischen Bereich laufend zu steigern und nicht zu senken», sagt Annen.

Ausgaben und Ausfälle vermeiden

Für das neue Regime in den Rekrutenschulen sprechen handfeste Gründe. Laut den Studienautoren könnte pro 1000 Rekruten die Zahl der Verletzungen um etwa 70 Fälle pro Jahr reduziert werden. Ein beträchtliches Einsparpotenzial, denn laut Statistiken der Militärversicherung belaufen sich die Kosten pro Verletzungsfall von Milizangehörigen im Schnitt auf rund 1750 Franken (Stand 2011). Dank mehr und besserem Sportunterricht und Leistungsanforderungen, die im Laufe der RS ansteigen, könnte man bis zu einem Drittel der Verletzungen verhindern und laut Studienautoren monatlich pro 1000 Rekruten gut 122 500 Franken sparen. Mit den Massnahmen hofft man auch, die Austrittsrate von heute rund 10 Prozent um einen Drittel bis die Hälfte zu reduzieren.

Mehr Schlaf auf Befehl, mehr qualitativ guten Sport und einen humaneren Umgangston. Wyss und Annen haben das Gefühl, dass ihre Empfehlungen ernst genommen wurden, insbesondere von Schulkommandanten. «Zum Teil wartet man nicht auf weitere Empfehlungen, sondern hat sich direkt darangemacht, die Massnahmen umzusetzen», so Wyss.