ARMEE: «Tiger leistet keinen Beitrag an die Sicherheit»

Luftwaffenchef Aldo C. Schellenberg widerspricht den Experten-Meinungen. Er ist überzeugt: Die Tiger-Kampfjets seien für den Luftpolizeidienst unbrauchbar.

Interview Eva Novak
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Korpskommandant Aldo C. Schellenberg, Kommandant der Luftwaffe. Hier am Informationsrapport 2014 in Payerne. (Bild: Keystone/Anthony Anex)

Korpskommandant Aldo C. Schellenberg, Kommandant der Luftwaffe. Hier am Informationsrapport 2014 in Payerne. (Bild: Keystone/Anthony Anex)

Herr Korpskommandant, warum soll das Parlament die Anzahl der Schweizer Kampfjets reduzieren und die 54 Tiger möglichst rasch ausmustern?

Aldo C. Schellenberg: Der Tiger F-5 ist gegen 40 Jahre alt. Für den Luftpolizeidienst ist er nicht mehr geeignet und schon gar nicht für Luftverteidigung. Sein operationeller Nutzen ist deshalb nur noch sehr gering. Der Weiterbetrieb auch nur eines Teils der F-5-Flotte spart keine einzige Flugstunde auf dem F/A-18, verursacht aber Mehrkosten. Selbst wenn man nur 26 Tiger weiter betreibt, kostet das die Armee 40 Millionen Franken pro Jahr zusätzlich. Das können wir uns nicht leisten.

Also kommt Ihnen das Teil-Grounding der Tiger-Flotte wegen Rissen im Rumpf entgegen?

Schellenberg: Überhaupt nicht. Ich mache mir Sorgen, denn es geht um die Flugsicherheit. Die bei inzwischen vier Flugzeugen entdeckten Risse sind zwar angesichts des Alters der Flugzeuge nicht aussergewöhnlich. Sie sind aber so gravierend, dass wir die noch nicht kontrollierten fünf Flieger so lange am Boden behalten, bis wir wissen, was mit ihnen los ist.

Ist das nicht etwas übertrieben? Laut Experten sind solche Risse normal und kommen auch bei neusten Kampfjets vor, selbst beim in Entwicklung stehenden Joint Strike Fighter, der als Jet der Zukunft gilt.

Schellenberg: Ein F-15 ist deswegen vor ein paar Jahren in der Luft auseinandergerissen und abgestürzt. Wie gesagt: Es ist eine Frage der Flugsicherheit.

Was kostet die Reparatur?

Schellenberg: Das wissen wir noch nicht abschliessend. Die Kontrolle kostet etwa eine halbe Million Franken. Ob die beschädigten Jets repariert werden, ist noch offen. Wenn nicht noch weitere mit Rissen auftauchen, werden wir die vier betroffenen wahrscheinlich am Boden behalten. So wie jene 18 der 54 Tiger, die bereits seit ein paar Jahren stillgelegt sind.

Und der Rest fliegt, bis das Parlament voraussichtlich 2018 entscheidet, ob sie ausgemustert werden?

Schellenberg: Wir werden bis auf weiteres 26 Tiger betreiben.

Warum sparen die Tiger keine F/A-18-Flugstunden? Vor der Abstimmung über die Gripen hiess es doch, die neuen Kampfjets würden die F/A-18 entlasten und deren Lebensdauer verlängern. Schaffen das die Tiger nicht?

Schellenberg: Nein, denn sie leisten bei weitem nicht das, was die Gripen geleistet hätten. Unabhängig davon, wie lange wir die Tiger behalten: Auf den F/A-18 werden wir keine einzige Stunde weniger fliegen, denn die Anzahl Flugstunden ergibt sich aus dem Ausbildungs- und Trainingsbedarf der F/A-18-Piloten. Wenn bis 2020 sukzessive die 24-Stunden-Bereitschaft der Luftpolizei kommt, werden die Flugstunden auf den F/A-18 steigen. Die dazu nötigen zusätzlichen 1000 Flugstunden hätten wir mit den Gripen leisten können. Mit den Tiger geht das aber nicht.

Weil sie nur tagsüber bei schönem Wetter eingesetzt werden können?

Schellenberg: Ja, und weil sie von Milizpiloten geflogen werden. Das ist dann völlig zufällig und hängt davon ab, ob diese gerade individuell trainieren oder einen WK absolvieren. Und wenn es darum geht, ein Zielobjekt zu identifizieren und abzufangen, wird im Ernstfall kein Verantwortlicher einen Tiger darauf ansetzen. Denn selbst wenn die Sonne scheint, nützt uns der Tiger nichts, wenn der zu identifizierende Flieger gerade in einer Wolke ist. Das ist ein viel zu grosses Risiko.

Und wenn das Ziel gut sichtbar ist?

Schellenberg: Dann kann der Tiger es mit Hilfe eines Fluglotsen, der ihn über Sprechfunk auf Sichtweite heranführt, zwar orten. Er kann aber keine Wirkung erzielen, da er im Alltag unbewaffnet ist. Deshalb leistet er keinen Beitrag an die Sicherheit unseres Luftraums. Die einzige Aufgabe, für die er noch sinnvoll brauchbar ist, ist die Darstellung eines Gegners für den F/A-18 oder die Fliegerabwehr. Für mich stellt sich die Frage, ob ich dafür 40 Millionen Steuerfranken pro Jahr ausgeben soll. Oder ob ich das Geld nicht besser in eine Lebensverlängerung des F/A-18, den Werterhalt der Helikopter oder andere Vorhaben investiere, die einen echten Sicherheitsgewinn bringen.

Der Tiger ist doch nicht unbewaffnet. Er hat zwar keine brauchbare Lenkwaffe, aber eine Bordkanone. Reicht die nicht für den Luftpolizeidienst?

Schellenberg: Die Kanone kann nur auf kurze Distanz, ausserhalb der Wolken und nur tagsüber eingesetzt werden. Deshalb ist der operationelle Nutzen sehr gering.

Reichen die 32 F/A-18 für den Luftpolizeidienst, auch wenn zwei grosse internationale Konferenzen gleichzeitig stattfinden?

Schellenberg: Ja. Die Konferenzen in Davos und Montreux 2014 wurden mehrheitlich mit F/A-18 gesichert. Die Durchhaltefähigkeit ist aber beschränkt: Dass vier F/A-18 permanent in der Luft sind, halten wir etwa zweieinhalb Wochen durch.

Warum kostet eine Aufrüstung des noch einsatzfähigen Teils der Tiger-Flotte bei uns über eine Milliarde Franken, während es Brasilien für sechs Millionen pro Flugzeug schafft?

Schellenberg: Das hängt unter anderem damit zusammen, dass der Dollar damals viel stärker war, die Brasilianer also zehn Millionen Franken pro Flugzeug zahlen mussten und nicht sechs. Ausserdem haben sie keine neuen Lenkwaffen gebraucht. Eine sehr fundierte Machbarkeitsstudie des Herstellers der F-5 und der Ruag Aviation auf der Basis des Brasilien-Pakets hat 2011 ergeben, dass uns eine ähnliche Aufrüstung bis zu 1,2 Milliarden Franken kosten und acht Jahre in Anspruch nehmen würde.

Inzwischen gibt es billigere Varianten. Die Ruag rechnete Sicherheitspolitikern vor, dass für 250 Millionen ein «Upgrade light» etwa mit Instrumentenlandesystem und neuem Radar machbar wäre.

Schellenberg: Das sind ungefähr 10 Millionen pro Flugzeug, was dem Betrag entspricht, den Brasilien gezahlt hat, aber eine deutlich geringere Leistung bringt. Es fehlen unter anderem der Autopilot und die Lenkwaffe. Für den Luftpolizeidienst kann man den so aufgerüsteten Tiger nicht brauchen, da er ausser der Kanone keine Bewaffnung hat. Also kann ich ihn für nichts zusätzlich einsetzen als jetzt. Dann ist mir gar kein Upgrade lieber.

Ihr Vorgänger Markus Gygax sieht es anders. Er hat ein Memorandum unterzeichnet, in dem er den Betrieb der Tiger als notwendig bezeichnet.

Schellenberg: Ja, insbesondere weil er sich davon Einsparungen bei den Flugstunden des F/A-18 verspricht. Das ist aber ganz einfach eine Fehleinschätzung.

Kann Gygax, der sein Leben lang Pilot war, den F/A-18 eingeführt und die Luftwaffe vor Ihnen geleitet hat, nicht rechnen?

Schellenberg: Ich kenne seine Überlegungen nicht im Detail. Wenn er jedoch von denselben Zahlen ausgeht, welche die Ruag den Sicherheitspolitikern präsentierte, so kann ich nur anfügen, dass diese von vollkommen falschen – viel zu hohen – Flugstunden für die F/A-18-Flotte ausgehen.

Gygax argumentierte auch, dass man die Tiger aus quantitativen Gründen behalten müsse – sonst werde es nie mehr möglich, mehr als 32 Jets politisch durchzubringen.

Schellenberg: Das ist eine politische Einschätzung, die ich nicht weiter kommentieren möchte. Als Kommandant Luftwaffe habe ich keine Politik zu machen, sondern die Frage zu beantworten, ob wir dieses Flugzeug noch operationell einsetzen können. Und die Antwort lautet: nein.

Hat die verlorene Gripen-Abstimmung bewirkt, dass die Armee besonders empfindlich auf Kritik reagiert?

Schellenberg: Nein, im Gegenteil. Die Armeeführung nimmt Kritik sehr ernst und setzt sich damit auseinander.

Laut Ohrenzeugen haben Sie im Zusammenhang mit dem Tiger mehrfach den Ausdruck «Schnauze tief» verwendet. Liegen die Nerven blank?

Schellenberg: Nach meiner Erinnerung habe ich das einmal getan, natürlich mit einem Augenzwinkern. Es ging nach dem Nein zum Gripen darum, dass das Ergebnis mit Demut zu akzeptieren sei. Die Luftwaffe hat einen Volksentscheid nicht öffentlich zu kommentieren. Auch wenn viele von uns sehr frustriert waren, gilt «Schnauze tief»! Wenn es aber darum geht, die Meinung der Luftwaffe nach aussen zu vertreten, ist es eine Frage der Loyalität, sich nicht gegen die Interessen des Arbeitgebers zu wenden.

Gibt es noch genügend Piloten, die den Tiger fliegen können?

Schellenberg: In den nächsten zwei bis drei Jahren ist der Betrieb durch die aktuell in den Tiger-Staffeln eingeteilten Milizpiloten sichergestellt. Allerdings müssen wir dafür einigen Milizpiloten eine Ausnahmebewilligung für eine verlängerte Altersgrenze erteilen. Wenn man den Tiger noch zehn Jahre behalten würde, gäbe es nicht mehr genügend Milizpiloten. Dann müssten F/A-18-Piloten auf den Tiger rückgeschult werden, was wir in Einzelfällen jetzt schon tun. Damit verlieren wir jedoch an Durchhaltefähigkeit mit der F/A-18-Flotte, weil sich dort damit der Pilotenbestand verkleinert.

Welche Folgen hat das für die Patrouille Suisse?

Schellenberg: Auch da werden allfällige Lücken mit F/A-18-Piloten gefüllt, die um- beziehungsweise rückgeschult werden. Die Patrouille Suisse hat jetzt schon die Herausforderung, dass ein Pilot aus dem Team ausscheidet und man für den Ersatz einen Piloten suchen muss, der bisher noch nie Tiger geflogen ist.