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ARMEE: «Von Doktrinwechsel ist nicht die Rede»

Muss die Schweizer Luftwaffe Ziele am Boden bombardieren können? Der ehemalige Luftwaffenkommandant Markus Gygax sagt, weshalb es in dieser Frage nur eine Antwort geben kann.
Eva Novak
«Es ging nie darum, Schweizer Flugzeuge zu Bombern auszurüsten. Wer das sagt, weiss nicht, was ein Bomber ist», ärgert sich Markus Gygax, der ehemalige Kommandant der Schweizer Luftwaffe. (Bild: Boris Bürgisser (Emmen, 28. April 2011))

«Es ging nie darum, Schweizer Flugzeuge zu Bombern auszurüsten. Wer das sagt, weiss nicht, was ein Bomber ist», ärgert sich Markus Gygax, der ehemalige Kommandant der Schweizer Luftwaffe. (Bild: Boris Bürgisser (Emmen, 28. April 2011))

Interview: Eva Novak

Markus Gygax, die Schweizer F/A-18 werden jetzt doch nicht zu Bombern umgebaut. Was sagen Sie als ehemaliger Luftwaffenchef dazu?

Solche Schlagzeilen zu lesen, ärgert mich ausserordentlich. Es ging nie darum, Schweizer Flugzeuge zu Bombern auszurüsten. Wer das sagt, weiss nicht, was ein Bomber ist. Bomber sind zum Beispiel die B-2 der USA, von denen ein einziger gegen eine Milliarde US-Dollar kostet, oder die russischen Tupolew Blackjack, welche Bodenziele in Syrien bombardieren. Moderne Kampfflugzeuge können zwar auch Ziele am Boden angreifen und verfügen damit über Erdkampffähigkeit, sind aber nie und nimmer Bomber.

Egal, wie man es nennt: Die Wiedererlangung der Erdkampffähigkeit ist bis in den Bundesrat hinein umstritten. Laut «Tages-Anzeiger» sieht das Departement Leuthard darin einen «Doktrinwechsel», der grundsätzlich diskutiert werden müsse. Ist es das?

Von einem Doktrinwechsel kann in keiner Art und Weise die Rede sein. Mit oder ohne Erdkampffähigkeit haben wir eine rein defensive Armee, die wir hoffentlich nie einsetzen müssen. Diese Doktrin hat sich in den letzten 160 Jahren bestens bewährt: Unser Territorium ist das einzige in ganz Europa, das nie eine kriegerische Auseinandersetzung erdulden musste. Dazu braucht es aber die nötigen Kampfmittel.

Die da wären?

Beim Heer sind es Infanterie, Panzer und Artillerie, bei der Luftwaffe Kampfflugzeuge und Fliegerabwehr. Um eine Abhaltewirkung zu erzielen, müssen die Kampfflugzeuge fähig sein, Ziele am Boden zu bekämpfen.

Um das eigene Land bombardieren zu können und damit die Bevölkerung zu gefährden, wie einige befürchten?

Darum geht es nicht. Auch in einer Defensivarmee gilt: Wenn Panzer und Artillerie zum Einsatz kommen, müssen Kampfflugzeuge auch Ziele am Boden bekämpfen können. Denn das Heer hat keine Waffen, die weiter als 30 bis 50 Kilometer schiessen können. Also müssen Kampfflugzeuge Ziele ausserhalb dieser Reichweite bekämpfen können.

Welche Ziele meinen Sie?

Wir dürfen nicht vergessen, dass alle Länder, darunter alle unsere Nachbarstaaten und die Kleinstaaten in Europa, über Panzer und Artillerie verfügen. Wenn diese Mittel in einer Auseinandersetzung zum Einsatz kommen, kann es zum Beispiel sinnvoll sein, die Führungsinfrastruktur des Gegners zu zerstören, bevor dieser die Schweizer Grenze erreicht hat. Oder gegnerische Panzer, gegnerische Artillerie, gegnerische Fliegerabwehr oder gegnerische Raketenbasen. Dazu sind Kampfflugzeuge bestens geeignet.

Ist das nicht unnötig? Schliesslich sind wir von befreundeten Staaten umgeben, mit denen wir vertraglich verbunden sind.

Da wir alle nicht wissen, wie die Zukunft aussieht, ist es müssig, darüber zu diskutieren. Wir müssen uns an die Tatsachen halten. Solange unser gesamtes Umfeld weiterhin Panzer und Artillerie hat, braucht unsere Armee die gleichen Mittel auch, obwohl sie eine Defensivarmee ist. Als kleines, unabhängiges und neutrales Land müssen wir unsere Mittel und deren Qualität nach unserem Umfeld richten. Es geht nicht darum, Ziele in sagen wir mal Romanshorn anzugreifen, um ein völlig fiktives Beispiel zu nennen. Vielleicht macht es aber Sinn, unsere Mittel gegen Ziele deutlich ausserhalb von Romanshorn zu richten und diese zu zerstören, bevor die auf uns schiessen.

Ausserhalb der Landesgrenzen?

Zum Beispiel. Solange wir Panzer und Artillerie in unserer Armee bejahen und nicht ausschliessen können, dass diese einmal zum Zug kommen könnten, müssen Kampfflugzeuge die Mittel des Gegners auch ausserhalb der Landesgrenzen bekämpfen können.

Seit der Ausmusterung der Hunter-Kampfflugzeuge können die Schweizer Kampfjets das nicht, und das war über 20 Jahre lang kein Problem.

Wenn es in der Gemeinde nicht brennt, braucht es die Feuerwehr auch nicht. Nur weiss niemand, wann es das nächste Mal brennt. Ende der 80er-Jahre wollten wir eigentlich 80 neue Kampfflugzeuge kaufen, haben uns aber nach dem Fall der Berliner Mauer auf die Hälfte geeinigt, was am Ende die 34 F/A-18 ergab, von denen wir noch 30 haben. Mit diesen wollte man sich auf die Luftverteidigung einschliesslich Luftpolizei konzentrieren. Eine zweite Tranche für die Aufklärung – diese Fähigkeit hatte man mit der Ausmusterung der Mirage 2003 verloren – und für den Erdkampf sollte folgen.

Dazu ist es aber nicht gekommen?

Diese ist der Euphorie nach dem Fall der Berliner Mauer zum Opfer gefallen, als alle den ewigen Frieden ausriefen. Mit dem Kauf des Gripen sollten die beiden Lücken ab 2018 wieder geschlossen werden. Luftverteidigung, Aufklärung und Erdkampf sind Missionen, die jedes moderne Kampfflugzeug abdecken kann.

Hätte das Volk Ja gesagt zum Gripen, wäre die Erdkampfbefähigung wieder aufgebaut worden?

Ja, das hatten wir immer so geplant, transparent gemacht und auch so kommuniziert.

Damals war es aber nicht so umstritten. Warum ist es das jetzt?

Es ist halt schwierig zu verstehen, wenn man im tiefen Frieden etwas beabsichtigt, das nicht so friedlich klingt, auch wenn man im Fernsehen täglich andere Bilder sieht. Aber nochmals: Wir müssen uns nach dem Umfeld ausrichten. Und wenn man dieses momentan anschaut, gehört der Erdkampf ganz einfach zu den Fähigkeiten eines Kampfflugzeuges. Es geht nicht darum, die Defensivarmee zu einer Offensivarmee umzubauen, sondern darum, die Defensivfähigkeit unserer Armee zu verbessern und das Heer zu schützen.

Hinweis

Markus Gygax (67) leitete von 2008 bis Ende 2012 als Kommandant die Schweizer Luftwaffe. Zuvor war der gelernte Kaufmann und ehemalige Patrouille-Suisse-­Pilot unter anderem für die Einführung des F/A-18 verantwortlich.

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