ASYL: «Flüchtlingsfrauen ziehen den Kürzeren»

Die Organisation Terre des Femmes kritisiert die Asylunterkünfte in der Schweiz: Frauen – die in vielen Fällen sexuelle Gewalt erlebt haben – würden zu wenig geschützt. Die Kantone wehren sich.

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Eine junge Frau in der im Frühling in Meyrin GE eröffneten Asylunterkunft. (Bild: Keystone/ Christian Brun)

Eine junge Frau in der im Frühling in Meyrin GE eröffneten Asylunterkunft. (Bild: Keystone/ Christian Brun)

Deborah Stoffel

Schweizer Asylunterkünfte sind für Mädchen und Frauen oft kein sicheres Umfeld. Zu diesem Fazit kommt eine aktuelle Studie der Organisation Terre des Femmes (TDF). Von den 32 befragten Asylbewerberinnen und Betreuerinnen trauten sich die einen nachts nicht auf die Toilette, andere sagten, sie würden unter der Dusche von Männern beobachtet. «Die Qualität der Unterkünfte ist sehr unterschiedlich, und sie hängt sehr von den Mitarbeitern ab», sagt Simone Eggler, Projektleiterin bei TDF. Die Kritik gelte deshalb den Strukturen und den fehlenden staatlichen Vorgaben. «Der Staat sollte dafür sorgen, dass sich die Frauen in den Asylunterkünften sicher fühlen», sagt Eggler. Idealerweise sollten alleinstehende Frauen in getrennten Häusern leben können. In gemischten Unterkünften sollten Stockwerke und sanitäre Anlagen nach Frauen und Männern getrennt werden.

«Psychosoziale Hilfe fehlt»

TDF habe zwar lediglich Bewohnerinnen und Mitarbeitende in kantonalen Unterkünften befragt, wisse aber von ähnlichen Problemen in Zentren des Bundes, sagt Eggler. Die Frauenrechtsorganisation bildet Mitarbeiter von Unterkünften des Bundes mit Fokus auf geschlechtsspezifische Gewalt oder Frauenflüchtlinge aus. In die Empfangszentren kämen regelmässig Frauen, die auf der Flucht vergewaltigt wurden. Einige seien schwanger. «Diese Frauen werden zwar gynäkologisch versorgt, doch die spezialisierte psychosoziale Unterstützung fehlt oft», sagt Eggler. Dabei sei es gerade in solchen Fällen sehr wichtig, dass die Frauen Zugang zu einer Beratungsstelle hätten, was der Bund nicht gewährleiste.

Keine Fälle bekannt

Das Staatssekretariat für Migration (SEM) will zu den Vorwürfen der Frauenrechtsorganisation keine Stellung nehmen. Pressesprecher Martin Reichlin weist darauf hin, dass das SEM den Schutz verletzlicher Asylsuchender und insbesondere von Frauen in den Bundesasylzentren sehr ernst nehme. In diesen Zentren sei rund um die Uhr Sicherheitspersonal und auch weibliches medizinisches Personal vor Ort. Schlafzimmer und Dusch- und WC-Zeiten seien in den Bundeszentren nach Geschlechtern getrennt. In Unterkünften, wo dies nicht möglich sei, würden in der Regel nur Männer untergebracht. Allgemein sei die Situation in den kollektiven Unterkünften des Bundes nicht prekär. Auch mit einer hohen Belegung schafften es die Empfangs- und Verfahrenszentren (EVZ) und Bundeszentren, den Bedürfnissen der Frauen gerecht zu werden, sagt Mediensprecher Reichlin.

Die Direktion der kantonalen Sozialdirektoren (SODK) hat die Kritik von Terre des Femmes zur Kenntnis genommen. Man zweifle die Ergebnisse der Studie nicht an, könne sie aber auch nicht bestätigen, schreibt Margrith Hanselmann, Generalsekretärin (SODK), auf Anfrage. Und: «Wir haben keine Kenntnisse von sexuellen Übergriffen in Asylzentren.» Auf Ebene der Kantone verteidigt man sich gegen die Darstellung von Terre des Femmes. «Wir sind natürlich sensibilisiert, dass wir Unterkünfte und eine Betreuung bieten, die frauengerecht sind», sagt beispielsweise Jris Bischof, Leiterin des Sozialamts des Kantons Zug. Oft müssten sie aber auch eine Güterabwägung treffen, etwa wenn eine Frau dringend zum Hausarzt müsse und in dem Moment nur ein männlicher Arzt verfügbar sei. Im Durchgangszentrum des Kantons Zug, wie auch in der zweiten Phase der Unterbringung in Wohngemeinschaften oder im ehemaligen Kantonsspital, achte man strikt auf die Geschlechtertrennung. «Wenn Engpässe auftreten aufgrund hoher Zuweisungen, können wir dieses Prinzip aber nicht immer aufrechterhalten», sagt Bischof. «Unsere Mitarbeiter sind aber geschult in gendergerechter Beratung.» Da die Frauen oft bereits auf der Flucht sexuelle Gewalt erfahren haben, arbeite man auch eng mit Fachstellen wie dem ambulanten psychiatrischen Dienst oder der Frauenzentrale zusammen. Auch in den Kollektivunterkünften des Kantons Nidwalden seien Familien, Frauen und unbegleitete Minderjährige getrennt untergebracht, sagt Jacqueline Bleiker von der Sozialdirektion. Auch die vom Kanton gemieteten Wohnungen für Asylsuchende seien geschlechtergetrennt bewohnt. «Unser Betreuerteam besteht aus langjährigen, erfahrenen und geschulten Mitarbeitern», sagt Bleiker.

Mangelnde Transparenz

Nach Ansicht der Organisation Terre des Femmes Schweiz unternehmen Bund und Kantone hingegen noch immer zu wenig. «Es wird zu wenig Geld gesprochen für eine qualitativ gute Unterbringung der Menschen», sagt Eggler. Deshalb entstehe eine Hierarchie in der Unterstützung für gewaltbetroffene Menschen in der Schweiz, und dabei zögen die Asylsuchenden den Kürzeren. «Wenn Bund und Kantone den Auftrag vergeben, Flüchtlinge unterzubringen, müssen sie Qualitätskriterien festlegen, die Frauen und Kinder schützen, und deren Einhaltung überprüfen», sagt Eggler. «Bund und Kantone sperren aber und machen die Mandatsverträge und allfällig bestehende Qualitätskriterien nicht transparent», sagt sie.