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ASYLWESEN: «In Nottwil ist baden ein Grundrecht»

Tabuzonen für Asylbewerber können auch mithelfen, Vorurteile abzubauen: Das hat sich in Nottwil gezeigt.
Eva Novak
Eingangskontrolle bei der Asylunterkunft in Nottwil. (Bild: Keystone)

Eingangskontrolle bei der Asylunterkunft in Nottwil. (Bild: Keystone)

Walter Steffen weilt zurzeit in Norwegen in den Ferien. Der Gemeindepräsident von Nottwil staunte nicht schlecht, als er im Internet die Aufregung um das «Badi-Verbot» von Bremgarten vernahm. Denn was Bremgarten bevorstand, hat Nottwil soeben hinter sich gebracht: In den ersten sechs Monaten dieses Jahres waren in der Luzerner Gemeinde mit rund 3500 Einwohnern zwischen 100 und 150 vorab schwarzafrikanische Asylbewerber untergebracht.

Walter Steffen, hatten Sie auch an ein «Badi-Verbot» gedacht?

Walter Steffen: Das war bei uns auch ein Thema. Es gab Leute in Nottwil, die dachten, es sei nicht gut, wenn Asylbewerber in die Badi gehen, wo sie junge Frauen begaffen und anmachen. Da sahen einige ein Konfliktpotenzial. Wir haben das entgegengenommen und in unserer internen, grossen Begleitgruppe besprochen.

Zu welchem Schluss sind Sie dabei gekommen?

Steffen: Für uns in Nottwil ist baden ein Grundrecht. Wenn die Asylbewerber an heissen Sommertagen und vielleicht noch entlang des Seeufers arbeiten, dann müssen sie auch die Gelegenheit bekommen, zu baden. Wir haben das genau angeschaut und sind zum Schluss gekommen, dass ein absolutes Badeverbot unverhältnismässig wäre und sie deshalb baden dürfen, wenn auch nur unter Auflagen.

Welche Auflagen waren das?

Steffen: Der Pächter der Seebadi wurde erstens jeweils vorgängig informiert. Zweitens war immer eine Begleitperson dabei, entweder von der Betreuungsfirma oder von unserer Begleitgruppe. Jene, die wollten, konnten dann auch baden. Viele hatten dieses Bedürfnis nicht.

Gab es Probleme?

Steffen: Überhaupt keine. Wenn es auch nur das kleinste Problem gegeben hätte, hätte ich davon erfahren. Ich habe aber von keiner Seite etwas über Belästigungen oder Konflikte gehört, weder vom Pächter der Badeanstalt noch sonst woher. Im Gegenteil: Manchmal gab es Momente, in denen man Einheimische zusammen mit Asylbewerbern friedlich planschen sah.

Etwa 15 Asylbewerber, schätzt der Gemeindepräsident, hätten sich jeweils nach der Arbeit abgekühlt. Während ihrer Zeit in Nottwil haben sie Wanderwege saniert, Waldarbeiten verrichtet, Seeufer geräumt und Bänke gestrichen. Dafür gabs 30 Franken Sackgeld pro Tag – ohne Arbeit mussten 3 Franken Nothilfe reichen. Die Badi war zwar erlaubt, andere Bereiche aber mussten sie meiden. Die betreffenden Rayonverbote beziehungsweise «sensiblen Zonen», wie es Steffen nennt, hatte Nottwil mit dem Bund vereinbart. Im Schweizerischen Paraplegikerzentrum, in der Schule, im Altersheim und im örtlichen Camping waren die Asylbewerber grundsätzlich nicht willkommen.

Wie gut wurden die Rayonverbote eingehalten?

Steffen: Sehr gut. Im Schweizerischen Paraplegikerzentrum herrschte eine Ausnahmeregelung: Da durften die Asylbewerber ein paar Mal die Sporthalle benutzen, ebenfalls mit Begleitpersonen. Das hat hervorragend funktioniert, es gab überhaupt keine Reklamationen. Von der Schule und vom Altersheim ebenfalls nicht.

Und vom Campingplatz?

Steffen: Die Betreiber hatten anfänglich Bedenken, denn das Camping liegt wie das Paraplegikerzentrum und die Badi ebenfalls unmittelbar neben der Unterkunft. Nach Ablauf der sechs Monate haben sie aber berichtet, es gebe keine Probleme. Ein einziges Mal sei einer auf den Platz gekommen. Da habe man die Securitas gerufen, welche diesen abgeholt und ihm die Regeln erklärt habe.

Hat die Vereinbarung also mit dazu beigetragen, Berührungsängste und Vorurteile abzubauen?

Steffen: Genau das hat sie. Ich halte es für wichtig, dass man eine solche Vereinbarung abschliesst. An der Informationsveranstaltung für die Bevölkerung vor der Eröffnung der Unterkunft war ich sehr froh, dass wir klipp und klar aufzeigen konnten, was abgemacht ist. Es ist immer so: Wenn man damit konfrontiert wird, dass in der Gemeinde ein Asylzentrum eröffnet werden soll, ist zu Beginn niemand wirklich begeistert. Da braucht es Überzeugungsarbeit. Man muss die Leute informieren – und offen sein für Rückmeldungen, Wünsche und Bedürfnisse. Es braucht auch ein Engagement der lokalen Behörde, wenn man das erfolgreich über die Bühne bringen will.

In Nottwil sei das «im Grossen und Ganzen» gelungen, sagt Steffen. Auch wenn das halbe Jahr nicht restlos eine Erfolgsgeschichte war. So gab es einen Einbruch, und die jungen Männer kauften anfänglich in den Geschäften im Dorf Bier ein und führten davor lautstarke Debatten – worauf ein zusätzlicher Container vor der Asylunterkunft aufgestellt und zum neuen Bier-Stelldichein bestimmt wurde. Auch für die Reklamation aus der Zentralbibliothek Luzern, wonach die Nottwiler Asylbewerber sämtliche Computer blockierten, fand man eine Lösung: Es wurde ein Haus in der Nähe zugemietet und mit alten PCs mit Internetanschluss ausgestattet.

Am Montag wird in Alpnach eine Unterkunft eröffnet, voraussichtlich im Frühjahr 2015 folgt Menzingen im Kanton Zug. Haben die Vertreter der beiden Zentralschweizer Gemeinden bei Ihnen angeklopft?

Steffen: Mit Menzingen hatten wir noch keine Kontakte. Eine Delegation aus Alpnach hat uns zusammen mit Vertretern des BFM sowie der Sicherheits- und der Betreuungsfirma besucht, um zu schauen, wie wir das organisiert haben. Wir haben ihnen gezeigt, was gut gelaufen ist – und was weniger gut geklappt hat.

Wie lautet Ihre wichtigste Empfehlung an andere Gemeinden?

Steffen: Es braucht eine gute Vorbereitung, eine offene Kommunikation, und man muss frühzeitig schauen, wie man die Sicherheit möglichst gut garantieren kann. Ganz wichtig sind auch Betreuung und Beschäftigung, damit die Leute nicht auf dumme Gedanken kommen – und auch für ihr Selbstwertgefühl. Das steigt, wenn sie etwas Vernünftiges tun, statt einfach rumzuhängen.

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