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Aufsehenerregende Aktionen: Klima-Rebellen proben den gewaltfreien Aufstand

Die «Extinction Rebellion», die Rebellion gegen das Aussterben, erreicht die Schweiz. Nach ersten Aktionen lädt sie zum Seminar über gewaltfreien Widerstand.
Pascal Ritter
Mitglieder der Zürcher Sektion der «Extinction Rebellion». Bild: P. Ritter

Mitglieder der Zürcher Sektion der «Extinction Rebellion». Bild: P. Ritter

Demonstrieren und Schwänzen reichen ihnen nicht. Die Aktivisten von der «Extinction Rebellion» (Rebellion gegen das Aussterben) blockieren Strassen oder schütten Kunstblut vor Firmen, die sie als Klimasünder ausmachen. In London erregten sie im April Aufsehen, als sie eine Woche lang versuchten, die britische Hauptstadt lahmzulegen. Auf Videoaufnahmen sieht man, wie Pflanzen und Spielsachen herangetragen und Brücken und Kreuzungen mit Fahnen und mobilen Kunstwerken in Beschlag genommen werden. Kinder spielen Fussball und auf einer Skate-Rampe übt jemand Tricks mit dem Rollbrett. Die Polizei schaute zunächst zu und verhaftete später Hunderte Aktivisten.

Die Extinction Rebellion ist die radikale Version der Klimademos. Das Anliegen ist das gleiche: Massnahmen gegen den Klimawandel. Die Klima-Rebellen bringen es aber mit einer viel grösseren Dringlichkeit vor. Die radikale Ungeduld kommt auch im Logo der Bewegung zum Ausdruck. In einem Kreis prangt ein oben und unten geschlossenes X. Es symbolisiert eine Sanduhr. Die Zeit läuft uns davon, lautet das Credo. «Handelt jetzt», ist denn auch eine der zentralen Forderungen der Bewegung. Mit Blockaden wollen sie die Regierung zum Handeln gegen den Klimawandel zwingen. Andernfalls, so die Meinung der Rebellen, drohe das Aussterben der Menschheit.

Kurs für gewaltfreien Widerstand

Von London breitet sich die Bewegung global aus. Auch in der Schweiz ist sie angekommen. Stark ist sie in der Westschweiz, etwa im Kanton Waadt. Parallel zu den Aktionen in London blockierten Lausanner Rebellen eine Stunde lang eine Brücke. Der motorisierte Verkehr stand still. Die Rebellion wächst schnell und chaotisch. So wurden in Zürich gleich zwei Sektionen gegründet. Eine, bestehend aus Expats, diskutiert auf Englisch. Eine zweite, gegründet von Einheimischen, verständigt sich auf Deutsch. Nun wollen sie sich vereinen. Auf einer Karte im Internet sind Sektionen in Genf, Waadt, Freiburg, Neuenburg, Luzern, Bern, Zürich und Konstanz eingezeichnet. Täglich meldeten sich neue Interessierte, sagt ein Mitglied der Bewegung. Wird es in der Schweiz bald auch zu Blockaden wie in London kommen? Auf Anfrage heisst es lediglich, man werde sich eng mit anderen Gruppen, etwa der Schülerbewegung, absprechen. Für den 2. Juni laden die Zürcher Rebellen zusammen mit Tierrechtsaktivisten zu einem Kurs für «gewaltfreie direkte Aktionen» ins Gemeinschaftszentrum Wipkingen. Zum Inhalt des Trainings schweigen sie.

Zu einem Gespräch über die Ziele der Bewegung finden sich drei Männer ein. Der 23-jährige Produktentwickler Jason, der 44-jährige Web-Entwickler Daniel – und der 67-jährige Präventivmediziner «im Unruhestand», Toni, erscheinen zu einem Treffen in einem Kaffee in der Nähe des Zürcher Limmatplatzes. Die drei betonen, dass auch Frauen Teil der Bewegung seien. Die Quote von 30 Prozent wolle man mit Kinderbetreuung während der Treffen noch erhöhen.

Von der herkömmlichen Politik sind sie enttäuscht. Alle drei waren oder sind zwar in Parteien wie SP oder Grüne aktiv, der politische Prozess ist ihnen aber mittlerweile zu langsam. Denn sie wollen, dass der CO2-Ausstoss bis ins Jahr 2025 auf null gesenkt wird. «Ich handle aus Notwehr», sagt Toni, der beteuert, dass es ihm vor allem um die Zukunft seiner Enkelin geht. Dass diese exakt an jenem Freitag zur Welt kam, als Greta Thunberg in Stockholm ihren Schulstreik begann, sieht er als Zeichen.

Fleisch isst keiner der drei. Sie beteuern aber, dass an ihren Treffen auch Autofahrer und Fleisch-Esser willkommen seien. Niemand solle sich ausgeschlossen fühlen. Es gehe schliesslich nicht um den Einzelnen, sondern «um das System». Nicht der Einzelne, sondern die Regierung soll zum Handeln bewegt werden.

Wenn nötig in den Knast

Wie ihre Vorbilder aus England sind die drei Zürcher Klima-Rebellen bereit, für ihre Aktionen auch verhaftet zu werden. Mit langer Haft rechnen sie wegen ihres Gewaltverzichts allerdings nicht. Wenn es um konkrete Aktionen geht, zeigen sich bald einmal die Widersprüche der Bewegung. Zwar wollen sie blockieren, gleichzeitig aber niemandem wehtun. Schliesslich ist der gewaltfreie Widerstand Gandhis ihr Vorbild. So findet Jason es zwar gut, dass die Kleiderladenkette H&M wegen der Blockaden in London Umsatzeinbussen hatte. Gleichzeitig bedauert er, dass es auch kleinere und ihm sympathischere Betriebe traf. Er plädiert für positive Aktionen. Etwa Nachtzugfahrer mit einem Zmorgen überraschen.

Unter den Schülern, die gegen den Klimawandel demonstrieren, ist die «Extinction Rebellion» beliebt; manche machen an beiden Orten mit. «Ich unterstützte die Extinction Rebellion zu 100 Prozent», sagt etwa der 18-jährige Klimaaktivist Jonas Kampus . Selber habe er aber keine Zeit, um sich dort auch noch zu engagieren. Er stellt zudem in Frage, dass die Rebellen radikaler seien als die Schüler. «Das Bild von den braven Schülern und den radikalen Aktivisten der Extinction Rebellion ist falsch», sagt Kampus. Beide Bewegungen seien heterogen.

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