Auftakt Hochseeflotten-Prozess: Anklageschrift zeigt, wie der Reeder Bund und Freunde austrickste

In der Affäre um Bundesbürgschaften für die Schweizer Hochseeflotte hat am Montag in Bern der Prozess gegen einen Reeder begonnen. Sein Anwalt scheiterte mit dem Antrag, mehrere Personen befragen zu lassen.

Henry Habegger
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Die SCL Bern: Einer der Frachter, der den Bund teuer zu stehen kam und dessen Geschichte diese Woche unter anderem vor Gericht verhandelt wird.

Die SCL Bern: Einer der Frachter, der den Bund teuer zu stehen kam und dessen Geschichte diese Woche unter anderem vor Gericht verhandelt wird.

HO

Hans-Jürg Grunder, elegant gekleidet im dunklen Anzug, wirkt recht entspannt im grossen Saal im Berner Amtshaus. Dort tagt seit Montagmorgen – und voraussichtlich noch die ganze Woche – das kantonale Wirtschaftsstrafgericht. In der Pause auf das Verfahren angesprochen, lächelt der 66-Jährige, wenn auch etwas gequält.

Dabei werden dem Patron der ehemaligen Enzian-Reederei und SCL-Schifffahrtsgruppe eine ganze Reihe von Delikten vorgeworfen: Leistungsbetrug, Betrug, ungetreue Geschäftsbesorgung, Urkundendelikte. Er soll den Bund bei Bürgschaften für ein gutes Dutzend Hochseeschiffe übers Ohr gehauen und sich um Millionen bereichert haben. Die Flotte ging Pleite. Der Bund musste bereits über 200 Millionen Franken aufwerfen, weil er Grunders Hochseeschiffe verbürgt hatte.

Nicht nur der Bund, der als Privatkläger auftritt und mit einer Reihe von Anwälten aufgekreuzt ist, fordert diese Woche am Prozess in Bern von Hans-Jürg Grunder Millionen zurück. Auch der Berner Anwalt Nicolas Koechlin, dessen Familie von Grunder ein Hochseeschiff zu einem gemäss Anklage überhöhten Preis kaufte (24 statt 20 Millionen Franken), tritt mit seiner MV Basilisk AG als Privatkläger auf. Verfahrensbeteiligte ist auch Grunders Ehefrau Marie-Jeanne, die gemäss Anklage «formelle Eigentümerin beschlagnahmter Vermögenswerte ist». Bei Grunder wurden bei Hausdurchsuchungen zahlreiche Gegenstände beschlagnahmt, darunter viele Luxusgüter wie Autos der Marke Jaguar, Mercedes oder Uhren aus dem Hause Rolex, Patek Philippe oder Chopard.

Über 100 Millionen Franken erschlichen?

Detailliert schildert die Staatsanwaltschaft in der 37 Seiten starken Anklageschrift die mutmasslichen Delikte, bei denen sich Hans-Jürg Grunder Vermögensvorteile von weit über 100 Millionen erschlichen haben soll: In Form von Schiffsbürgschaften, die bei korrekter Abwicklung so nie vergeben worden wären.

So soll Grunder im Jahr 2005 für vier Schiffe (namens SCL Bern, Thun, Basilea, Léman) dem Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) einen «simulierten Schiffsbauvertrag» untergejubelt haben, der den Verkaufspreis der Schiffe um 20 Prozent höher darstellte als er effektiv war. So erhielt Grunder höhere Bürgschaften, als ihm zustanden. Es resultierten «Overpayments», welche die japanische Werft «auf Anweisung des Beschuldigten auf verschiedene Konten bei der Credit Suisse, lautend auf SCL Reederei AG oder Securit Investment Ltd. Gibraltar zurücküberwies». Grunder habe von diesem Konto der Gibraltar-Firma einen Anteil von 320'000 auf ein Konto seiner Ehefrau bei der Waadtländer Kantonalbank BCV überwiesen und «einen Anteil von 1'210'000 Franken in mehreren Malen bar bezogen», klagen die Berner Ermittler weiter an. Das Geld sei zu einem grossen Teil für den Bau und Erwerb der Liegenschaft in Oberhofen verwendet worden und für den Kauf einer Segelyacht Esse 850. Auch diese ist derzeit beschlagnahmt.

Also doch: Eigentümer von Briefkastenfirmen

In der Anklageschrift bestätigt sich, was CH Media bereits 2018 darlegte: Grunder war der Eigentümer von Briefkastenfirmen in Gibraltar (Securit) und Hongkong (Eternal), an die grosse Geldbeträge flossen, die aber auf dem Papier nichts mit Grunder zu tun hatten. Im Gespräch bestritt Grunder im Frühjahr 2018 gegenüber dieser Zeitung, dass er hinter der Securit stehe. Und: «Ich habe nie irgendwelche Provisionen, irgendwelches Schwarzgeld verlangt oder erhalten. Ich habe auch keine Offshore-Konten». Die Berner Ermittler konnten ihm jetzt das Gegenteil beweisen.

In der Anklageschrift wird auch die Rolle der Eternal in Hongkong erhellt. Sie trat als fiktive Geldgeberin der SCL Reederei auf. So soll sie 2004 eine Anzahlung von 25 Millionen für die SCL Reederei geleistet haben, für den Bau von vier Hochseeschiffen. «Tatsächlich waren diese Anzahlungen aber gar nie geleistet worden, weil sie ihrerseits auf einem simulierten Schiffbauvertrag, der einen überhöhten Vertragspreis auswies, beruhte», so die Anklage.

Einvernehmliche Einigung zu Gunsten der Steuerzahler

Der Beschuldigte habe in der Absicht gehandelt, «die Eternal – und mittelbar sich selbst als wirtschaftlich Berechtigten – unrechtmässig zu bereichern, indem er ihr Aktien der SCL zu Eigentum überliess, ohne dass die Eternal wirtschaftlich betrachtet eine Gegenleistung erbrachte», steht in der Anklageschrift.

Am Vormittag wurde der Berner Anwalt Nicolas Koechlin als Auskunftsperson befragt, dessen Familie die SCL Basilisk zu einem überhöhten Preis von Grunder gekauft hatte. Für 24 Millionen, dabei hatte Grunder mit dem Schiffbauer bereits einen Preis von 20 Millionen vereinbart. Koechlin beteuerte, davon habe er nichts gewusst. Die Schiffsgesellschaft MV Basilisk tritt jetzt als Privatklägerin auf. Koechlin sagte am Rand des Prozesses zu CH Media, er habe sich wegen der zwei Schiffe in seinem Einflussbereich – neben der Basilisk war das auch die SCL Angela – mit dem Bund einvernehmlich geeinigt. Das heisst, dass er einen Teil der Millionenverluste selber trug, um den Steuerzahler nicht unnötig zu belasten.

Bundesanwaltschaft hat Verfahren eingestellt

Am Montagnachmittag wird unter anderem Michael Eichmann als Auskunftsperson befragt werden. Er war der beim Bund für die Bürgschaften zuständige Chefbeamte. Die Bundesanwaltschaft (BA) hatte gegen ihn ermittelt, das Strafverfahren aber noch rechtzeitig vor Beginn des Prozesses in Bern eingestellt. Mangels Beweisen – bei einem Prozess, so die BA, wäre ein Schuldspruch unwahrscheinlich gewesen. Die Sache allerdings bleibt unklar, denn Eichmann arbeitete nach seiner Pensionierung bei Grunder – als Berater.

Der Prozess vor dem dreiköpfigen Bernischen Wirtschaftsstrafgericht gegen Hans-Jürg Grunder wird voraussichtlich die ganze Woche weitergehen. Ein Urteil wird jedoch erst für die zwei Juli-Woche erwartet.

Es gilt die Unschuldsvermutung.