Ausgerechnet prominente Gegner des Jagdgesetzes wollen die Hürden für den Abschuss des Wolfes senken

Wie haben Sie es mit dem Wolf? Das ist die Gretchenfrage in der Abstimmung zum neuen Jagdgesetz. Selbst die Gegner sind bei dieser Frage aber nicht ganz eins.

Doris Kleck
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Der Wolf bleibt wohl auch bei einem Nein zum Jagdgesetz auf der politischen Agenda.

Der Wolf bleibt wohl auch bei einem Nein zum Jagdgesetz auf der politischen Agenda.

Alexandra Wey / KEYSTONE

Es wird knapp. So lassen sich die Umfragen zur Abstimmung über das Jagdgesetz zusammenfassen. Das Forschungsinstitut GFS Bern spricht in der SRG-Trendumfrage von einer Pattsituation. Die Autoren der Umfrage haben ausgemacht, welches Nein-Argument am besten überzeugt: Lösungen ohne Abschuss des Wolfes werden bevorzugt.

Der Wolf: Er ist der Grund für das neue Jagdgesetz. Die eidgenössischen Räte überwiesen 2015 eine Motion des Bündner CVP-Ständerates Stefan Engler und verlangten eine Regulierung des Wolfes. Selbst die Umweltverbände, welche heute die Kampagne gegen das Jagdgesetz orchestrieren, sagten ja zur Revision. Pro Natura und der WWF schrieben dannzumal in einer Mitteilung, sie würden eine Regulierung der Wolfsbestände akzeptieren, sofern ein «langfristig überlebensfähiger Bestand in der Schweiz vorhanden ist».

Pro Natura-Präsidentin sieht keine Handlungsbedarf

So steht es denn auch im Jagdgesetz: Regulierungen dürfen den Stand der Populationen nicht gefährden. Doch der Begriff «Regulation» ist für die Umweltschützer heute ein technokratisches Unwort für den Umstand, «dass man künftig unliebsame, bedrohte Tiere töten kann, bevor sie einen Schaden angerichtet haben.» Für die Befürworter ist es aber gerade Kern einer Regulierung, dass man präventiv eingreift, bevor ein Wolf einen Schaden angerichtet hat. «Es gibt keine Alternative zur Regulierung», sagt Stefan Engler. Wenn Wölfe ihre Scheu vor menschlichen Einrichtungen verlieren, müsse man eingreifen. «Die Wolfsbestände wachsen pro Jahr um 20 Prozent», so Engler. Und mit diesem Wachstum würden sich auch die Konflikte zwischen dem Raubtier und der Bevölkerung verschärfen. Der Wolf bliebe auch bei einem Nein zum Jagdgesetz auf der politischen Agenda.

Doch wie sehen die Gegner, die lieber über Feldhasen, Waldschnepfen oder den Birkhahn reden, die Wolfsfrage? Nationalrätin Ursula Schneider Schüttel (SP/FR) sieht keinen Handlungsbedarf: «Der Wolf ist schon jetzt regulierbar, wenn er einen Schaden anrichtet. Das reicht», sagt die Präsidentin von Pro Natura. Der Wolf sei ein faszinierendes Tier, man müsse seinen Lebensraum schützen. «Erst, wenn es ausartet, wenn die Gefahr zu gross wird, dann soll ein Eingriff möglich sein.»

Der Bestand nahm zu, nun sollen die Kriterien angepasst werden

Allerdings sehen das nicht alle Gegner so. Martin Kreiliger ist Forstingenieur und Leiter eines Bergwaldprojekts. Er ist ein Kronzeuge der Gegner, weil der Wolf dem Wald hilft. Er jagt Rehe und Hirsche, reguliert ihren Bestand auf natürliche Weise. Und dies stärkt den Wald. Denn Rehe und Hirsche fressen Jungbäume an. Im rätoromanischen Fernsehen wurde Kreiliger gefragt, was bei einem Nein zu tun wäre. Kreiliger meinte, die Hürden für die Regulierung der Wölfe müssten gesenkt werden. Er sieht Handlungsbedarf, weil sich die Wölfe stark vermehrt haben.

Tatsächlich wanderten ab 1995 die ersten Wölfe in die Schweiz ein. 2012 bildete sich der erste Familienverband mit Nachwuchs und heute zählt die Schweiz etwa zehn Rudel oder 80 bis 100 Wölfe. Der Wolf als politisches Pfand für den Feldhasen? Auf diesen Anstieg wies in einem Interview mit dem «Blick» auch David Gerke hin. Der Präsident der Gruppe Wolf Schweiz, selbst Jäger und Hirt sowie ein dezidierter Gegner des Jagdgesetzes sagt ebenfalls: «Dass man die Hürde anpasst und senkt, ist deshalb nicht falsch.» Er kritisiert an der Vorlage zwar, dass sie ein «blindes Reinschiessen in die Population ermögliche». Doch auch Gerke fordert ein früheres intervenieren. «Heute können wir erst eingreifen, wenn schon relativ viel Schaden angerichtet ist. Man sollte künftig intervenieren können, wenn ein grosser Schaden unmittelbar droht.»

Der Wolf als politisches Pfand

In den Ohren der Befürworter müssen diese Aussagen wie Hohn tönen. CVP-Ständerat Engler sagt lapidar: «Vielleicht kommt diese Abstimmung einfach zwei Jahre zu früh.» Schneider Schüttel wiederum meint, sie stehe immer noch zum einstigen Vorstoss von Engler, es brauche aber bessere Lösungen. Sie denkt dabei etwa an eine Stärkung des Herdenschutzes. Im Falle eins Neins werde sie Handbieten für einen Kompromiss. Und, was die Pro-Natura-Präsidentin aber nicht sagt, wohl eine Kompensation einfordern. Für den besseren Schutz von Feldhase, Waldschnepfe oder Birkhahn.

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