AUSLANDSCHWEIZER: Jeder Zehnte wohnt im Ausland

Die Liebe, die Arbeit oder das Abenteuer zieht Luzerner ins Ausland. Eine Wahlheimat sticht dabei besonders hervor.

Niels Jost
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Doris Leuthard: Wenn die 300 Millionen aus der Vignette fehlen, baut man entweder weniger oder muss Bauprojekte zur Beseitigung der Engpässe zeitlich hinausschieben. Beim Bypass in Luzern zum Beispiel könnte es so zu Verzögerungen kommen. (Bild: Remo Nägeli / Neue LZ)

Doris Leuthard: Wenn die 300 Millionen aus der Vignette fehlen, baut man entweder weniger oder muss Bauprojekte zur Beseitigung der Engpässe zeitlich hinausschieben. Beim Bypass in Luzern zum Beispiel könnte es so zu Verzögerungen kommen. (Bild: Remo Nägeli / Neue LZ)

Niels Jost

Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, einfach alles liegen zu lassen und das Ferne zu suchen? Der stressigen Schweiz entfliehen und irgendwo im Ausland – am besten am Meer und bei Sonnenschein – ein neues Leben beginnen: Diesen Traum hat sich David Wernas (23) aus Adligenswil erfüllt. Vor eineinhalb Jahren packte er nach seiner Lehre als Schreiner seine Siebensachen und zog nach Südafrika ins 9000 Kilometer entfernte Kapstadt. «Eigentlich wollte ich nur drei Monate bis zum Beginn meines Studiums in Luzern überbrücken. Trotzdem hab ich mir ein Einwegticket gekauft – und bin geblieben», sagt David Wernas am Telefon.

762 000 Schweizer im Ausland

Ihm taten es letztes Jahr rund 15 000 Schweizer gleich – so viele wie noch nie. Wie der Bund kürzlich mitteilte, gab es 2015 gut 762 000 Schweizer Staatsangehörige, die in einem anderen Land lebten. Gegenüber dem Vorjahr ist das eine Zunahme von 2 Prozent. Auch in der Zentralschweiz ist dieser Trend erkennbar. Genaue Zahlen erfasst der Bund dazu zwar keine. Einen gewissen Anhaltspunkt liefert jedoch die Anzahl Auslandschweizer, die sich im Stimmregister haben eintragen lassen (siehe Kasten). Ende Mai waren im Kanton Luzern rund 4350 im Ausland lebende Personen für eidgenössische Abstimmungen stimmberechtigt. Ein Jahr vorher waren es noch gut 1500 Personen weniger gewesen. Gegenüber dem Jahr 2004 hat die aktuelle Zahl sogar um über 60 Prozent zugenommen. Damals hatten sich in Luzern bloss 2670 Personen aus dem Ausland registrieren lassen.

Immer mehr zieht es nach Asien

Diese Zunahme sei primär auf die demografische Entwicklung zurückzuführen, erklärt Anne-Catherine Clément, Medienbeauftragte der Auslandschweizer-Organisation (ASO). «Seit Jahren leben konstant rund 10 Prozent der Schweizer Staatsangehörigen im Ausland. Weil die Bevölkerungszahl hierzulande stetig zunimmt, erhöht sich auch die Anzahl Auslandschweizer», sagt Clément.

Obwohl mit dem Wort «Auswandern» wohl oft ein kilometerlanger Traumstrand mit Palmen konnotiert wird, zieht es die meisten Auslandschweizer zu unseren französischen und deutschen Nachbarn. In Frankreich lebten Ende 2015 knapp 200 000 Schweizer (plus 2,1 Prozent oder 4200 Personen mehr als 2014) und in Deutschland gut 87 000 (plus 2,5 Prozent oder 2100 Personen). Prozentual am stärksten gewachsen ist die Zahl der Auslandschweizer in Asien (plus 3,5 Prozent oder 1800 Personen).

Die meisten sind Doppelbürger

In David Wernas neuer Heimat, in Südafrika, leben derzeit rund 9300 Schweizer. Viele von ihnen dürften Doppelbürger sein. Drei Viertel aller Auslandschweizer besitzen neben dem roten Pass mit dem weissen Kreuz noch einen weiteren Pass. Auch David Wernas. «Ich besitze den Schweizer und den holländischen Pass, Holland ist das Heimatland meines Vaters.»

Wieso es gut jeden Zehnten ins Ausland zieht, weiss ASO-Sprecherin Clément: «Es gibt drei Hauptgründe: die Liebe, den Job und einfach eine ersehnte Abwechslung oder die Abenteuerlust.» Laut Clément erleichtert die hohe Mobilität heutzutage das Auswandern: Die immer ausgefeiltere Infra­struk­tur auf allen Verkehrswegen er­möglicht es, schneller, bequemer und günstiger auch grosse Strecken zu überwinden. Das sei auch der Grund dafür, dass sich Auslandschweizer häufiger nur für kurze Zeit in einem anderen Land aufhalten – und nicht das ganze Leben. «Dass man sein ganzes Hab und Gut packt und für immer wegzieht, das gehört der Vergangenheit an. Vielmehr leben heutzutage viele Auslandschweizer ein paar Jahre etwa in Deutschland, dann in England und zwischendurch vielleicht sogar wieder in der Schweiz», sagt Clément.

Das bestätigt die Geschichte von David Wernas. Schon in seiner Kindheit lebte er selten mehrere Jahre im selben Land. Als der gebürtige Luzerner in der Region seine Lehre anfing, hatte er bereits sein halbes Leben in Frankreich und China verbracht. Von seiner jet­zigen Wahlheimat Südafrika möchte Wernas nicht so schnell wieder wegziehen. «Ich habe mir ein sehr gutes persönliches Umfeld aufgebaut und leite mittlerweile eine Firma, an der ich Miteigentümer bin.» Wernas stellt mit seinen sechs Mitarbeitern Surfbretter aus Holz her und verkauft sie im eigenen Laden. Zu schaffen macht ihm derzeit einzig das Visum. Sein einjähriges Arbeitsvisum läuft in wenigen Monaten aus. «Ein langfristiges Visum zu bekommen, ist schwer in Südafrika. Vor allem, wenn man gut ausgebildet ist, befürchten die Behörden, dass man den Einheimischen die Arbeit wegnimmt», so Wernas.

Verbunden dank Handy und Internet

Die Schweiz vermisst der 23-Jährige kaum. Den Kontakt zu seinem Luzerner Umfeld kann er gut aufrechterhalten – dem Telefonieren, SMS- oder Whatsapp-Schreiben sei Dank. «So habe ich gar nicht das Gefühl, dass ich auf der anderen Seite der Welt bin», sagt Wernas. Zu oft möchte er sich aber dennoch nicht in die Schweiz melden. «Man muss auch mal loslassen können. Sonst ist man nirgends zu Hause.»