Ausstieg aus der Atomkraft: Koloss Mühleberg muss weg

Vor Weihnachten wird in Mühleberg das erste Schweizer Atomkraftwerk abgeschaltet. 200'000 Tonnen Material müssen bis 2034 verschwinden. Wie macht man das, und was heisst es für das Dorf?

Dominic Wirth
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Das Atomkraftwerk Mühleberg an der Aare.

Das Atomkraftwerk Mühleberg an der Aare.

Bild: Urs Lindt/Freshfocus

An der Aare, unweit von Bern, steht ein grauer Koloss zwischen Wald und Wasser, seit 50 Jahren bald. Und scheinbar für die Ewigkeit. Doch in ein paar Jahren, wenn Stefan Klute seine Arbeit zu Ende gebracht hat, wird vom Atomkraftwerk Mühleberg kaum noch etwas übrig sein.

Die mächtigen Hallen, das siloähnliche Reaktorgebäude, der Kamin, der zum Himmel ragt, 125 Meter hoch: alles muss weg. Nicht weniger als 200'000 Tonnen Material sind das insgesamt.

Klute sitzt in einem Sitzungszimmer im Empfangsgebäude, dort, wo eine Sicherheitsschleuse den Weg zum heiklen Teil des AKW versperrt.

«Einen spannenderen Job kann ich mir gar nicht vorstellen»,

sagt er. Gesamtleiter Stilllegung, so lautet die Jobbeschreibung des 47-Jährigen, der «change» sagt statt Veränderung. Und verändern wird sich bald einiges. Das gilt für das Stück Wiese, auf dem das AKW Mühleberg jetzt noch steht. Und es gilt für das ganze Land.

Denn die BKW und Manager Klute machen in Mühleberg den ersten Schritt auf dem Weg zum Schweizer Ausstieg aus der Atomkraft. Wobei: Begonnen hat das alles eigentlich schon früher, am 11. März 2011.

Damals bebte vor der japanischen Hauptinsel Honshu die Erde. Ein paar Stunden später überrollte ein Tsunami das Atomkraftwerk Fukushima. Die Flutwelle beschädigte vier von sechs Reaktorblöcken, grosse Mengen an radioaktivem Material wurden freigesetzt. Zehntausende Menschen mussten das Gebiet an der Ostküste Japans verlassen.

Allein die Vorarbeiten nahmen fünf Jahre in Anspruch

Die Schockwellen der Katastrophe machten dort nicht Halt. Sie rasten um die ganze Welt. Und in gewisser Weise auch zum Atomkraftwerk Mühleberg. Am 25. Mai 2011, etwas mehr als zwei Monate nach dem Unglück, kündigt die verantwortliche Bundesrätin Doris Leuthard den schrittweisen Schweizer Ausstieg aus der Atomenergie bis 2050 an.

Die BKW, der mit Mühleberg das drittälteste der fünf Schweizer AKW gehört, zieht im Oktober 2013 die Reissleine. Konzernchefin Suzanne Thoma verkündet das Ende per 2019. Eigentlich hatte die BKW den Bau eines neuen, grösseren Kraftwerks angestrebt. Noch im Februar 2011 hiess das Berner Stimmvolk dieses Ansinnen mit einer knappen Mehrheit von 51,2 Prozent gut. Doch nach Fukushima war alles anders.

Stattdessen baut das Unternehmen nun als erstes überhaupt in der Schweiz ein AKW ab, eine gewaltige Aufgabe, allein die Vorarbeiten haben fünf Jahre in Anspruch genommen.

Die BKW geht voran – und lässt das alle wissen. Sie inszeniert ihre Pionierrolle nach allen Regeln der Kunst. Um den Tag, an dem Mühleberg vom Netz geht, veranstaltet sie gleich drei Festakte: einen für Medien und Prominenz, einen für die Angestellten – und einen für die Nachbarn des AKW, allen voran die Mühleberger.

Die nennen das AKW zuweilen nur «s’Atomi». Als es in den 1960er-Jahren von der BKW an die Aare gestellt wurde, war Mühleberg ein Dorf der Bauern. Über 26 Quadratkilometer erstreckt sich die Gemeinde, knapp 3000 Einwohner verteilen sich über sie und 13 Weiler, in denen stattliche Bauernhäuser stehen. Die Ortsteile heissen Fuchsenried, Gümmenen oder Rosshäusern. Stehen am Waldrand und zwischen Feldern. Oder auf Hügeln, so wie Mühleberg, wo sich der Kirchenturm über den alten Dorfkern streckt.

Dort liegt auch das Gemeindehaus, in dem René Maire in einem geräumigen Sitzungszimmer sitzt; an der Wand hängen Luftaufnahmen der Mühleberger Weiler. Maire trägt einen buschigen Schnauz. Er ist ein Mann, der so schnell nicht aus der Ruhe gerät, und gerade wundert er sich ein wenig, dass in diesen Tagen alle etwas von ihm wollen.

In Mühleberg haben sie die ganze Aufregung um das AKW nie richtig verstanden. Vom Dorf aus sieht man den Koloss unten an der Aare nicht, er liegt versteckt hinter einem Hügelzug, «aus den Augen, aus dem Sinn», so formuliert es SVP-Gemeindepräsident Maire, und ein Stück weit gelte das auch jetzt noch.

Die meisten Mühleberger jedenfalls seien «weder wahnsinnig traurig noch wahnsinnig glücklich» darüber, dass das AKW abgebaut wird.

Über zwei Milliarden kostet der Rückbau - mindestens

Während das Land ab den 1970er-Jahren oft über die Atomkraft gestritten hat, liess man es in Mühleberg stets ruhig angehen. Und hat denen da unten im «Atomi» vertraut, dass sie schon zum Rechten schauen. «An der Sicherheit der Anlage haben die meisten hier nie gezweifelt», sagt Maire. Und das blieb auch so, wenn das AKW Schlagzeilen wieder einmal machte. Etwa wegen Rissen im Kernmantel.

Wenn vor dem AKW eine der seltenen Demonstrationen stattfand, reisten die Leute aus dem ganzen Land an. Die meisten Mühleberger blieben zu Hause. Die lokale Sektion der SP, deren Mutterpartei seit jeher zu den Atomkraft-Kritikern zählt, beschloss irgendwann, das Thema zu ignorieren – dem Frieden im Dorf zuliebe.

Stefan Klute fährt gerade Ski im Wallis, als es in Japan zur Fukushima-Katastrophe kommt. Er realisiert sofort, dass für seine Branche nun alles anders wird. Gut drei Jahre später heuert er bei der BKW an. Er hat zuvor schon in Deutschland Erfahrungen beim Rückbau von AKW gesammelt. Der Diplomingenieur ist sich daran gewohnt, Dinge nicht aufzubauen, sondern zu beseitigen. Keinen Koloss zu hinterlassen, sondern: nichts.

Der 47-Jährige weiss, dass es seinen Leuten da anders geht. Er spürt in diesen Tagen Aufbruchstimmung, aber auch viel Wehmut. Die 300 Mitarbeiter, die bisher damit beschäftigt waren, das Atomkraftwerk am Laufen zu halten, werden grösstenteils auch diejenigen sein, die Mühleberg in den nächsten Jahren zu Grabe tragen.

2034 soll es so weit sein, doch gewiss ist das nicht. «Man muss bei einem solchen Grossprojekten immer mit Überraschungen rechnen. Darum haben wir neben einem Plan A noch einen Plan B und C, damit wir dennoch in Termin und Budget bleiben», sagt Klute. Aber natürlich will er so schnell wie möglich vorwärtsmachen, denn Zeit ist Geld.

Und der Rückbau jetzt schon teuer, über 900 Millionen Franken veranschlagt die BKW dafür. Dazu kommen 1,4 Milliarden für die Zwischen- und Tiefenlagerung des radioaktiven Abfalls. Laut der BKW reichen die Rückstelungen, um alle Kosten zu decken. Atomkraft-Gegner bezweifeln das.

Am 20. Dezember um Punkt 12.30 Uhr drückt im Kommandoraum des AKW Mühleberg ein Mitarbeiter gleichzeitig auf zwei Knöpfe. Es wird das letzte Mal sein, dass der Reaktor heruntergefahren wird. Dort baut sich danach der Druck ab, innerhalb von sieben Stunden sinkt die Temperatur von 280 auf unter 100 Grad Celsius.

Mühleberg muss den Gürtel enger schnallen

Der eigentliche Rückbau beginnt am 6. Januar. Von aussen wird davon aber noch lange nichts zu sehen sein. Ein AKW wird zuerst innen abgebaut. Die Gebäudehüllen bleiben noch bis 2031 stehen, sie dienen als Schutzwall.

Denn im Inneren wartet eine schwierige Aufgabe auf Stefan Klute und seine Leute, tonnenweise radioaktives Material muss abgebaut werden. Zuerst bringt die BKW die hoch radioaktiven Brennelemente weg. Sie werden ins Zwischenlager nach Würenlingen gebracht. Das soll bis 2024 erledigt sein. Dann beginnt der nukleare Rückbau.

Im Jahr 2031, sagt Stillegungs-Manager Klute, soll das ganze Areal sauber sein; kein Messgerät werde dann noch Radioaktivität oberhalb der gesetzlichen Limite anzeigen. Insgesamt 16'000 Tonnen radioaktiv verunreinigtes Material müssen vom Areal weggeschafft werden, 3000 von ihnen sind so stark verstrahlt, dass sie als radioaktiver Abfall gelagert werden müssen. Jedes Stück Beton, versichert Klute, werde gereinigt und gemessen, «am Schluss gibt es hier unten keine Radioaktivität mehr», sagt er.

Dann geht eine Ära zu Ende, für die BKW und für Mühleberg, das jahrzehntelang mit dem Etikett des Atom-Dorfs gelebt hat. Und auch vom Geld, das regelmässig von der BKW in die Gemeindekassen geflossen ist. Über die Jahre waren das viele Millionen, und ohne sie wäre das Oberstufenzentrum der Gemeinde vielleicht ein wenig kleiner ausgefallen.

Gemeindepräsident Maire sagt, man sei schon «privilegiert» gewesen dank der BKW-Einnahmen. Wenn die 600'000 Franken Liegenschaftssteuer ausbleiben und vielleicht der eine oder andere der 60 BKW-Mitarbeiter wegzieht, werden sie in Mühleberg die Steuern erhöhen müssen.

Doch das meiste bleibt beim Alten, ganz anders als unten am Fluss, wo der Koloss dann verschwunden sein wird. Was danach kommt, weiss noch niemand. Vielleicht eine grüne Wiese, wie damals, vor vielen Jahren.