BAAR: Wie ein Hirtenbub einen Schweizer Weltkonzern schuf

Seit Dezember tobt um den Zuger Baustoffzulieferer Sika eine mit harten Bandagen geführte Übernahmeschlacht. Es geht um Macht, Stolz, verletzte Gefühle – und vor allem um sehr viel Geld.

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Das Bild zeigt Sika-Gründer Kaspar Winkler (1872-1951) bei Versuchen mit neuen Baustoffmischungen. Das Bild entstand um 1930. (Bild: Sika-Jubiläumsschrift)

Das Bild zeigt Sika-Gründer Kaspar Winkler (1872-1951) bei Versuchen mit neuen Baustoffmischungen. Das Bild entstand um 1930. (Bild: Sika-Jubiläumsschrift)

Ernst Meier

Paul Hälg, Verwaltungsratspräsident von Sika, und sein CEO Jan Jenisch haben nicht die leiseste Ahnung, was sie erwartet, als sie am Abend des 5. Dezember 2014 nach Zürich fahren. Urs Burkard, ältester Sohn der Familie, die mit 53 Prozent der Aktienstimmen die Kontrollmehrheit an Sika hält, bat sie ins noble Hotel Park Hyatt. Hälg und Jenisch werweisen, warum sie Burkard ohne Angabe eines Grundes treffen will. 2014 wird als erfolgreichstes Jahr in der Firmengeschichte enden. Die Manager vermuteten deshalb einen speziellen Dank, ein Geschenk.

Im «Park Hyatt» stellte Urs Burkard den beiden Sika-Chefs einen Herrn vor, den sie zwar schon gesehen hatten, aber nicht kannten: Pierre-André de Chalendar, CEO und VR-Präsident von Saint-Gobain – Chef eines der mächtigsten Unternehmen Frankreichs. Sika pflegt geschäftliche Beziehungen mit Saint-Gobain, in einzelnen Bereichen sind die Unternehmen Konkurrenten.

Die Stadt Zürich 125 Jahre zuvor. Im Alter von 17 Jahren, im März 1889, reist Kaspar Winkler aus dem voralbergischen Thüringen nach Zürich. Winkler wuchs mit sieben Geschwistern in bescheidenen Verhältnissen auf. Mit neun schickten ihn die Eltern den Sommer durch ins Schwabenland zu einem Bauern – es folgen fünf weitere Sommer weg von der Familie. Beim Viehhüten gerät Kaspar Winkler einmal etwas ins Auge. Er verliert einseitig das Augenlicht, lebt fortan mit einem Glasauge. In Bregenz absolviert Kaspar Winkler eine Gipserlehre.

Paul Hälg und Jan Jenisch stockt der Atem. Sie bleiben ruhig. Hören zu. Versuchen zu verstehen, was Urs Burkard ihnen erzählt. «Nach über 100 Jahren Familienbesitz haben wir uns zu einer Nachfolgeregelung entschlossen», erklärt er. Die Familie verkauft ihr Sika-Erbe. Sie übergibt die Kontrollmehrheit an Saint-Gobain. Die 16 Prozent des Aktienkapitals, die knapp 53 Prozent der Sika-Stimmen umfassen, haben die Burkards in ihrer Schenker-Winkler-Holding (SWH) vereint. Saint-Gobain zahlt für die SWH 2,75 Milliarden Franken, jedes der fünf Burkard-Kinder erhält 550 Millionen. Für die anderen 84 Prozent der Aktionäre gibt es kein Kaufangebot. Die in den Sika-Statuten festgeschriebene Opting-out-Klausel lässt diese Praxis zu.

1889 ist die Stadt Zürich mitten in einer starken Wachstumsphase. Tüchtige Maurer wie Kaspar Winkler sind gesucht. Der Migrant aus Österreich steigt zum Polier auf, wechselt 1895 für vier Jahre ins Tessin. Zurück in Zürich macht Winkler sich selbstständig. Später verkauft er die Firma mit Gewinn. Winkler lässt sich wieder anstellen. Er tüftelt nebenbei an neuen Baumaterialien, beschäftigt sogar einen Chemiker. 1910 macht sich Winkler erneut selbstständig. Mit der Kaspar Winkler & Co. verkauft er seine Entwicklungen; darunter «Sika», ein «Wasser- und Feuchtigkeitsschutzmittel, das im Anmachwasser dem Beton- oder Mörtel-Trockengemisch zugegeben wird».

Im «Park Hyatt» präsentiert Pierre-André de Chalendar seine Pläne mit Sika. Jan Jenisch soll CEO bleiben, Paul Hälg muss sich in den neuen Strukturen mit dem Vizepräsidium begnügen. Beiden werden «Beträge in siebenstelliger Höhe angeboten, wenn sie die Strategie mittragen», wie Hälg später sagt. Das Saint-Gobain-Team hat für Montag eine Medienkonferenz vorbereitet. Jenisch soll mit de Chalendar präsentieren.

Der Schock bei Hälg und Jenisch sitzt tief. Gedanken schiessen ihnen durch den Kopf: Warum hat man uns nicht in die Verhandlungen mit einbezogen? Was sagen die anderen Aktionäre dazu? Die Sika-Chefs fühlen sich von ihrem VR-Kollegen Burkard verraten. Dieser will zum gemeinsamen Nachtessen übergehen. Hälg und Jenisch schlagen die Einladung aus. Ihnen ist der Appetit vergangen. Sie verlangen eine Bedenkzeit bis Sonntag und verabschieden sich. Sie passieren die Hotel-Bar, stellen sich schweigend an die Theke, bestellen zwei Cola light. Bevor sie nach Hause fahren, gleisen sie das weitere Vorgehen auf. Für den Samstag bestellen sie Verwaltungsrat und Konzernleitung zu individuellen Sitzungen nach Baar.

Samstagmorgen. Die Stimmung ist angespannt. Unter den neun VR vertreten drei die SWH. Allen anderen ist klar: «Diesen Deal können wir nicht mittragen. Wir leisten Widerstand.» Anwälte, Berater werden hinzugezogen. Man bildet Gruppen, hält Telefonkonferenzen, arbeitet das Wochenende durch. Am Sonntagabend schreibt Paul Hälg dem Saint-Gobain-Chef, dass man sich gegen die Übernahme zur Wehr setze.

1912 arbeitet Kaspar Winkler eifrig daran, seine Produkte zu verkaufen. Der Start bleibt wegen des Kriegsausbruchs schwierig. Die Firma schreibt rote Zahlen. Gegenüber einem Freund gestehen Kaspar Winkler und seine Frau: «Die Situation hat uns veranlasst, wieder mehr zu Gott hinaufzuschauen. Wir wurden wieder gläubige Katholiken.»

Montag, 8. Dezember. Punkt 7 Uhr informiert Sika die Wirtschaftswelt: «Sika lehnt den Kontrollwechsel zu Saint-­Gobain ab» heisst es im Communiqué. Journalisten und Finanzanalysten werden telefonisch zur Medienkonferenz auf 9 Uhr nach Altstetten aufgeboten. Als Pierre-André de Chalendar um 10 Uhr im Hotel Savoy Baur en Ville mit seiner Medienkonferenz beginnt, haben Hälg und Jenisch ihre Ausführungen bereits seit neun Minuten beendet. Ihr Fazit: «Die Transaktion schadet Sika und ihren Aktionären. Kommt die Übernahme zu Stande, treten wir zurück.»

Die Sika-Aktie geht auf Talfahrt, schliesst am Abend 22 Prozent im Minus. 1 Milliarde Franken Aktienwert ist vernichtet. In den Medien wird die Familie Burkard scharf kritisiert. «Die gierigste Familie der Schweiz» titelt der «Blick». Die Burkards werden in der Öffentlichkeit angefeindet, erhalten böse Mails.

Die Gebete der Eheleute Winkler wurden erhöht. Die SBB entscheiden sich für Sika-Produkte zur Abdichtung ihrer Tunnel. Auf der Gotthardstrecke zwischen Luzern und Chiasso werden 67 Tunnel mit Sika-Mörtel abgedichtet. Der Erfolg bringt weitere Aufträge. Der einstige Hirtenbub Winkler avanciert zum erfolgreichen Unternehmer und lässt sich 1920 in Zürich einbürgern.

Mittwoch, 10. Dezember. Es kommt zum Eklat. Die Erbenfamilie verlangt eine ausserordentliche GV. Sie will die «renitenten Verwaltungsräte» Paul Hälg, Monika Ribar und Daniel Sauter abwählen. Stattdessen schlägt sie ihren Familienanwalt Max Roesle für das Gremium und dessen Präsidium vor. In Anlegerkreisen schüttelt man den Kopf. «Die heutige Führung steht hinter dem Erfolg von Sika. Eine Abwahl hätte schlimme Folgen», sagt Marc Possa. Er zählt mit dem Sara-Select-Fonds zu den grösseren Sika-Aktionären.

Keinen Anklang findet der Name Max Roesle bei den Investoren. Chris Tanner, VR bei Cosmo und Wunschkandidat der Familie, lehnt ein Mandat ab. Roesle ist die zweite Wahl. Der 65-Jährige steht als SWH-Präsident den Burkards nahe. Erfahrung in der Führung eines Industriebetriebs hat er nicht. Im Umfeld kursiert zudem eine Geschichte über private Verfehlungen, die jedoch aussergerichtlich geregelt wurden.

Für die Sika-Führung ist klar: Die SWH kann kraft ihrer Stimmrechte die Abwahl durchziehen – schon sehr bald. Paul Hälg reagiert vordergründig gelassen, bietet die Hand zum Konsens. An einem Treffen mit Saint-Gobain-Vertretern schlagen er und Jan Jenisch vor, dass Saint-Gobain ihr Mörtelgeschäft Sika verkauft. Dadurch wäre die Konkurrenzsituation bereinigt. Mit dem Erlös kann Saint-Gobain ihren Sika-Aktienanteil erhöhen. Die Übernahme käme zu Stande, vom Deal würden auch die Publikumsaktionäre profitieren. Saint-Gobain ist zu keinen Konzessionen bereit. Wieso auch? Sie haben einen unterschriebenen Kaufvertrag. Im Hintergrund arbeitet Paul Hälg an einem anderen Schachzug.

In den 1920er-Jahren floriert das Geschäft von Kaspar Winkler. Er expandiert nach London, Mailand und Paris. Seine einzige Tochter Klara heiratet 1928 Fritz Schenker, Chemie-Ingenieur ETH. Schenker tritt ins Unternehmen ein. Mit seinem Schwiegervater treibt er trotz Wirtschaftskrise die Expansion erfolgreich weiter. Auch Schenker hat das Glück, die Firma, die mittlerweile Sika heisst, später in der Familie weitergeben zu können. Seine einzige Tochter Franziska heiratet 1953 Romuald Burkard, promovierter Nationalökonom. Burkard, ein «Vollblutunternehmer geprägt von christlichen Idealen», führt Sika erfolgreich bis 1971, bleibt bis zum Tod 2004 Verwaltungsrat. Burkard prägte den oft zitierten «Sika-Spirit», der die Mitarbeiter in den Mittelpunkt aller Tätigkeiten stellt.

Montag, 27. Januar. Erneut lädt Sika zu einer Medienkonferenz nach Zürich. Paul Hälg präsentiert ein Gutachten des Aktienrechtlers Prof. Peter Nobel. Laut Sika-Statuten darf der VR die Stimmkraft eines Aktionärs auf 5 Prozent begrenzen. Einzige Ausnahme: die SWH aufgrund ihrer Verbundenheit zur Firma. Nobel stellt sich nun auf den Standpunkt, dass die SWH und Saint-Gobain eine feindliche Gruppe bilden. Der Sika-VR beschneidet deshalb die SWH-Stimmen. Die Burkards toben, sprechen von Enteignung und Machtmissbrauch.

«Innovativ», «gewagt» bezeichnen unabhängige Juristen die Argumentation Nobels. Man zweifelt, ob sie rechtlich standhält. Burkards wollen Klarheit. Sie gelangen ans Zuger Kantonsgericht.

Sika verlegt in den 60er-Jahren den Konzernsitz nach Baar. Ab 1990 entwickelt sich Sika zum florierenden globalen Konzern. Aktionäre aus dem In- und Ausland beteiligen sich an der Wachstumsperle. Romuald Burkard schützt seine Firma vor feindlicher Übernahme mit einer dualen Aktienstruktur; die Stimmrechtsaktien der Familie vereint er in der SWH. 1998 führt er die Opting-out-Klausel hinzu.

Die folgenden Jahre zeigen: Keines der Kinder kann sich für Sika begeistern. Der ältere Sohn Urs lernt Schreiner, wird Innenarchitekt. Die Berufe der Töchter: Näherin, Krankenschwester, Kindergärtnerin. Aus dem jüngeren Sohn Fritz, der Ökonomie studierte, will der Patron einen Unternehmer machen. Der damalige CEO Walter Grüebler nimmt sich als «Götti» der Aufgabe an. Fritz Burkard tritt 2001 in die Firma ein. 2012 verlässt er Sika auf eigenen Wunsch. Er habe als Leiter des Italiengeschäfts die Budgets nicht erreicht, heisst es. Der erhoffte Sitz im Verwaltungsrat bleibt ihm verwehrt.

Zwischen der Familie und der Sika-Führung brodelt es zunehmend. Seit dem Tod des Vaters 2004 fehlt eine Persönlichkeit, die der erstarkten Eigendynamik der Manager entgegenhält. Die Mutter füllt das Vakuum, indem sie zum Management hält. Die Kinder gehorchen ihr. Doch nach dem Tod von Franziska Burkard-Schenker im Dezember 2013 brechen die Dämme.

Die Sika-Chefs bauen neben der juris­ti­schen Verzögerungstaktik eine zweite Abwehr auf. Sie sammeln Verbündete. Innert weniger Wochen unterstützen über 50 Prozent der Aktionäre den VR – darunter Pensionskassen, die Ethos-Stiftung, eine Gruppe von Ex-Sika-Mitarbeitern sowie mächtige angelsächsische Investoren; allen voran Bill Gates. Die Stiftung des Microsoft-Gründers hat einige Millionen in die Baarer Firma investiert. Bill Gates gibt dem Widerstand ein medienwirksames Gesicht.

Mit seiner Strategie geht der Sika-VR aber ein hohes Risiko ein. Die Kosten für Juristen, Berater und PR-Leute steigen. Pierre-André de Chalendar befürchtet einen nachhaltigen Schaden für Sika. Der Franzose erinnert: «Der Vertrag ist besiegelt», und verspricht, «wir schliessen keine Werke in der Schweiz.» Er verweist auf seine erfolgreichen hiesigen Tochterfirmen wie Sanitas Troesch oder Isover.

Schikane, Mobbing, Missachtung– die Vorwürfe der Burkards an den Verwaltungsrat sind happig. «Die Sika-Chefs haben die Familie wie Kleinkinder behandelt», sagt ein beteiligter Jurist. Im Interview mit unserer Zeitung beklagt sich Urs Burkard über seine VR-Kollegen: «Einige spielten sich mehr und mehr auf, als ob die Firma ihnen gehörte.» Paul Hälg kontert: «Die Familie hätte uns abwählen können, statt gleich die ganze Firma an Saint-Gobain zu verkaufen.»

Die Tragik ist nicht von der Hand zu weisen: So erfolgreich Paul Hälg, Jan Jenisch und ihr Vorgänger Walter Grüeb­ler Sika führten, so sehr versagten sie in der heiklen Aufgabe, die Familie, die kraft ihrer Geburt und des Gesetzes über ihnen steht, zufriedenzustellen.

23. März. Vor Kantonsgericht blitzt die Familie Burkard ab. Der Kantonsrichter hält es nicht für dringlich, eine mögliche Stimmrechtsbeschränkung zu beurteilen. Er verweist die Parteien auf den ordentlichen Verfahrensweg. Will heissen: Die GV soll durchgeführt werden. Ist eine Partei mit einem Entscheid nicht einverstanden, kann sie ihn gerichtlich anfechten. Die Sika-Chefs jubeln, die Burkards schmollen. Mit dem Entscheid ist der Verkauf zwar nicht vom Tisch, er kann aber mit juristischen Mitteln mehrere Jahre verzögert werden. Der Richter warnte jedoch die Sika-Chefs. Entsteht der Familie Burkard ein Schaden, können die Manager privatrechtlich zur Verantwortung gezogen werden.

Das nächste Kapitel der Sika-Saga wird am Dienstag an der GV in der Baarer Waldmannhalle geschrieben. Der VR kann nicht mehr zurückrudern. Er wird die SWH-Stimmen beschränken. Auch die Burkards geben nicht nach. Sie sind umgeben von teuren Anwälten, die gut verdienen, wenn der Streit andauert.

Das Unternehmen, das Kaspar Winkler mit harter Arbeit und unermüdlichem Einsatz aufbaute, ist zum Eldorado der Juristen und Berater geworden.

Das Bild zeigt Mitarbeiter der Kaspar Winkler & Co., die 1942 ein firmeneigenes Transportfahrzeug mit Dachpappe beladen. Das Holz im Vordergrund diente zur Befeuerung der Bitumenöfen. (Bild: Sika-Jubiläumsschrift)

Das Bild zeigt Mitarbeiter der Kaspar Winkler & Co., die 1942 ein firmeneigenes Transportfahrzeug mit Dachpappe beladen. Das Holz im Vordergrund diente zur Befeuerung der Bitumenöfen. (Bild: Sika-Jubiläumsschrift)