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BAHNWERK: SBB planen Umzug: Bis zu 400 Arbeitsplätze in Bellinzona gefährdet

Die SBB werden ihre historischen Werkstätten von Bellinzona wohl an einen neuen Standort zügeln. Auch Arbeitsplätze werden reduziert. So könnten 200 der 400 Stellen wegfallen. Die Belegschaft ist in Aufruhr.
Das Industriewerk Bellinzona soll verlegt werden. (Bild: Andreas Bodmer (Bellinzona, 13.04.2012))

Das Industriewerk Bellinzona soll verlegt werden. (Bild: Andreas Bodmer (Bellinzona, 13.04.2012))

Fast zehn Jahre nach dem historischen Streik im Industriewerk (IW) von Bellinzona stehen die Reparatur- und Unterhaltsstätten der SBB erneut in den Schlagzeilen. Grund ist dieses Mal nicht eine Schliessung des Werks, sondern eine Verlegung. Die Rede ist von einem neuen Standort in Castione, wenige Kilometer nördlich von Bellinzona, und Investitionen von 350 Millionen Franken, mit einer Beteiligung des Kantons Tessin in Höhe von 100 Millionen Franken.

Für Aufregung sorgt dabei vor allem die Perspektive, dass die Zahl der Arbeitsplätze von heute 400 auf weniger als 200 reduziert werden könnte. «Das entspricht nicht den Vereinbarungen, die wir nach dem Streik von 2008 getroffen haben», empört sich Gianni Frizzo, der damalige und mittlerweile pensionierte Streikführer. Die Sozialisten im Stadtparlament von Bellinzona fordern gar eine Sondersitzung zu den «Officine».

Zur Erinnerung: Am 7. März 2008 hatte SBB-Cargo-Chef Nicolas Perrin die schrittweise Verlagerung des Lokunterhalts nach Yverdon bekanntgegeben. Es folgte ein 33-tägiger Streik der 430 Angestellten, der Geschichte schrieb. Die SBB nahmen ihre Pläne schliesslich zurück.

Dienstleistungszentrum Altdorf als Vorbild

SBB-Chef Andreas Meyer hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass seiner Meinung nach der Standort des IW-Bellinzona besser genutzt werden könnte. Das mehr als 100000 Quadratmeter grosse Terrain befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof Bellinzona. Im Rahmen der «Gesamtperspektive Tessin», einem regionalen Entwicklungsplan, streben die SBB neue oder zusätzliche Nutzungen an. Vorbild könnte etwa ein Gewerbe- und Dienstleistungszentrum sein, wie es in Altdorf entsteht.

Jürg Stöckli, Leiter SBB Immobilien, hat die Ideen in der Kolumne «Unterwegs» im SBB-Intranet auf den Punkt gebracht: «Das Areal des Industriewerks (IW) Bellinzona soll umgenutzt werden und sich zu einem Stadtquartier entwickeln, wo sich Altes und Neues vereinen, wo gewohnt, gelernt, gearbeitet oder gemütlich ein Caffè getrunken wird.» Danach präzisiert er, dass die Arbeitsplätze nicht verschwinden, sondern verschoben werden, «nämlich ins modernste IW der Schweiz». Eine Option sei es, dieses auf einem geeigneten Areal in der Region zu erstellen. Gedacht ist hier unter anderem an Castione. Jüngst war aber auch vom Güterverkehrsareal in Chiasso die Rede. Tatsächlich wäre ein neues Werk sinnvoll, um in Zukunft die 200 Meter langen Gotthard-Giruno-Triebzüge oder auch die S-Bahn-Flotte warten zu können. Die SBB betonen, dass mehrere Optionen geprüft werden. Bis Mitte Dezember soll mehr Klarheit herrschen.

Tatsächlich finden Gespräche mit der Kantonsregierung und der Stadt Bellinzona statt. Anfang November gab es ein Treffen mit einer Delegation der Belegschaft in Luzern. Ausserdem steht ein Meeting der SBB-Spitze mit der Tessiner Deputation an den eidgenössischen Räten an. Es fällt auf: Nach den Erfahrungen von 2008 sind die SBB bemüht, Entscheide einvernehmlich mit den Behörden im Tessin abzustimmen. Die Absicht ist klar: Die Wiederholung eines Streiks soll tunlichst vermieden werden.

War damals eine allfällige Verlegung des Werks noch kein Thema, ist dies mittlerweile sogar in der politischen Führung von Bellinzona salonfähig. Stadtpräsident Mario Branda (SP) sagt: «Diese Möglichkeit darf nicht länger tabu sein.» Wichtiger als der Standort sei der Erhalt der Arbeitsplätze im Tessin.

Gerhard Lob, Bellinzona

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