BANK WEGELIN: «Man wird schnell persona non grata»

Eine Klagedrohung reichte, und die älteste Privatbank der Schweiz war zerschlagen. Hat deren Geschäftsführer Konrad Hummler die Entschlossenheit der USA unterschätzt?

Interview Kari Kälin
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Konrad Hummler: «Wer hierzulande in eine problematische Situation gerät, wird sehr häufig und sehr schnell zur persona non grata.» (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Konrad Hummler: «Wer hierzulande in eine problematische Situation gerät, wird sehr häufig und sehr schnell zur persona non grata.» (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Konrad Hummler, in einem Interview mit der «Weltwoche» haben Sie im Juli gesagt: «Das Einzige, was zählt, sind ein paar wenige Freunde. Mehr nicht.» Haben Ihnen Leute den Rücken gekehrt, nachdem die USA die Bank Wegelin ausgeknipst haben?
Konrad Hummler: Das ist eindeutig der Fall. Ich präsidierte zuvor die Vereinigung der Schweizerischen Privatbankiers und war Verwaltungsratspräsident der NZZ-Gruppe. Sowohl Branchenkollegen als auch Kollegen des NZZ-Verwaltungsrats wandten sich unter dem Eindruck der US-Klage gegen die Bank Wegelin von mir ab.

Geht die Schweiz unversöhnlich um mit erfolgreichen Personen, wenn Sie an einem bestimmten Punkt in ihrem Leben einen kapitalen Fehler begehen? Sie mussten Häme einstecken, weil die Bank Wegelin, die älteste Privatbank der Schweiz, unter ihrer Ägide an die Wand gefahren wurde.
Hummler: Ich hätte nichts anderes erwarten dürfen. Schliesslich nahm ich nie ein Blatt vor den Mund, wenn ich meine Meinung kundtat. Das löst Gegenreaktionen aus. Bei der mitunter hämischen Kritik, die sich über mich ergoss, handelt sich um ein typisches schweizerisches Phänomen. Tritt ein Problem von aussen an uns, mangelt es der Schweiz an einer Immunreaktion. Dafür zeigt sie eine übermässige Autoimmunreaktion gegen innen.

Das heisst?
Hummler:
Wer hierzulande in eine problematische Situation gerät, wird sehr häufig und sehr schnell zur persona non grata. Dabei ist die Schweiz meiner Ansicht nach zu klein, als dass sie es sich leisten kann, Personen, die in einer bestimmten Lebenssituation in Bedrängnis geraten, vom öffentlichen Leben auszuschliessen. Ein Land mit acht Millionen Einwohnern hat ein beschränktes Potenzial. Da müsste die Schweiz mehr Sorge tragen...

...zu gestrauchelten, aber talentierten Köpfen wie Ihnen?
Hummler
: Das haben Sie gesagt. Wir haben nicht ein unerschöpfliches Reservoir an möglichen Kaderleuten. Das ist ein äusserst knappes Gut. In den USA ist das ganz anders. Als Ökonomiestudent in einer New Yorker Universität lief ich bei wissenschaftlichen Workshops immer wieder auf. Man erhielt aber immer eine nächste Chance.

Eine argumentative Niederlage in einem Uni-Workshop ist doch nicht mit der Auslöschung eine Bank zu vergleichen.
Hummler:
Nein. Aber diese Haltung widerspiegelt die Grundhaltung, dass ein Bruch in der Karriere nicht gleichsam das Verschwinden von der öffentlichen Bühne bedeuten muss.

Wer sind Ihre wahren Freunde?
Hummler:
In erster Linie natürlich meine Familie. Dann jene Freunde, die ich seit meiner Jugend kenne und die vorbehaltslos zu einem stehen, was auch immer passiert. Im Fall der Bank Wegelin sind es die persönlich haftenden Teilhaber, die extrem eng zusammenarbeiteten.

Am vergangenen Freitag haben Sie im Kloster St. Urban ein Referat gehalten. Bei einem Anlass der Stiftung «Freiheit und Verantwortung» wurde dabei der ehemalige Chef des Nachrichtendienstes Peter Regli, den der Bundesrat der nach der sogenannten Bellasi-Affäre vorzeitig in den Ruhestand versetzte, geehrt. Ist er eine Art Schicksalsgenosse?
Konrad Hummler:
Peter Regli kenne ich seit meinen Militärzeiten (Hummler erreichte den Grad eines Obersts, Anm. d. Red). Er war mein Lehrer in der Generalstabsschule. Er brachte uns das Verfahren der Lagebeurteilung beibrachte. Regli war ein begnadeter Nachrichtenoffizier. Ich schätze seine Fähigkeiten enorm.

Wenn Sie das Rad der Zeit zurückdrehen könnten: Was würden Sie im Geschäftsführer der Bank Wegelin anders machen?
Hummler:
Diese Frage kann ich nicht beantworten. Wir haben vor dem New Yorker Gericht im Rahmen unseres Schuldbekenntnisses eine Erklärung abgegeben, dass wir diesen Fall nicht kommentieren werden. Wir sind gegenüber den US-Behörden zu Verschwiegenheit verpflichtet.

Wenn wir den Einzelfall beiseite lassen, bleibt die Tatsache, dass die USA massiven Druck nicht nur auf ihr früheres Institut, sondern auf die Schweizer Banken generell ausüben. Haben Sie die Gefahr, dass die USA unser Rechtssystem, bei dem Steuerhinterziehung kein Straftatbestand ist, nicht tolerieren, unterschätzt?
Hummler:
Die Territorialität des Rechts spielt eine abnehmende Rolle, internationale Standards – wer immer sie erlässt oder durchsetzen kann – nehmen Überhand. Eine solche Entwicklung konnte ich mir fast nicht vorstellen, aber sie hat sich so ergeben – mit der ganzen Problematik, die sich damit für Kleinstaaten wie die Schweiz ergeben.

Hätten Sie das Unheil für Ihre Bank nicht kommen sehen können? In einem Interview mit der «Zentralschweiz am Sonntag» sagten Sie vor vier Jahren, eine der Realitäten der Welt sei, dass die USA unendlich viel mächtiger seien als die Schweiz.
Hummler:
Diese Aussage würde ich heute uneingeschränkt wiederholen. Ich habe es unterdessen am eigenen Leib erfahren. Auf der anderen Seite müssen wir objektiv bleiben. Wir nehmen auch an vielen amerikanischen Errungenschaften teil. Die Benutzung amerikanischer Systeme – das Internet etwa stammt aus den Zeiten des Kalten Krieges – birgt aber das Problem, dass eine relative Unselbstständigkeit eine Reihe von Nachteilen mit sich bringt.

Zum Beispiel, dass die USA mit aller Härte Steuersünder verfolgen, was in der Schweiz nicht der Fall sind.
Hummler:
Es handelt sich um unterschiedliche Rechtsauffassungen. Und die USA setzen ihre durch.

Die USA zwingen uns das Fatca-Abkommen auf, womit sie Zugang zu den Daten von sämtlichen Personen erhalten, die in den USA steuerpflichtig sind.
Hummler:
Fatca ist nur ein Bespiel unter vielen. In weiten Kreisen stösst die Anmassung, dass ein Staat irgendwo auf der Welt Daten über irgendetwas erheben kann, auf keinen nennenswerten rechtlichen Widerstand. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass das Territorium an Bedeutung eingebüsst hat und dass die Datenherrschaft bei mächtigen Staaten angelangt ist. Kurzum: Wir sind alle Amerikaner.

Ein deprimierender Befund.
Hummler:
Ich werte nicht. Ich mache eine Feststellung, die mir selbstverständlich Sorgen bereitet. Ob es sich um unsere Flugdaten oder E-Mails handelt: Die Geheimdienste erheben einen veritablen Datenberg. Wir werden als Individuen Teil eines anderen Machtsystems, das einer demokratischen und rechtsstaatlichen Kontrolle komplett entzogen ist. Die Auswirkungen davon können wir noch nicht abschätzen.

Wie geht es Konrad Hummler heute?
Hummler:
Zunächst möchte ich festhalten: Die 18 Monate, in denen wir das Megaproblem mit der Klage gegen unsere Bank bereinigt haben, waren enorm anspruchsvoll. Heute ist der Fall in jeder Hinsicht abgeschlossen. Die Bank wurde in geordneten Bahnen an Raiffeisen verkauft. Niemand verlor seine Stelle. Der Deal war für uns hart aber tragbar. Befriedigend ist, das Problem innert Rekordzeit mit unglaublich intensiver Arbeitszeit zu lösen.

Was tun Sie?
Hummler:
Ich schreibe wieder. Meine neue Publikation heisst «Bergsicht». Sie steht in der Tradition der Anlagekommentare. Ich befasse mich eingehend mit den Finanzmärkten, mit der internationalen Politik, mit den Regulierungen. Durch meine neue Tätigkeit sorge ich dafür, dass ich intellektuell nicht vorzeitig in den Ruhestand trete. Ich verkaufe die Inhalte. Man kann Sie auch im Internet gegen Bezahlung lesen – «paid content» also.

Wollen Sie als Nicht-Mehr-NZZ-Verwaltungsratspräsident der Medienbranche vorführen, wie man Online-Beiträge erfolgreich vermarktet?
Hummler
: Ich will selber herausfinden, ob dies funktioniert. Bis jetzt klappt es. Ich bin überzeugt, dass die Medienhäuser früher oder später einen Weg finden werden, ihre Inhalte via Internet gewinnbringend zu verbreiten. Bis jetzt hat nur noch niemand das geeignete Modell gefunden.

Wie viele Abonnenten haben Sie?
Hummler:
Das verrate ich nicht. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir innert nützlicher Frist die Gewinnzone erreichen.

Woher der Name Bergsicht?
Hummler:
Ich mag ambivalente Ausdrücke. Man kann von einem Berg hinunterschauen. Man kann aber zum Berg hinaufsehen. Der Name widerspiegelt meine Erfahrung, die ich beim Verfassen von Beiträgen über die Finanzmärkte und Finanzkrise gemacht habe. Wer glaubt, er sei im Besitz der besseren Meinung und der besseren Prognose als andere, der liegt total falsch. Wer sich nicht eingesteht, dass er gleichzeitig an den Berg hinaufsieht und von ihm herunterschaut, der der hat seinen Beruf verfehlt.

Bereitet es Ihnen Mühe, dass Ihre Bergsichten weniger Resonanz finden als die Anlagekommentare?
Hummler:
Nein. Ich weiss, wen ich damit erreiche. Das ist mindestens so viel wert wie eine grosse Verbreitung. Zudem zwingt mich die neue Publikation, meine Gedanken periodisch zu ordnen.

Sie betreiben eine Art Selbsttherapie zur Verarbeitung einer schwierigen Zeit?
Hummler:
Genau. Schreiben ist ohnehin Selbsttherapie und Narzissmus (lacht).

Sie haben in Ihrem Referat in St. Urban die Frage gestellt, wie die Schweiz einen Neid-Tsunami begegnen kann. Werden wir tatsächlich von einer Missgunst-Welle, in Form von aussempolitischem Druck, überrollt?
Hummler:
Mein Befund orientiert sich an den Fakten. Wir sind das Land mit der höchsten Wettbewerbsfähigkeit, haben eines der höchsten Bruttoinlandprodukt pro Kopf, eine tiefe Arbeitslosigkeit und eine hohe Lebensqualität. Ob gewollt oder ungewollt: Wir stehen anders und besser da als die umliegenden Länder. Dieser Erfolg liefert den Stein des Anstosses. Das haben wir in den letzten Jahren gespürt. Die Frage lautet: Welche Strategie soll der Klassenbeste entwerfen, um seine Stellung zu halten?

Was schlagen Sie vor?
Hummler:
Der Klassenbeste kann sich entweder fast liebedienerisch nach unten nivellieren, oder er macht seine Qualitäten für andere nutzbar. Die Schweiz muss eine bewusste Wahl zwischen diesen strategischen Optionen treffen. Ich bin überzeugt, dass die Schweiz als sehr globale, offene Plattform die besten Chancen hat, ihre Stärken in einem internationalen Kontext einzubringen. Durch einen hohen Grad an Regulierung zum Beispiel hat die EU nichttarifäre Handelshemmnisse geschaffen. Damit schadet sie sich selbst. Die Schweiz sollte versuchen, sehr bewusst andere, globalere Standards zu setzen.

Vor einigen Jahren hätte in der Schweiz kaum jemand prophezeit, dass das Bankgeheimnis so rasch bröckeln würde und alles in Richtung automatischer Informationsaustausch (AIA) laufen würde. Reagieren wir panisch auf äusseren Druck, knicken wir zu früh ein?
Hummler:
Wir haben zu unklare Vorstellungen darüber, wer wir sind und was wir überhaupt wollen. Aus diesem Grund kann man nur schwerlich sagen, ob die Schweiz zu schnell nachgibt oder nicht. Wie stellt sich die Schweiz ihre Zukunft vor? Über diese Frage müssen wir uns zuerst selbst vergewissern. Derzeit herrscht eine diffuse Situation. Für das Inland gilt: Das Bankgeheimnis ist nicht Sache der Banken, sondern der Bürger. Es stellt sich die grundsätzliche Frage: Wen geht es überhaupt etwas an, was für Bestände sich auf meinem Konto befinden und welche Transaktionen damit in meinem Vermögen gemacht werden? Bei unserer rekordtiefen Steuerhinterziehung stellt sich das fiskalische Problem ja gewiss nicht.

Werden parallel existierende Rechtsordnungen noch toleriert? Wie kann sich die Schweiz hier behaupten?
Hummler:
Das wird mit Sicherheit schwieriger. Ich befürchte, dass sich mit der weltweiten Rechtsharmonisierung doppelte Standards für die Mächtigen und die Kleinen etablieren könnten. Das internationale Völkerrecht schützt uns leider nur sehr bedingt. Wir hatten unsere Doppelbesteuerungsabkommen mit anderen Staaten. Doch faktisch hatten sie keine Bedeutung.