Arbeitslos im Alter
Bankerin, 55, auf dem Abstellgleis: Doch sie gibt nicht auf

Jsabella Kiràly verlor vor drei Jahren ihre Stelle und schafft es seither nicht mehr auf den Arbeitsmarkt. Aber einfach mit dem Schicksal zu hadern, ist nicht ihr Ding.

Rebecca Wyss
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Jsabella Kiràly weibelt für ihr Anliegen bei den Behörden.

Jsabella Kiràly weibelt für ihr Anliegen bei den Behörden.

SEVERIN BIGLER

Mit dem Bewerbungsdossier von Jsabella Kiràly könnte man jemanden mit einem Schlag erledigen. Alleine der Lebenslauf erstreckt sich über vier Seiten. Vier Seiten, die eine über dreissig Jahre aufgebaute Karriere in der Finanzbranche beschreiben. Vier Seiten geballte Kompetenz.

Das Profilfoto sagt schon alles: Es zeigt eine Business-Frau im faltenfreien Hemd und Blazer mit gebändigten schwarzen Locken und dezentem Schmuck. Eine, die lächelt, und es wirkt nicht mal gestellt, sondern warm, einladend. All das nützt ihr nichts.

Seit fast drei Jahren ist die 55-Jährige arbeitslos, verschickt Bewerbung um Bewerbung. Und immer wieder heisst es Nein. Sie zählt die Absagen nicht mehr. «Das würde mich deprimieren», sagt sie in ihrer Wohnung in einem Berner Aussenquartier. Dort lebt sie mit ihrem 33-jährigen Sohn. Der ist wieder zu ihr gezogen, weil sie finanziell am Anschlag ist.

Frau Kiràly ist ausgesteuert und lebt von 900 Franken im Monat. Trotzdem entspricht sie nicht dem Bild, das man von einer Langzeitarbeitslosen im Kopf hat: sozial isoliert, resigniert, depressiv. Sie geht gerne unter Leute, beschäftigt sich ständig. Ihre Wohnung einrichten zum Beispiel. Die Vorhänge habe sie selbst «zusammengeschnurpft», sagt sie in breitem Berndeutsch. «Früher blieb für so was neben dem Vollzeitjob auf der Bank keine Zeit.»

Burnout veränderte alles

Diese Frau also erhält jede Woche ein Bündel Absagen mit Gründen, die so abgelutscht sind, dass man sie auch als Nicht-Stellensuchende auswendig kann. Ständig entspricht sie nicht hundertprozentig dem gesuchten Profil. Passt jemand anderes ein My besser. Ist sie überqualifiziert.

Zuerst bewarb sie sich noch auf klassische KV-Stellen. Das hat sie als Jugendliche gelernt. Dann wandte sie sich an den Detailhandel. Migros, Coop, Denner – alle hat sie schon angeschrieben. «Ich hätte mich auch als Kassiererin anstellen lassen», sagt sie. Aber das interessiert in den Personalabteilungen niemanden. Nicht einmal bei denen, die an der Front täglich mit Menschen wie Jsabella Kiràly zu tun haben: das Sozialamt der Stadt Bern.

Dieses hatte kürzlich eine Stelle in der Administration ausgeschrieben. Als sie anrief, ermunterte man sie noch, ihre Bewerbung zu schicken. Wegen ihrer Qualifikationen, hiess es. Doch auch da bekam sie einen Korb. «Das traf mich am härtesten.» Sie, die sich mit den Sozialversicherungen und -gesetzen mittlerweile so gut auskennt.

«Ich bin allen zu alt», sagt sie. «Aber das sagt einem ja niemand.» Offiziell zumindest. Einmal steckte ihr eine Personalverantwortliche, dass die Geschäftsleitung beschlossen hat, keine über 50-Jährigen einzustellen. «Ich war froh, das zu hören.» Es war die Bestätigung ihrer tagtäglichen Erfahrung.

Vor einigen Jahren sah Jsabella Kiràlys Leben ganz anders aus. Sie war stellvertretende Bankfilialleiterin. Diese Position hatte sie sich hart erarbeitet. Zumal sie alleinerziehende Mutter war. Die Alimentenzahlungen ihres Ex-Mannes gingen für die Kinderkrippe drauf. Sie war es, die ihren Sohn durchbringen musste. Mit einem 100-Prozent-Job bei einem Arbeitgeber, der es nicht zuliess, dass sie ihren kranken Sohn pflegte. Jedenfalls nicht ohne, dass sie Ferien eingab.

Das alles hinterfragte sie nicht, bis es knallte. Monate zuvor hatte es sich schon angekündigt, sie war ständig krank, schleppte sich mit Fieber zur Arbeit. Bis sie zusammenbrach. Diagnose: Burnout. Einen Monat lang blieb sie zu Hause, schlief die Tage durch. Danach schlüpfte sie wieder in ihr Deux-Pièces und fuhr zur Bank. «Ich konnte meinen Zustand gar nicht einordnen.» Damals war die Diagnose ausserhalb von Arztpraxen unbekannt.

Ein paar weitere Jahre ging das gut. Bis 2008 die Finanzkrise den Bankenplatz aus den Angeln hob. Leute wurden entlassen und die, die blieben, mussten plötzlich viel höhere Ziele erreichen. «Es herrschte eine Sklaventreiber-Atmosphäre», sagt Jsabella Kiràly. «Mein Chef schikanierte mich so lange, bis ich nicht mehr konnte.» Sie hatte wieder eine Depression. Die letzte und die, die sie von der Arbeitslosigkeit in die Sozialhilfe und aufs Abstellgleis beförderte.

Aber einfach mit dem Schicksal zu hadern, ist nicht ihr Ding. Als «Radau-Henne», wie sie sagt, will sie denen «da oben» aufzeigen, was es heisst, mit über 50 ausgesteuert zu sein. Dem Geschäftsführer der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos), Markus Kaufmann, hat sie schon geschrieben. Genauso Alain Schnegg, dem Berner Fürsorgedirektor.

Schnegg will über 50-Jährige nicht zwingend wieder in den ersten Arbeitsmarkt eingliedern. Das schreibt er in seiner Antwort-Mail. Er will sie in staatlich geförderten Beschäftigungsprogrammen unterbringen. «Eine Möglichkeit besteht im Einsatz für die Betreuung und Begleitung älterer Menschen, die für einfache Tätigkeiten Unterstützung brauchen.»

Vom Staat enttäuscht

Als sie noch nicht ausgesteuert war, erlebte sie Ähnliches mit der Arbeitsvermittlung RAV. Diese schlug ihr vor, beim Schweizerischen Roten Kreuz einen Altenpflegekurs zu machen. Sie, die bereits acht Weiterbildungen im Finanzbereich absolviert hat. Für Jsabella Kiràly unfassbar: «Ich habe noch zehn Jahre bis zur Pension, ist es zu viel verlangt, dass ich einer Arbeit nachgehen kann, für die ich qualifiziert bin?» Und nicht acht Stunden die Woche als Putzhilfe Treppenhäuser fegen muss. Das macht sie heute, um eine Beschäftigung zu haben.

Sie hat keine andere Wahl. Auf die Unterstützung der RAV kann sie nicht mehr zählen. Und die Berner Sozialhilfe hat zwar ein Kompetenzzentrum für Arbeit, das Betroffenen unter die Arme greift, aber: «Besonders Ihre Qualifizierung macht es für das Kompetenzzentrum schwierig, Ihnen passende Unterstützung anbieten zu können», schrieb ihr dieses. Die Forderung der Skos, dass ältere Arbeitslose nicht mehr ausgesteuert werden, wäre für Jsabella Kiràly also eine Chance.

Trotzdem, die Enttäuschung bleibt: «Man vergisst, dass wir die Generation sind, die 40 Jahre lang für den Schweizer Wohlstand gearbeitet hat. Dass man uns so fallen lässt, haben wir nicht verdient.»