BARGELD: Wird die Tausendernote zum Auslaufmodell?

Die Tausendernote ist begehrt wie nie zuvor. Gleichzeitig steigt der Druck auf die Schweiz, den weltweit höchsten Notenabschnitt abzuschaffen. Kampf gegen die Terrorismusfinanzierung lautet das Totschlagargument.

Balz Bruppacher
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Wird die Tausendernote zum Auslaufmodell? (Bild Corinne Glanzmann)

Wird die Tausendernote zum Auslaufmodell? (Bild Corinne Glanzmann)

Die Zahlen sind

: Ende 2015 waren laut der soeben veröffentlichten Statistik der Schweizerischen Nationalbank (SNB) 45 213 Millionen Tausendernoten im Umlauf. Das ist ein neuer Höchststand und entspricht einer Zunahme von 11,5 Prozent innert Jahresfrist. Im Tagesdurchschnitt kamen über 12 800 Tausendernoten hinzu, wobei der grösste Sprung wie jedes Jahr im Dezember erfolgte. 1,9 Millionen neue Tausender wurden zum Jahresende innerhalb eines Monats in Umlauf gesetzt. Der längerfristige Vergleich zeigt, dass sich die Zahl der Tausendernoten innerhalb von zehn Jahren fast verdoppelt hat.

 

Entwicklung 1000er-Noten im Umlauf. (Bild: Grafik / PD)

Entwicklung 1000er-Noten im Umlauf. (Bild: Grafik / PD)

Tausendernote als Krisenbarometer

Was ist der Grund für den Boom? Experten wie der Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann bezeichnen den Umlauf der Tausendernote als Krisenbarometer. Notenhändler bei Grossbanken erinnern sich, dass sich die Nachfrage nach Tausendernoten im Herbst 2008 auf dem Höhepunkt der Finanzkrise innerhalb von wenigen Tagen verdreifacht hat.

Auf die Schweiz bezogen stachen im letzten Jahr die Aufhebung des Euro-Mindestkurses und die Einführung von Negativzinsen durch die Nationalbank als Auslöser für Krisenängste heraus. Haupttreiber für die zusätzliche Bargeldhaltung dürften die Negativzinsen gewesen sein: Darin sind sich auch Politiker wie der Zuger Nationalrat Thomas Aeschi (SVP) und die Bernerin Margret Kiener Nellen (SP) einig, die den Tausender-Boom sonst kontrovers einschätzen.

Zum Teil hohe Schwankungen

«Die Befürchtung, die Einführung eines Negativzinses löse eine Flucht ins Bargeld aus, hat sich bisher nicht bestätigt», hielt demgegenüber SNB-Präsident Thomas Jordan letzte Woche in einem Vortrag fest. Die Nachfrage nach Tausendernoten unterliege von Jahr zu Jahr grossen Schwankungen, ergänzt SNB-Sprecherin Silvia Oppliger. So habe die Schwankungsbreite beim mittleren Jahreswachstum in den letzten zehn Jahren zwischen 1,4 und 13,9 Prozent betragen. Die Gründe seien unterschiedlich.

Aus Sicht der Notenbank gilt noch immer, was der Bundesrat 2013 in der Antwort auf eine Interpellation Kiener Nellen festhielt: Dass die Tausendernote nicht nur der Wertaufbewahrung diene, sondern nach wie vor auch in bedeutendem Umfang als Zahlungsmittel verwendet werde. Untermauert wurde diese Aussage mit den Tausendernoten-Transaktionen von Banken, Post und Bargeldverarbeitern auf ihre Girokonten bei der Nationalbank. Bei einem mittleren Umlauf von 36 Millionen Tausendernoten wurden rund 22 Millionen Tausender einbezahlt und etwa 25 Millionen Scheine bezogen. Die Grössenordnung der Ein- und Auszahlungen habe sich seit 2013 nicht wesentlich verändert, sagt die SNB-Sprecherin.

Der grösste Notenabschnitt

Praktische Bedeutung hin oder her: Nicht zu übersehen ist, dass die Tausendernote in jüngster Zeit unter steigenden Druck gekommen ist. Schon immer haftete dem grössten Notenabschnitt der Beigeschmack des Lieblings der Kriminellen an. Seit dem Verzicht auf die 10 000-Singapur-Dollar-Note im Jahre 2014 ist die Schweizer Tausendernote weltweit der grösste Notenabschnitt. Wer aus welchen Motiven auch immer Bargeld verstecken will, greift deshalb am besten zur Tausendernote. Das Forschungsunternehmen Capital Economics errechnete laut einem Bericht der «Neuen Zürcher Zeitung», dass sich Tausendernoten im Wert von 732 Millionen Dollar in eine Kiste mit einem Volumen von einem Kubikmeter beigen lassen. Das ist Weltrekord und sogar mehr wert als eine gleich grosse Kiste voller Gold.

Was sich auf internationaler Ebene geändert hat, sind seit dem Aufkommen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) und den Anschlägen in Paris aber vor allem die Anstrengungen im Kampf gegen die Terrorismusfinanzierung. Experten der Europäischen Zentralbank (EZB) bereiten zurzeit mit dem Segen von Präsident Mario Draghi die Abschaffung der 500-Euro-Note vor. Diese Note wird in einschlägigen Kreisen auch «Bin Laden» genannt.

G 20 soll mobilisiert werden

Noch weiter geht der frühere US-Finanzminister und Harvard-Professor Larry Summers. «It’s time to kill the $ 100 bill» (Es ist Zeit die 100-Dollar-Note zu eliminieren), schrieb er Mitte Februar in seinem Blog für die «Washington Post». Summers plädiert für ein weltweites Moratorium beim Druck von hohen Notenabschnitten. Am besten könnte dies durch die G 20 umgesetzt werden, regte der Spitzenökonom an und verwies auf China, das den Kampf gegen die Korruption zu einer Priorität gemacht hat und das den G-20-Gipfel vom kommenden Herbst präsidiert.

Wie beurteilt man die Situation hierzulande? Noch haben die zuständigen Stellen in der Bundesverwaltung keine Anhaltspunkte dafür, dass die Banknoten und damit die Tausendernote ins Visier der G 20 geraten. Die Nationalbank ist nach Auskunft ihrer Sprecherin in internationalen Gremien bisher nicht mit Forderungen auf den Verzicht der Tausendernote konfrontiert worden. «Die SNB verfolgt aber die Diskussionen in diesem Bereich», sagt Oppliger. Die Abschaffung der Tausendernote sei für die Nationalbank jedoch kein Thema. Wie der Bund weist auch die SNB darauf hin, dass die Bestimmungen des Geldwäschereigesetzes einem allfälligen Missbrauch des Bargelds vorbeugten.

Ein Scheinargument

«Die Nachteile einer Einschränkung des Bargeldverkehrs stehen in keinem Zusammenhang zu den Vorteilen einer leicht verbesserten Terrorismusbekämpfung», sagt SVP-Nationalrat Aeschi. Das Argument der Terrorismusbekämpfung sei in diesem Zusammenhang ein Scheinargument, um die Kontrolle über die Bürger zu verstärken und den Schutz der Privatsphäre zu reduzieren. Aeschi gibt sich überzeugt, dass die Tausendernote der neuen Serie nicht gefährdet ist und voraussichtlich 2019 erscheinen wird.

Auf Neuausgabe verzichten

Ganz anders sieht dies Nationalrätin Kiener Nellen: Es wäre sowohl währungspolitisch wie auch kriminalpolitisch angezeigt, auf die Neuausgabe der Tausendernote zu verzichten und den alten Schein aus dem Verkehr zu ziehen. Die Schweiz stehe mit der hochwertigen Tausendernote exotisch da. «Sie zieht gerade dadurch noch vermehrt Bargeld aus illegalen und dubiosen Geschäftstätigkeiten an», sagt die SP-Politikerin und kündigt einen weiteren parlamentarischen Vorstoss zum Thema Tausendernote an.

Hoffnungsloses Rückzugsgefecht?

Auch wenn Experten einräumen, dass es bei der Terrorismusfinanzierung nicht um die ganz grossen Bargeldtransaktionen geht – so werden zum Beispiel die Kosten des «Charlie-Hebdo»-Attentats gerade mal auf 6000 Dollar veranschlagt –, dürfte es schwerfallen, sich einer international koordinierten Aktion gegen hohe Notenabschnitte völlig zu entziehen. Wie in anderen Bereichen (Stichwort: Bankgeheimnis und Steuerfragen) sind wohl Kosten und Nutzen abzuwägen, bevor aufwendige und unberechenbare Rückzugsgefechte eingeleitet werden. Allerdings zeichnet sich jetzt schon ab (siehe Box), dass die Emotionen hochgehen werden.

Balz Bruppacher