BAUERN: «Der Bundesrat hat keine Strategie»

Die Schweizer Landwirte hätten das Freihandelsabkommen mit China nicht zu fürchten, sagt Bauernchef Markus Ritter. Und erklärt, weshalb aus den Bauern nie Exporteure werden.

Interview Sermin Faki
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Bauernpräsident Markus Ritter an der Jahresmedienkonferenz des Schweizer Bauernverbandes. (Bild: Keystone)

Bauernpräsident Markus Ritter an der Jahresmedienkonferenz des Schweizer Bauernverbandes. (Bild: Keystone)

Herr Ritter, die Schweiz freut sich: Endlich ist richtig Sommer. Freuen sich die Bauern auch?

Markus Ritter: Ja, nach dem sehr regenreichen Frühsommer freuen wir uns auch. Der Frühling bis zum Juni war so nass wie seit 20 Jahren nicht mehr.

Jetzt ist es sehr trocken. Bringt das keine Probleme mit sich?

Ritter: Trockenheit ist das kleinere Übel als Nässe und Kälte. Wer heikle Kulturen wie zum Beispiel Gemüse hat, kann meistens bewässern. Allerdings sollte es in den nächsten sieben Tagen überall ein bisschen Regnen geben, sonst wächst das Gras nicht nach, und der Mais stockt. Vor allem der Juragürtel ist bereits sehr trocken.

Vor kurzem haben die Schweiz und China ein Freihandelsabkommen unterzeichnet. Nachdem der Bauernverband jahrelang vor einer Flut mit billigen chinesischen Lebensmitteln gewarnt hat, heisst es jetzt, das Abkommen sei harmlos. War die Aufregung umsonst?

Ritter: Bei Freihandelsabkommen stellt sich grundsätzlich die Frage, wie weit der Bundesrat Zugeständnisse bei für uns sensiblen Produkten über die bestehenden WTO-Zollkontingente hinaus macht. Tut er das, besteht die Gefahr, dass zusätzliche Mengen an Fleisch, Milch oder Getreide auf den Schweizer Markt kommen. Das wäre sehr problematisch für die Schweizer Landwirtschaft. China, das haben wir in den Gesprächen festgestellt, muss schauen, wie es seine eigene Bevölkerung ernähren kann. Export ist nicht ihr Hauptziel. Daher konnten wir jetzt eine gewisse Entwarnung geben. Allerdings gibt es noch offene Fragen zu einigen verarbeiteten Produkten.

Also wird der Bauernverband dem Parlament empfehlen, das Abkommen zu ratifizieren?

Ritter: Das wird der Vorstand Mitte August entscheiden. Ich sehe heute aber keine grosse Hürde.

Wieso dann diese Hysterie?

Ritter: Die Gefahr, dass China unseren Markt überschwemmt, war definitiv vorhanden: Nicht, weil sie zu viele Agrargüter haben und diese exportieren müssen. Sondern weil sie der Kaufkraft gefolgt wären. In der Schweiz kann man Lebensmittel nun mal teuer verkaufen. Unsere Sorge war, dass China Lebensmittel in die Schweiz verkauft, um sich Devisen zu beschaffen.

Dürfen sich Schweizer Bauern denn nun Chancen auf dem chinesischen Markt ausrechnen?

Ritter: Nicht wirklich. Wir haben aber auch gar nicht die Kapazitäten, diesen Riesenmarkt zu beliefern. Mit einem Nettoselbstversorgungsgrad von 54 Prozent schaffen wir es ja nicht einmal, den heimischen Bedarf zu decken. Wir konzentrieren uns daher auf die Versorgung der Schweizer Bevölkerung. Das Einzige, von dem wir deutlich mehr produzieren, als im Inland verbraucht wird, ist Käse.

Ausgerechnet Käse wird aber verzögert von Zollreduktionen profitieren. Hat der Bundesrat hier schlecht verhandelt?

Ritter: Nein. Die Chinesen haben immer noch die Tendenz, den heimischen Markt zu schützen. Und sie wussten genau, dass Käse das einzige interessante Exportprodukt für uns ist. Also haben sie hier gemauert. Wir bedauern dies zwar, sehen aber unsere Exportmärkte eher in Europa.

Bundesrat Johann Schneider-Ammann wünscht sich aber eine wettbewerbsfähige Landwirtschaft. Wäre Export keine Wachstumschance?

Ritter: Ich schätze Herrn Bundesrat Schneider-Ammann sehr, aber mit dieser Strategie hätten wir Probleme. Von der 1 Million Hektaren grossen Landwirtschaftsfläche in der Schweiz sind 122 000 Hektaren ökologische Ausgleichsfläche. Wenn wir für den Export mehr produzieren sollen, müssten wir die bestehende Fläche intensiver nutzen. Das wollen wir nicht. Unser Ziel ist es, nachhaltig zu wirtschaften, also eine ausgeglichene Düngerbilanz ausweisen, möglichst einheimische Futtermittel verwenden, auf das Tierwohl achten.

Damit sagen Sie, dass Produktionssteigerungen in der Schweizer Landwirtschaft nicht möglich sind.

Ritter: Nicht wenn wir ökologisch produzieren wollen. Ausser wir hätten mehr Fläche. Der Trend geht jedoch in die andere Richtig: Wir verlieren jedes Jahr 2000 Hektaren an die Siedlungsfläche und 1400 an den Wald. Angesichts dieser Zahlen bin ich schon froh, wenn wir die Kalorienproduktion in den nächsten Jahren halten können.

Sie sprechen auf die Agrarpolitik 2014–17 an, zu der der Bundesrat gerade die Verordnungen ausarbeitet. Kritiker sagen, dass dem Reformpaket auf bäuerlichen Druck hin die Öko-Zähne gezogen werden sollen.

Ritter: Das ist ganz sicher nicht der Fall. Wir haben einfach auf bestimmte Entwicklungen hingewiesen. Wir haben heute schon deutlich mehr Biodiversitätsflächen als vorgeschrieben. Deshalb müssen wir jetzt den Schwerpunkt ändern – auf die Produktion von Lebensmitteln. Schon heute besteht die Tendenz, dass Landwirte mit Beiträgen für die Steigerung der biologischen Vielfalt einen deutlich höheren Stundenlohn erwirtschaften können als mit der Produktion. Der Biodiversität noch mehr Gewicht zu geben, birgt die Gefahr, dass sich diese Tendenz deutlich verschärft – und das kann nicht sein.

Das können Sie nicht beweisen.

Ritter: Doch, das haben wir dem Bundesamt für Landwirtschaft vorgelegt. Einer der sicherlich rentabelsten Betriebe der Schweiz ist einer, der die Ökologisierung so weit als möglich ausgereizt hat. Wenn Landwirte nur noch dafür bezahlt werden, von Juni bis Oktober Ökowiesen zu mähen und sonst kaum Lebensmittel produzieren, ist das eine klare Fehlentwicklung. Wir sehen doch gerade bei der Milch, dass wir auf eine funktionierende Produktion angewiesen sind.

Die tieferen Preise – genau bei der Milch – zeigen, dass es keine Unterversorgung gibt.

Ritter: Was ist ein Nettoselbstversorgungsgrad von 54 Prozent denn dann? Was machen wir, wenn es einmal einen Engpass gibt? Der Bund hat Lager, doch die reichen für 4 oder 5 Monate. Für die Zeit danach haben wir keine Strategie!

Welche Engpässe sollten drohen?

Ritter: Vor kriegerischen Ereignissen habe ich wenig Angst. Doch die Weltbevölkerung wächst rapide, in vielen Gebieten wird das Süsswasser knapp, grosse Regionen verwüsten. Kommt dann noch ein schlechtes Erntejahr hinzu, vielleicht wegen einer Dürre, naht der Moment, an dem wir nicht mehr alle Menschen ernähren können. Länder wie China und Indien, aber auch die Ölstaaten, kaufen riesige Mengen Agrarland in Afrika und am Äquator – um im Notfall die eigene Bevölkerung zu versorgen. Wie stellt die Schweiz sicher, dass es in Zukunft genügend Lebensmittel gibt?

Die Schweiz hat eine so hohe Kaufkraft, dass wir immer an ausreichend Nahrung kommen werden.

Ritter: Das war ja lange das Rezept einiger Wirtschaftsverbände, und es sei erst noch viel günstiger, als die einheimische Landwirtschaft zu fördern. Nur: Was wir irgendwo auf der Welt kaufen, fehlt bei jemand anderem auf dem Teller. Weltweit hungern 1 Milliarde Menschen. Meiner Meinung nach haben wir die ethische Verantwortung, nur das auf dem Weltmarkt zu kaufen, was wir nicht selbst produzieren können. 2050 werden 9 Milliarden Menschen auf der Welt leben, 2 Milliarden mehr als heute. Ich mache mir Sorgen, dass wir die nicht alle ernähren können.

Was fordern Sie?

Ritter: Der Bundesrat muss aufzeigen, wie sich die Nahrungssituation in den nächsten Jahrzehnten entwickeln wird und wie die Schweiz gedenkt, damit umzugehen.

Was wäre Ihre Antwort?

Ritter: Die möchte ich ja vom Bundesrat hören. Ich persönlich habe schon mein Rezept.

Dann sagen Sie uns das doch!

Ritter: In der Schweiz selbst können wir nicht mehr viel machen. Die Landwirtschaft zu intensivieren, ist kein Weg. Meiner Ansicht nach hat der Bundesrat drei Möglichkeiten: Entweder kann er die Lagerbestände vergrössern, was aber sehr ineffizient ist. Er kann selbst in grossem Stil Land kaufen – aber Landgrabbing halte ich für moralisch sehr fragwürdig. Oder er kann drittens mit Staaten, die viel fruchtbares Land haben, eine Art Versicherung abschliessen, damit wir in der Krise von dort Nahrungsmittel kaufen können.

Welche Länder schweben Ihnen vor?

Ritter: Es müssten Länder sein, die viel Kulturland haben. Brasilien oder Frankreich wären Kandidaten. Aber wie gesagt: Diese Frage sollen die Spezialisten in der Bundesverwaltung analysieren und beantworten. Einfach warten, was passiert, reicht nicht.

Kommen wir zu einem anderen Thema: Vom Milchmarkt gibt es seit langem mal wieder positive Nachrichten. Die Preise steigen. Ein Grund zur Freude?

Ritter: Die Preiskorrektur war dringend notwendig. Ganz ungetrübt ist meine Freude aber nicht: Ich befürchte, dass der «point of no return» bereits überschritten ist.

Was meinen Sie damit?

Ritter: 58 Prozent der aktiven Milchproduzenten wollen gemäss einer Umfrage aussteigen, wenn es in den kommenden Jahren keine wirkliche Preissteigerung gibt. Das bestätigt meine Beobachtungen. Die Milchbauern melden sich an Versammlungen nicht mehr zu Wort. Man spürt eine gewisse innere Kündigung – und ich kann es ihnen nicht verdenken.

Wieso das?

Ritter: Weil der erwirtschaftete Stundenlohn in der Landwirtschaft kaum in einem Bereich so gering ist wie in der Milchproduktion. Unter diesen Bedingungen tun sich immer weniger den enormen Aufwand an, den die Milchproduktion bedeutet. Wenn die Milchbauern eine Alternative finden, um aufzugeben, dann steigen sie aus oder auf andere Produktionsformen um. Die AP14-17 wird das noch verstärken. Das muss nicht nur den Bauern Sorge machen, sondern auch den verarbeitenden Unternehmen.

Was soll das heissen?

Ritter: Nach der Abschaffung der Tierbeiträge ab 1. Januar muss der Milchpreis um mindestens 7,4 Rappen pro Liter steigen, damit der Milchbauer mit der Produktion gleich viel verdient wie heute. Wenn der Markt das nicht zahlen kann, müssen sich die Landwirte überlegen, ob sie weiterhin so viel arbeiten wollen oder auf andere Betriebszweige oder gar mehr Biodiversität setzen, die weniger arbeitsintensiv sind und höhere Arbeitsverdienste je Stunde ermöglichen. Es ist wichtig, dass jeder Landwirt diese strategischen Überlegungen anstellt. Wir sind Unternehmer, wir müssen unternehmerische Entscheide treffen.

Das heisst?

Ritter: Es wäre falsch, Durchhalteparolen für die Milchproduktion herauszugeben. Entweder ist der Markt in der Lage, Preise zu zahlen, mit denen sich die Produktion lohnt – oder aber die Bauern werden sich anderen Produkten und Tätigkeiten zuwenden.

Müssen sich die Konsumenten auf Joghurt und Butter aus ausländischer Milch einstellen?

Ritter: So weit sind wir noch nicht. Aber wenn die Milchproduktion weiterhin deutlich sinkt, wird sich die Milch den Weg der besten Wertschöpfung suchen. An der Milchwirtschaft hängt mehr als Joghurt und Butter. Zum einen der Käse – eines der einzigen Produkte, bei denen wir gute Exportchancen haben. Zum anderen ist die Milchwirtschaft so etwas wie das Sinnbild der Schweizer Landwirtschaft. Daran hängt auch sehr viel Schweizer Identität.

Was raten Sie also?

Ritter: Ich werde weder den Milchverarbeitern noch den Grossverteilern sagen, was sie tun sollen. Wir sollten aber daran denken, dass Bauern, die aus der Milchproduktion ausgestiegen sind, kaum je wieder einsteigen werden.