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Beda Stadler appelliert: «Jetzt haben die Jungen die Pflicht, die Alten zu schützen»

Die Zahl der Corona-Fälle steigt in der Schweiz derzeit stark an. Wie kann die Ausbreitung bekämpft werden und sind Grenzschliessungen angebracht? Immunologe Beda Stadler schätzt die aktuelle Lage ein.

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(mwa) Beda Stadler stellt dem Bundesrat ein gutes Zeugnis aus: Gesundheitsminister Alain Berset habe zur richten Zeit die nötigen Massnahmen ergriffen. Anders beurteilt er die Lage in den USA. «Dort sieht es himmeltraurig aus», sagt der emeritierte Professor und ehemalige Direktor des Instituts für Immunologie an der Uni Bern im «TalkTäglich» auf Tele Züri. Es sei eine massive Zunahme der Fälle zu erwarten, weil das Land zu spät auf das Corona-Virus reagiert hat.

Eine «giftige Bemerkung» richtet Stadler indes an gewisse Schweizer Politiker: «Jene Politiker, die jetzt die Grenze schliessen wollen, haben jahrelang Spitalbetten weggespart.» In seiner Aktivzeit sei der Spitaldirektor herumgegangen und habe gesagt: «In deiner Abteilung hat es zu viele Betten, du rentierst nicht.» Das sei schlimm gewesen. Stadler sagt: «Jetzt fehlen diese Betten.» Die Schweiz verfügt über 82 zertifizierte und anerkannte Intensivstationen mit 950 bis 1000 Betten. In Krisensituationen kann man weitere in Betrieb nehmen, aber nur bis zu einer gewissen Zahl Je mehr Betten vorhanden sind, desto mehr Infrastruktur und Personal braucht es.

Eine Grenzschliessung findet Stadler nicht sinnvoll. Sonst würden die Menschen einfach über die grüne Grenze kommen und gehen. Ausserdem lebe das Tessin von Grenzgängern, gerade im Gesundheitswesen. «Wir müssen dem Kanton Tessin helfen – aber nicht, indem wir ihm die Arbeitskräfte wegnehmen.»

Die älteren Menschen schützen

Covid-19 bezeichnet Stadler als «AHV-Virus». Alle Kinder und Erwachsene mit Kindern hätten so oft Corona-Virus-Infekte – sprich Erkältungen – gehabt, dass sie nun geschützt seien. Die Alten hätten die Krankheit aber «immunologisch vergessen», weshalb sie zu wenig Antikörper hätten und jetzt gefährdet seien. Stadler folgert daraus: «Jetzt haben die Jungen die Pflicht, die Alten zu schützen.» Sie müssten sich fragen: Kann ich für meine Eltern einkaufen gehen, auf einem Amt etwas erledigen? Die Kirche solle verkünden, es sei in Ordnung, wenn die Menschen am Sonntag nicht zur Messe kämen.

Eine wichtige Massnahme sei, die Angestellten im Gesundheitswesen vor Ansteckungen zu schützen. Stadler schlägt vor, dass das Pflegepersonal jeden Abend einen Corona-Test macht. Dann sehe man am nächsten Morgen, wer infiziert sei.

Kein erneuter Anstieg zu befürchten

Im Moment steigen die Zahlen der Corona-Fälle jeden Tag. Das kann beunruhigen. Sobald die Zahlen wieder sinken, sei das Schlimmste vorbei, sagt Stadler. Von einem zweiten Anstieg geht er nicht aus: «Ein zweiter Peak ist seit der spanischen Grippe bei grossen Pandemien nie mehr aufgetreten.» Und selbst wenn es ein zweites Mal komme, hätte das Virus keine Chance sich zu verbreiten, weil viele Menschen immun wären. «Man sollte mit diesem Szenario den Menschen nicht noch zusätzlich Angst machen.»

Stadler bleibt der Meinung, dass das Virus im Sommer wegen der höheren Temperaturen an Kraft verliert. Andere Experten wie der Berliner Virologe Christian Drosten gehen davon aus, dass dieser Effekt nicht zu erwarten ist. Man müsse damit rechnen, dass das Maximum der Fälle erst zwischen Juni und August auftrete, sagte er in einem NDR-Podcast. Für Stadler ist das Worst-Case-Szenario, dass der Höhepunkt in der Schweiz erst im Mai erreicht ist.

Stadler liess in der Sendung auch seinen Humor aufflackern. Der Türsteher in der Disco müsse nun nicht nur die Nicht-Schönen aussortieren, sondern auch die Alten. Er dürfe das sagen, ist Stadler überzeugt, schliesslich sei er auch Risikopatient: «Ich bin zu dick, zu alt und habe eine Lungenkrankheit.»

Den ganzen Talk mit Beda Stadler sehen Sie hier