Behörde warnt: Ab 2030 könnte der Schweiz im Winter Strom fehlen

Handelt die Politik nicht, könnte die Schweiz im Winter ein Versorgungsproblem bekommen. Dies befürchtet die staatliche Regulierungsbehörde Elcom. Sie fordert einen Ausbau der einheimischen Stromproduktion.

Lucien Fluri
Drucken
Teilen
Das Kernkraftwerk Gösgen gehört zu den grossen Stromproduzenten der Schweiz.

Das Kernkraftwerk Gösgen gehört zu den grossen Stromproduzenten der Schweiz.

Bruno Kissling

Die Schweiz könnte in wenigen Jahren Probleme mit ihrer Stromversorgung im Winter bekommen. Davor warnt die Elcom, die unabhängige staatliche Regulierungsbehörde im Elektrizitätsbereich. Es müssten rechtzeitig Massnahmen ergriffen werden, sagt nun Elcom-Präsident Werner Luginbühl.

Zum Hintergrund: Die Elcom blickt mit einer gewissen Sorge auf den Winter 2016/17 zurück. Damals importierte die Schweiz über zehn Terawattstunden Strom aus dem Ausland. Die Infrastruktur sei an die Grenzen gekommen, sagt Elcom-Geschäftsführer Renato Tami. Viel mehr Strom könne nicht importiert werden. Doch Berechnungen zeigen, dass genau dies nötig werden könnte. Für die Elcom ist deshalb klar: Soll die Versorgungssicherheit gewährleistet bleiben, muss die Winterproduktion im Inland ausgebaut werden. «Bis 2035 braucht es einen Zubau um 5 bis 10 Terawattstunden», so Luginbühl. Zum Vergleich: Das Kernkraftwerk Leibstadt produziert rund 8,8 Terawattstunden Strom pro Jahr.

Sommarugas Ausbaupläne genügen nicht

Es ist ein Warnruf an die Politik, den die Elcom losgeschickt hat. Es ist aber auch ein Schuss vor den Bug von Energieministerin Simonetta Sommaruga. Sie hat kürzlich ihre Pläne zur Revision des Energie- und des Stromgesetzes vorgelegt. Darin sind zwar Fördermassnahmen für einen stärkeren Ausbau der Erneuerbaren in den kommenden Jahren vorgesehen.

«Dieser Zubau genügt ganz sicher nicht. Er muss beschleunigt werden»,

sagt Luginbühl. Die Anreize für Investitionen genügten kaum.

Die Warnung der Elcom richtet sich denn auch vorwiegend an das Parlament, Anpassungen vorzunehmen. Wie diese genau aussehen sollen, dazu will sich Luginbühl nicht äussern. «Dies steht uns nicht zu. Dies ist Sache der Politik», sagt der frühere Berner BDP-Ständerat. Einen Vorschlag gab es dann doch: Heutige Ausbauziele sollten aus Sicht der Elcom verbindlich ins Gesetz geschrieben werden. Würden die Ziele nicht erreicht, schlägt die Elcom vor, dass der Bundesrat Ausschreibungen für den Ausbau der Stromproduktion machen muss.

Wie viel können Deutschland und Frankreich exportieren?

Derzeit steht eine Elcom-Studie kurz vor Abschluss, die die Versorgungssicherheit im Jahr 2030 analysiert. Zwar geht das wahrscheinlichste Szenario von keiner Gefährdung aus; die skizzierten Befürchtungen müssen also nicht eintreten. Die weniger positiven Szenarien seien aber «nicht unrealistisch». Je nach Szenario könnte die Stromversorgung dann mehrere Wochen «am oder jenseits des Limits» laufen.

«Wir können nicht auf Zweckoptimismus machen. Wir müssen auf Risiken hinweisen»,

sagt Luginbühl. Hinzu kommt: In der Berechnung der Elcom geht man davon aus, dass in Frankreich die Atomkraft ausgebaut werde, sodass die Schweiz genügend Strom aus dem Nachbarland importieren könnte. Ob dieser Ausbau tatsächlich kommt, dahinter setzt auch die Elcom «gewisse Fragezeichen». Und nicht nur in Frankreich ist die künftige Exportfähigkeit unsicher: In Deutschland fehlen die Leitungen, die den Windstrom aus dem Norden in den Süden bringen. Zudem hat die Coronakrise bei den Masken gezeigt, wie schnell der Exportwille in Nachbarländern schwinden kann.

Vor der grossen Herausforderung stehen wird die Schweiz, wenn Kernkraftwerke abgestellt sind. Zwar ist dafür kein fixer Zeitpunkt vorgesehen. Die Elcom rechnet mit zwei Szenarien: Erstens 2034/35, wenn Leibstadt 50 Jahre am Netz ist, und zweitens zehn Jahre später. «Der Vorteil ist: Je länger die Werke am Netz sind, umso mehr Zeit haben wir. Der Nachteil ist: Ungeplante Ausfälle könnten sich bei längerer Betriebsdauer häufen», so Elcom-Geschäftsführer Renato Tami. In beiden Fällen müsste, Stand heute, mehr Strom importiert werden. Die Photovoltaik ist in den vergangenen Jahren zwar stark ausgebaut worden – und dies ist auch weiterhin vorgesehen. Im Vergleich mit der heutigen Atomstromproduktion ist diese aber auf sehr tiefem Niveau.