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Behrings einsamer Kampf

Neuer Ärger für Dieter Behring: Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, einen Teil der veruntreuten Millionen auf einem Konto auf der Isle of Man versteckt zu haben. Der gefallene Financier sieht sich selbst als Opfer.
Henry Habegger
Dieter Behring (Mitte) wurde vom Bundesstrafgericht wegen Betrugs zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. (Bild: Gabriele Putzu/Ti-Press)

Dieter Behring (Mitte) wurde vom Bundesstrafgericht wegen Betrugs zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. (Bild: Gabriele Putzu/Ti-Press)

6679804 US-Dollar liegen auf einem Bankkonto auf der Isle of Man, dem Eiland zwischen England und Nordirland. Das Konto gehört einer karibischen Briefkastenfirma namens Keirle Company Limited. Aber wem gehört Keirle?

Hier beginnt eine seltsame Geschichte. Die Schweizerische Bundesanwaltschaft (BA) behauptet in Gerichtsdokumenten, die unserer Zeitung vorliegen: Keirle – und damit das viele Geld – gehöre dem 63-jährigen gestrauchelten Financier Dieter Behring. Alleinaktionär von ­Keirle sei «nach bisherigen Ermittlungen» zwar nicht Behring, führte die Behörde aus, sondern der Zürcher Anwalt Rudolf ­Meroni. Aber dieser halte die ­Gesellschaftsanteile «mutmasslich treuhänderisch auftrags und namens von Behring», so der ­zuständige Staatsanwalt des ­Bundes Tobias Kauer, der weiter ­mutmasst: «Mithin dürfte diese Gesellschaft wirtschaftlich gesehen in Tat und Wahrheit Behring zuzurechnen sein.» Diese Dollars seien Teil des Geldes, das Behring «mit betrügerischen Machenschaften» beiseite geschafft habe.

Gehört das Geld ehemaligen Partnern?

Bloss: Behring will von diesem Geld nichts wissen. Ihm gehöre weder die Keirle Company noch das Geld, gibt er zu Protokoll. «Mir gehört sie nicht, ich wusste bis im letzten Oktober, als mich der High Court der Isle of Man informierte, nichts von der Gesellschaft.» In Beweisanträgen, die er bei der Bundesanwaltschaft nun einreichte, hält er fest: «Vermögenswerte auf Konten des mitbeschuldigten Rechtsanwalts Meroni werden ohne weitere Überprüfungen und Abklärungen sowie ohne irgendwelche Kapitalflüsse zu rekonstruieren und ohne Beweise vorzulegen, einfach mir zugeordnet.» Die Geschichte wird noch mysteriöser. Denn es liegt noch viel mehr Geld auf dem Keirle-Konto bei der Isle of Man Bank. Geld, von dessen Existenz die Bundesanwaltschaft seltsamerweise in ihren Rechtsschriften bisher nicht spricht. ­Obwohl es Geld ist, das in ihrer Logik ebenfalls Behring gehören müsste. Es handelt sich um 77,87 Millionen britische Pfund. Oder umgerechnet rund 100 Millionen Franken. Diese Summe lag noch Ende letzten Jahres auf dem gleichen Konto mit der Nummer 40181628 bei der Isle of Man Bank. Dies stellte der High Court der Isle of Man im letzten Herbst in einer Verfügung fest.

Behring glaubt heute, dass die 100 Millionen ein Teil jener Kundengelder sind, die 2004, als sein System zusammenbrach und er inhaftiert wurde, spurlos verschwanden. Er spricht von etwa 500 Millionen, die bei fünf seiner ehemaligen Partner und Mit­beschuldigten versickert seien. Ist das so, oder gibt es eine an­dere Erklärung? Anwalt Meroni ­reagierte nicht auf wiederholte Anfragen. Es gilt die Unschuldsvermutung.

2016 wurde Behring vom Bundesstrafgericht zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, weil er zwischen 1998 und 2004 gewerbsmässig Anleger betrogen haben soll. Bundesanwalt Michael Lauber hatte den Staatsanwalt ausgewechselt und Behrings Mitbeschuldigte im Hauptverfahren laufen lassen, er nannte das «Fokussierungsstrategie». Er ­fokussierte das Betrugsverfahren auf den angeblichen Hauptsünder Behring. Für dessen mutmassliche Mittäter hatte das den Vorteil, dass sie sich nie vor ­Gericht verantworten mussten: Kürzlich stellte die Bundesanwaltschaft letzte Verfahren gegen die einstigen Mitbeschuldigten ein. Maximal gab es Strafbefehle.

Behring wirft Bundesanwaltschaft Untätigkeit vor

Viele Fragen, keine Antworten. Das Rätsel bleibt: Wem gehören die 100 Millionen auf der Insel in der Irischen See wirklich? Behring wirft der Bundesanwaltschaft vor, sie wolle das gar nicht herausfinden. In den soeben eingereichten Beweisanträgen an die Bundesanwaltschaft schreibt der ehemalige Financier, der mittlerweile in Teilzeit einem normalen Broterwerb nachgeht: Er habe in den gesamten Akten keinen Hinweis gefunden, dass die Bundesanwaltschaft versucht habe, den entscheidenden Fragen auf den Grund zu gehen. Etwa: Wann und durch wen wurde die Keirle gegründet? Woher kam das einbezahlte Kapital? Wer tätigte Bezüge auf den Konten? Wohin floss Geld ab?

Behring erklärt sich die ­«Untätigkeit» so: Wegen der von Lauber eingeschlagenen Fokussierungsstrategie dürfe es ganz einfach nicht sein, dass andere als Behring Geld zur Seite schafften. Würde dies nämlich bewiesen, fiele das gesamte Fokussierungskonstrukt in sich zusammen, und damit letztlich das Urteil gegen Behring. Weil dann bewiesen wäre, dass Behring gar nicht der Alleintäter war, zu dem ihn die Bundesanwaltschaft und das Bundesstrafgericht stempelten. Der ehemalige Börsenguru glaubt also, er sei selbst Opfer eines Betrugs geworden.

Das versucht er nun zu beweisen, in einem einsamen und ziemlich ungleichen Kampf. Der ehemalige Versicherungsagent steht seit Anfang Jahr ohne ­Anwalt da, weil sein privater Strafverteidiger Bruno Steiner schwer erkrankt ist. Behring, ein juristischer Laie, musste bereits seine Beschwerde an das Bundesgericht eigenhändig verfassen. Er hatte dafür 30 Tage Zeit, das Bundesgericht gewährte ihm ­keinen einzigen Tag Fristerstreckung.

Wenn nötig nach Strassburg

Andere hatten es da besser: Das Bundesstrafgericht unter Richter Daniel Kipfer liess sich 14 Monate Zeit, um das schriftliche Urteil zu formulieren. Gemäss Gesetz hätte es dafür zwei, maximal drei Monate Zeit gehabt. Jetzt schreibt Behring auch alle seine Eingaben selbst. Seinen Lebensunterhalt verdient er, wie er angibt, derzeit in «einem 60-Prozent-Pensum in einem kleinen Forschungsinstitut», wofür er rund 70000 Franken im Jahr erhält. Im Rest der Zeit betreibt er seine Verteidigung. Ackert Akten durch, sucht nach Fehlern und Unterlassungen der Bundesanwaltschaft, verfasst zornige Beschwerden, wenn er auf Ungereimtes stösst. Und das tut er oft.

Mittlerweile kämpft der gebürtige Solothurner auch dafür, für seine Selbstverteidigung entschädigt zu werden. Aus seinem Jahreseinkommen hat er einen Stundenlohn von 60,95 Franken errechnet. Diesen nimmt er nun als Basis für ein Entschädigungsbegehren für den Aufwand, den er hatte. 5180,75 Franken beträgt die Summe, die Behring gerne ­zugesprochen hätte. Ein Anwalt, führt er an, wäre um ein Viel­faches teurer gewesen. Aber Behring ist sich wohl bewusst, dass er auch mit diesem Begehren scheitern wird. Und dann? Als nächstes entscheidet das Bundesgericht über Behrings Beschwerde. Dieser ist entschlossen, den Entscheid wenn nötig an den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Strassburg weiterzuziehen.

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