BELLINZONA: Massenheirat im Bellinzonese

Bei einer Abstimmung in 17 Gemeinden um den Tessiner Kantonshauptort haben 13 einer Fusion zugestimmt. Zu Zwangsfusionen dürfte es nicht kommen.

Gerhard Lob, Bellinzona
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Durch die Fusion von Bellinzona mit 13 benachbarten Gemeinden wächst die Einwohnerzahl von Tessins Hauptstadt auf 42 000.

Durch die Fusion von Bellinzona mit 13 benachbarten Gemeinden wächst die Einwohnerzahl von Tessins Hauptstadt auf 42 000.

Das Projekt einer Grossfusion im Bellinzonese ist gestutzt aus der Konsultativabstimmung vom Sonntag hervorgegangen. Doch die grösste Gemeindefusion in der Geschichte des Kantons Tessin, zugleich eine der grössten schweizweit, wird gleichwohl stattfinden – auch wenn das neue Grossbellinzona nur 42 000 statt der angestrebten 52 000 Einwohner zählen wird. Detail am Rande: Dank der Zustimmung des winzigen Sant’Antonio im Morobbiatal wird Bellinzona zu einer Grenzstadt mit Italien werden.

60 Prozent sagten Ja

Die Stimmbürger in 4 von 17 Gemeinden sagten Nein, namentlich in Sant’Antonino, Arbedo-Castione, Cadenazzo und Lumino. Damit blieben immer noch 13 Gemeinden im Boot, die ihre Zukunft gemeinsam gestalten wollen. Der Ja-Stimmen-Anteil lag bei rund 60 Prozent. Neben der Kantonshauptstadt Bellinzona gehören die angrenzenden Gemeinden Giubiasco, Camorino, Sementina, Monte Carasso sowie eine Reihe kleinerer Dörfer hinzu, die sich auf beiden Seiten des Flusses Tessin befinden. Ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass die territoriale Einheit gewahrt ist. Im Norden und im Süden fehlen einfach je zwei Gemeinden des ursprünglichen Projekts, allerdings mit bedeutenden Industriegebieten – wie im Falle von Sant’Antonino und Arbedo-Castione.

SP trifft auf FDP

«Siamo belli!» stand am Abstimmungssonntag auf dem T-Shirt von Bellinzonas Stadtpräsidenten Mario Branda. Ein Slogan mit Doppeldeutigkeit: Wir sind Bellinzona – wir sind schön. Der Enthusiasmus von Bellinzonas Stadtpräsidenten, der an vorderster Front für die Grossfusion gekämpft hat, ist umso bemerkenswerter, als er als SP-Mann sein Amt im Grossbellinzona kaum wird retten können. Die umliegenden Partnergemeinden sind von der FDP dominiert. Der erste Stadtpräsident des neuen Bellinzona wird wohl ein Freisinniger sein, wenn im Frühjahr 2017 gewählt wird.

Doch so weit ist es noch nicht. Der Staatsrat, der eine Anstossfinanzierung von 52 Millionen Franken versprochen hat, muss zuerst eine Botschaft zur Fusion vorlegen. Der Entscheid liegt schliesslich beim Grossen Rat. Regierungsrat und Innenminister Norman Gobbi (Lega) will das Gespräch mit den Nein-Sagern suchen, bevor die Botschaft ausgearbeitet wird. «Die Gemeinden, die Nein gesagt haben, liegen zwar am Rande, haben aber ein hohes Entwicklungspotenzial», sagte Gobbi nach Bekanntwerden der Ergebnisse. Zu Zwangsfusionen wird es aber wohl nicht kommen.

Hoffnung auf neuen Tunnel

Im Bellinzonese hofft man, dass der Bezirk durch eine Fusion neue Impulse erhält und mittelfristig ein Gegengewicht zum Luganese und Mendrisiotto bilden kann, auch wenn deren Wirtschaftskraft nie wird erreicht werden können. Doch schon bald wird Bellinzona mit der Inbetriebnahme des neuen Gotthard-Basistunnels (Dezember 2016) die erste Alptransit-Station südlich der Alpen sein und damit näher an die deutsche Schweiz rücken. Dies will man im Rahmen der Raumplanung berücksichtigen. Zudem erhofft man sich zusätzliche Initiativen im Bereich der biomedizinischen Forschung. Ein international renommiertes Institut (IRB) ist in dieser Branche bereits tätig.

Eine der Knacknüsse für die Zukunft von Bellinzona stellen indes die SBB-Werkstätten dar, die sich an bester Lage neben dem Bahnhof befinden und dank eines Streiks 2008 landesweit bekannt wurden. Industrietechnisch sind sie heute eigentlich ein Fremdkörper an dieser Stelle mit geringen Zukunftsperspektiven. Nicht einmal kurze Triebzüge können hier gewartet werden.

Weitere Gemeindefusionen

Neben dem Bellinzonese haben sich am Sonntag auch vier Gemeinden nahe Biasca für eine Fusion entschieden. Damit setzt sich die Fusionitis von Gemeinden im Kanton Tessin fort. Zählte das Tessin im Jahr 1995 noch 245 autonome Gemeinden, so sind es mittlerweile nur noch 135. Einige Projekte befinden sich in der Umsetzungsphase, beispielsweise im Onsernonetal, wo es sogar zu einer doppelten Zwangsfusion kommt. Im Verzascatal hat das Bundesgericht einen Fusionsprozess hingegen einstweilen gestoppt, weil die Gemeinde Lavertezzo, die Fraktionen im Tal sowie in der Ebene hat, nicht gegen den Willen ihrer Einwohner geteilt werden darf. Somit überlebt einstweilen im Verzascatal noch die kleinste Gemeinde der Schweiz: Corippo. Sie zählt nur 14 Einwohner.

Gerhard Lob, Bellinzona