Berater mischen bei der Luftfahrtrettung mit – und kassieren 1,6 Millionen Franken

Deloitte hilft dem Bund beim Schnüren des Hilfspaket für Swiss und Co. Das hat einen stolzen Pries. Doch noch entscheidender ist: Wie unabhängig ist das Beratungsunternehmen, das die Lufthansa zu seinen Kunden zählt?

Sven Altermatt
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Die Coronapandemie hat das Fluggeschäft zum erliegen gebracht. Nun braucht die Swiss dringend Hilfe.

Die Coronapandemie hat das Fluggeschäft zum erliegen gebracht. Nun braucht die Swiss dringend Hilfe.

Ennio Leanza / KEYSTONE

Der Staat macht Milliarden locker, um die Coronakrise zu bewältigen. Nichts ist dabei so umstritten wie die Finanzspritzen für die Schweizer Luftfahrtbranche. Der Bundesrat hat beschlossen, Liquiditätsengpässe bei betroffenen Unternehmen zu überbrücken. Das Parlament gab dafür grünes Licht. Für die Fluggesellschaften Swiss und Edelweiss sind Kredite über 1,275 Milliarden Franken vorgesehen, für flugnahe Betriebe wie Swissport und Gategroup weitere 600 Millionen Franken. Die Kreditgarantien sind an Bedingungen geknüpft. Das Geld muss in der Schweiz bleiben, Abflüsse an Muttergesellschaften im Ausland sind nicht erlaubt. Und die Airlines müssen einen Businessplan mit harten Sparauflagen befolgen.

Bund musste Auftrag nicht ausschreiben

Geschnürt hat das Hilfspaket eine Taskforce «Luftfahrt» unter der Leitung von Serge Gaillard, dem Direktor der eidgenössischen Finanzverwaltung (EFV). Doch erst jetzt wird publik, dass die Taskforce auch auf eine gut bezahlte Beratertruppe zählen konnte: auf die Prüfgesellschaft Deloitte. Die Finanzverwaltung bestätigt entsprechende Informationen. Man habe die Berater «für eine vertiefte Prüfung der finanziellen Aspekte bei den Fluggesellschaften und flugnahen Betrieben der Schweiz engagiert», erklärt ein Sprecher.

Der Bund holte Deloitte in der zweiten Aprilwoche an Bord. 1,62 Millionen Franken kostet das Mandat den Steuerzahler. Damit Deloitte in die Kränze kam, musste sich die Firma nicht in einer öffentlichen Ausschreibung durchsetzen; obwohl das Auftragsvolumen den massgeblichen Schwellenwert von 230 000 Franken deutlich überschreitet. Der Bund vergab den Auftrag freihändig – wegen der Coronapandemie macht er eine Ausnahmeklausel geltend: Die Beschaffung sei so dringlich, dass man kein reguläres Vergabeverfahren habe durchführen können. Das Gesetz erlaubt ein solches Vorgehen bei unvorhersehbaren Ereignissen.

Zu den Details des Mandats äussert sich die Finanzverwaltung nicht. Recherchen zeigen: Deloitte durchleuchtete für den Bund einerseits die Airlines und die flugnahen Betriebe. Andererseits half die Beratungsfirma, die Eckpunkte des Hilfspakets auszuarbeiten. Dieses war umstritten – nicht nur, weil links-grüne Politiker scharfe Umweltauflagen gefordert hatten. Sondern vor allem auch, weil fast alle betroffenen Unternehmen ausländische Muttergesellschaften haben. Swiss und Edelweiss gehören der deutschen Lufthansa. Derweil befinden sich Swissport und Gategroup mehrheitlich im Besitz asiatischer Investoren.

Der Bund will die Airlines in der Luft halten, aber auch verhindern, dass ihre Konzerne profitieren. Keinen Anspruch auf Staatshilfen hat Easyjet Switzerland, befanden der Bundesrat und die Taskforce «Luftfahrt». Die Billigfluggesellschaft sollte den Liquiditätsbedarf durch ihren Mutterkonzern decken können. Offen lässt die EFV die Frage, warum der Bund ausgerechnet auf die Dienste von Deloitte zurückgegriffen hat. Ein Sprecher der Beratungsfirma erklärt bloss allgemein: «In unserer Arbeit kombinieren wir Erfahrungen aus unterschiedlichen Disziplinen mit Kenntnissen aus verschiedenen Branchen.»

Die Lufthansa ist ein Kunde von Deloitte

Die Schweizer Landesgesellschaft von Deloitte ist rechtlich selbstständig, ihr Mutterkonzern gehört dem globalen Netzwerk der Deloitte Touche Tohmatsu Limited an. An diesem beteiligt ist auch Deloitte Deutschland, und diese Gesellschaft wiederum zählt die Lufthansa zu ihren Kunden. Sie stand dem Luftfahrtkonzern bei strategischen Fragen und der digitalen Transformation bei. Nach eigenen Angaben beriet zuletzt ein über 75-köpfiges deutsches Deloitte-Team die Lufthansa auf ihrem Weg zur «führenden kundenzentrierten Airline in der Branche». Einst begleitete der Wiener Ableger von Deloitte sogar die Übernahme der – nun in Österreich ebenfalls um Staatshilfe ersuchenden – Austrian Airlines durch den Lufthansa-Konzern.

Deloitte Schweiz wirbt unter anderem mit ihrem «globalen Netzwerk», man biete «Organisationen weltweit integrierte Dienstleistungen». Fragt sich: Kommt die Beratungsfirma im Dienst des Staates an Wissen, das für die Luftfahrtkunden des Netzwerks wertvoll sein könnte? Der Bund weist dies zurück und verweist auf Vorkehrungen, die Interessenkonflikte verhindern sollen. Die Unabhängigkeit von Deloitte sei vertraglich zugesichert worden, so der EFV-Sprecher.

Gefragt nach Kundenbeziehungen aus der Luftfahrtbranche, gibt sich Deloitte Schweiz zugeknöpft. Aus Gründen der Vertraulichkeit äussere man sich nicht zu Kundenbeziehungen. Der Firmensprecher betont jedoch: «Unabhängigkeit ist für uns und unsere Kunden ein zentraler Pfeiler der Zusammenarbeit und des gegenseitigen Vertrauens.» Deshalb werde sie jeweils vertraglich festgehalten und gegenüber dem Kunden garantiert.