BERG: Bergretter: «Wanderer überschätzen sich»

Jedes Jahr finden in der Zentralschweiz 100 alpine Rettungen statt. Ein Drittel der Verunfallten erleide schwere oder tödliche Verletzungen, sagt ein Obwaldner Bergretter.

Interview Christian Hodel
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Ein Bergretter am Seil birgt einen verletzten Kletterer während einer Übung bei Schattdorf im Sommer 2005. Der Rega-Helikopter von der Einsatzbasis Erstfeld soll den Verletzten anschliessend ins Tal fliegen. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Ein Bergretter am Seil birgt einen verletzten Kletterer während einer Übung bei Schattdorf im Sommer 2005. Der Rega-Helikopter von der Einsatzbasis Erstfeld soll den Verletzten anschliessend ins Tal fliegen. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Martin Küchler, haben Sie oft schlaflose Nächte?

Martin Küchler*: Weil ich die Bilder der Verunfallten nicht aus dem Kopf kriege?

Genau.

Küchler: Nein. Das kommt selten vor. Aber einige Bilder kommen immer wieder hoch, etwa dann, wenn ich von Verletzten in der Zeitung lese. Den Anblick einer Person, die 300 Meter in die Tiefe gestürzt ist, kann man nicht so schnell vergessen.

Welcher Einsatz bleibt Ihnen am meisten in Erinnerung?

Küchler: Es war Ende der 1990er-Jahre im Melchtal. Eine damals 52-jährige Frau rutschte an einem Samstag einen Hang hinunter und blieb zwischen zwei Felsen auf einem Plateau eingeklemmt – drei Tage lang – und überlebte.

Haben Sie noch Kontakt zu der Frau?

Küchler: Von den meisten Geretteten hören wir nie wieder etwas. Die Frau aber hat sich nach zehn Jahren gemeldet, das damalige Rettungsteam ausfindig gemacht und zum Älplermagronen-Essen eingeladen.

Die Frau war damals am Wandern. Auch jetzt geht die Wandersaison wieder los – haben Sie Angst davor?

Küchler: Angst nicht. Aber der Sommer ist eindeutig die intensivste Zeit für uns. Abstürze und Stürze von Bergwanderern sind mit Abstand die häufigsten Ursachen für eine Alarmierung der Bergretter. Schweizweit passieren pro Jahr rund 1150 solcher Unfälle. Auch in Obwalden sind es jedes Jahr eine Hand voll.

Die Rega hatte 2013 mit 13 793 Flügen leicht weniger Einsätze als im Vorjahr (siehe Kasten). Wie viele Unfälle mit Beteiligung der Bergrettung gab es im vergangenen Jahr in unserer Region?

Küchler: In der Zentralschweiz gibt es pro Jahr rund 100 alpine Rettungen. Diese Zahl ist die letzten drei Jahre relativ stabil. In Obwalden haben die 72 Bergretter im vergangenen Jahr gesamthaft 682 Stunden Einsatz geleistet.

Wie können Wanderer Unfälle vermeiden?

Küchler: Es beginnt schon bei der Ausrüstung. Gutes Schuhwerk, eine Landkarte vom Gebiet sowie genügend Wasser und Essen dabeizuhaben, sind die Voraussetzungen, um Unfälle zu vermeiden. Zur Vorbereitung gehört zudem, den Wetterbericht zu studieren und sich einen realistischen Zeitplan zurechtzulegen.

Ist das nicht eine Selbstverständlichkeit?

Küchler: Leider nein. Ich habe das Gefühl, dass sich in den letzten Jahren immer weniger Wanderer genügend auf ihre Tour vorbereiten.

Warum ist das so?

Küchler: Viele Wanderer gehen heutzutage spät oder nach dem Feierabend kurz den Berg hoch. Dann merken sie, dass es zeitlich eng wird, es bereits eindunkelt. Sie nehmen eine Abkürzung und verlieren die Orientierung. Die Nachteinsätze haben wegen solcher Fälle in den letzten Jahren stark zugenommen.

Ist die mangelhafte Vorbereitung der einzige Grund, warum ein Grossteil der Unfälle von Wanderern verursacht wird?

Küchler: Nein. Bei den Wanderern habe ich das Gefühl, dass sich viele mit der Route überschätzen. Sie sind zwar bestens ausgerüstet, trauen sich aber mehr zu, als sie wirklich meistern können. Dies ist wohl eine der Folgen unserer Gesellschaft, die sich stark an Leistung orientiert.

Und dann gibt es noch jene Bergwanderer, die in Sandalen oder Flip-Flops unterwegs sind – was halten Sie von denen?

Küchler: Wir sind da, um den Leuten zu helfen. Darüber urteilen müssen andere.

Fest steht: Vielfach passieren Unfälle, weil sich Bergwanderer unverantwortlich verhalten. Für solche Personen setzen sich Bergretter einer grossen Gefahr aus.

Küchler: Unsere eigene Sicherheit hat immer oberste Priorität. Wenn sich zum Beispiel das Wetter bei der Suche einer Person verschlechtert, brechen wir diese ab.

Welche Rolle spielt die Technik bei der Suche nach Vermissten?

Küchler: Eine riesengrosse. Seit einiger Zeit können wir in Absprache mit der Polizei und unter Berücksichtigung des Datenschutzes Handyortungen durchführen. Das erleichtert viel.

Sofern die Verunfallten ein Handy dabeihaben?

Küchler: Genau. Leider kommt es immer wieder vor, dass Wanderer ohne vollen Akku losziehen oder gar kein Handy mit sich tragen. Im vergangenen Jahr haben wir drei grosse Suchaktionen durchgeführt. Zwei der drei Personen hatten kein Handy dabei.

Hätte eine Handyortung den Ausgang der Suchaktion verändert?

Küchler: Das weiss ich nicht. Klar ist: Alle drei Personen konnten nur noch tot geborgen werden.

Enden die meisten Rettungen mit toten Opfern?

Küchler: Nein. Rund ein Drittel der geretteten Personen bleibt völlig unverletzt. Weitere 30 Prozent müssen ins Spital. Die restlichen Personen ziehen sich entweder tödliche oder schwere Verletzungen zu.

Wie gehen Sie mit Todesfällen um?

Küchler: Das ist Teil meines Jobs und wird im Team angesprochen. Viel schlimmer ist, wenn wir die vermissten Personen nicht finden. Dann bleibt sowohl bei den Angehörigen als auch bei uns eine beklemmende Ungewissheit zurück.

HINWEIS

* Martin Küchler (49) ist seit 2008 Chef der Rettungsstation Sarneraatal. Seit über 20 Jahren engagiert er sich ehrenamtlich in der Bergrettung in Obwalden. Er ist selbstständiger Unternehmer, verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Die Rega will sich für schlechtes Wetter rüsten

Rettung sda. Die schweizerische Rettungsflugwacht Rega will in Zukunft auch bei schlechtem Wetter fliegen und rüstet ihre Helikopter auf das Instrumentenflugverfahren IFR um. Im vergangenen Jahr organisierte die Rega 13 793 (–1,2 Prozent) Rettungseinsätze und blieb dabei unfallfrei. Die Zahl der Gönnerschaften stieg um 59 000 auf 2,5 Millionen Gönner. Die leichte Abnahme bei den Rettungseinsätzen gegenüber dem Vorjahr bewege sich im Rahmen der zu erwartenden Schwankungen, sagte Rega-Chef Ernst Kohler gestern vor den Medien.

Schönes Wetter bringt Einsätze

Die leichte Abnahme erkläre sich laut Kohler hauptsächlich über das Wetter und das damit zusammenhängende Freizeitverhalten: Ist das Wetter schön, sind mehr Menschen auf den Pisten unterwegs.

Probleme bei Schnee und Nebel

Kopfzerbrechen bereitet der Rega jedoch nicht das gute, sondern das schlechte Wetter. Derzeit können pro Jahr rund 600 Patientinnen und Patienten wegen Nebel oder Schneefall nicht aus der Luft versorgt werden. «Das müssen wir ändern,» sagte Kohler. Als ersten Schritt schult die Rega ihre Helikopterpiloten für Flüge mit dem Instrumentenflugverfahren IFR. Damit ist es möglich, nicht auf Sicht, sondern auf Instrumentenbasis zu fliegen. Das Training absolvieren die Piloten zum grossen Teil im neuen Flugsimulator.

Zudem prüft die Rega die Anschaffung von allwettertauglichen Helikoptern. Allerdings dürfen diese nicht zu schwer sein, damit sie problemlos an Unfallstellen oder bei den Spitälern landen können.

Von den 13 793 Einsätzen, die die Rega im vergangenen Jahr organisiert hat, erfolgten 10 205 mit dem Helikopter und 1148 mit Flugzeugen. Das waren 67 weniger als im Vorjahr, dafür hat allerdings die Zahl der Flugstunden zugenommen, denn immer häufiger müssen Patienten aus weit entfernten Gegenden geholt werden. Allein nach Australien musste die Rega viermal fliegen.

sda