BERLIN: Diplomat zwitschert mit SP-Logo

Tim Guldimann gilt auf dem diplomatischen Parkett als absoluter Profi. Im Umgang mit sozialen Medien erweist er sich aber als blutiger Anfänger.

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Tim Guldimann bei einer OSZE-Pressekonferenz in Wien (Archiv) (Bild: Keystone)

Tim Guldimann bei einer OSZE-Pressekonferenz in Wien (Archiv) (Bild: Keystone)

Eva Novak

Die Berufsbezeichnung im Twitter-Account lässt keinen Zweifel offen: «Schweizer Diplomat» steht da, und «amtierender Botschafter». Im Hintergrund prangt das Bild von Tim Guldimann, der die Schweiz in Berlin vertritt und als derart versierter Vermittler gilt, dass er als Sondergesandter der Organisation für Sicherzeit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) für die Ukraine auserkoren wurde. Umso mehr staunten die Nutzer des Kurznachrichtendienstes über das Bild, unter dem der Herr Botschafter seine Botschaften abschickte. Denn was da rot und weiss aufblitzte, war nicht etwa die Schweizer Fahne. Sondern das Parteilogo der SP.

Er will in den Nationalrat

Nun hat Guldimann zwar nie ein Geheimnis aus seinen parteipolitischen Vorlieben gemacht. Und es ist seit längerem klar, dass es den mit einer deutschen «Spiegel»-Journalistin verheirateten 64-Jährigen nach seiner Pensionierung in die Politik zieht. Er will sich von den Zürchern im Herbst auf der SP-Liste als Vertreter der 700 000 Auslandschweizer in den Nationalrat wählen lassen. Am 30. Mai entscheiden die Delegierten der Zürcher SP, ob sie den Vorzeigediplomaten aufstellen und welchen Listenplatz sie ihm zugestehen wollen.

Doch bis zum 29. Mai ist Guldimann nicht Nationalratsratskandidat, sondern Botschafter der Schweiz in einer der wichtigsten Hauptstädte Europas. Einem solchen stünde es unter keinen Umständen zu, sich unter einem Parteilogo zu präsentieren, sind sich die meisten Mitglieder der Aussenpolitischen Kommission (APK) des Nationalrats einig. APK-Präsident Carlo Sommaruga (SP, Genf) will seinem Parteikollegen zwar keinen Vorwurf machen, da dieser nicht mehr lange im Amt sein werde und beteuert, dass er das auch bei einer Kandidatur für eine andere Partei nicht anders beurteilen würde.

«Unzulässige Grenzüberschreitung»

Andere Aussenpolitiker sehen es aber anders auch Sozialdemokraten, allerdings nur hinter vorgehaltener Hand. Die politische Konkurrenz spricht es offen aus, etwa der Zuger Christdemokrat Gerhard Pfister. Guldimann habe eine «unzulässige Grenzüberschreitung» begannen, womit er einer glaubwürdigen Interessenvertretung der Schweiz in Berlin schade, erklärt er. Und wundert sich: «Von einem derart intelligenten Mann hätte ich mehr politische Klugheit erwartet.» Noch deutlicher wird Christoph Mörgeli: «Der hat nicht alle Tassen im Schrank», sagt der Zürcher SVP-Vertreter. Es gehe nicht an, dass sich ein Bundesangestellter in einem sozialen Medium als Parteisoldat präsentiere. Ebenso wenig gehe es an, dass sich Guldimanns Gemahlin als politische Korrespondentin in Deutschland betätige. «Dadurch verfügt sie über Informationen, die anderen fehlen», moniert Mörgeli und kündigt an, die Sache in der APK zur Sprache zu bringen.

«Total daneben»

«Total daneben» sei des Diplomaten Verhalten, lautet der drastische Kommentar von Walter Müller. Denn: «Guldimann ist Botschafter der Schweiz, nicht Botschafter einer Partei egal ob der SP oder der FDP.» Da gebe es nur eins, so der St. Galler Freisinnige: «Er soll blitzartig damit aufhören.»

Diesen Gefallen hat ihm Guldimann inzwischen getan. Nachdem sich die «Zentralschweiz am Sonntag» beim Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) erkundigt hatte, was dieses von seinem Twitter-Auftritt halte, war das SP-Logo plötzlich verschwunden. Seitdem blickt der Botschafter höchstpersönlich mit diplomatisch-prüfendem Blick links an seinen Followern vorbei. Dabei hatte sein Arbeitgeber zumindest nach aussen hin – keine Einwände. Guldimann trete «im besagten Fall erkennbar als Privatperson auf und nicht im Namen des EDA oder der Schweizer Aussenpolitik», erklärte EDA-Sprecher Georg Farago auf die Anfrage unserer Zeitung und fügte bei, für die private Nutzung von Social Media hätten sich die Mitarbeitenden des EDA wie alle anderen Angestellten der Bundesverwaltung an den Leitfaden des Eidgenössischen Personalamtes zu halten. Dieser enthält naturgemäss keine Vorschriften über den Gebrauch von Parteilogos zur Bebilderung persönlicher Twitter-Accounts.

Sympathisant ist schuld

Guldimann selbst legt ebenfalls Wert auf die Feststellung, dass er «nichts Böses gemacht und keine interne Regel verletzt» habe. Er gelobt, bis zu seinem Abgang als Vertreter des Landes nicht öffentlich im Namen der Partei aufzutreten, «um meine jetzige Rolle als Botschafter und meine künftigen Wünsche nicht öffentlich zu vermischen». Für die Zeit danach bereite Guldimann aber seinen Auftritt in den sozialen Medien vor und lasse sich dabei «von Sympathisanten» beraten von denen einer das SP-Logo auf Twitter gestellt habe. Offensichtlich ist der Mann, der zu den «brillantesten Köpfen unseres diplomatischen Corps» gezählt wird, im Umgang mit sozialen Netzwerken spürbar weniger versiert als auf dem diplomatischen Parkett.