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BERN: Bern und sein Stinkefinger-Gate

Das Selfie eines jungen Mannes mit François Hollande sorgte beim Staatsbesuch für Aufregung. Jetzt zeigt sich: Der Stinkefinger gehört einem Angestellten der Stadtverwaltung und hatte ein Nachspiel.
Reto Wissmann
Der Berner Selfie-Knipser mit François Hollande (rechts). (Bild: Keystone/Thomas Hodel)

Der Berner Selfie-Knipser mit François Hollande (rechts). (Bild: Keystone/Thomas Hodel)

Ein Mittelfinger kann auf dem politischen Parkett manchmal ganz schönen Wirbel auslösen. Wenn zum Beispiel der griechische Finanzministers Yanis Varoufakis Deutschland den Stinkefinger zeigt, dann drehen nicht nur die Medien im roten Bereich. Der Schweiz konnte dieser kleine EU-Skandal zwar ziemlich egal sein. Doch nun hat auch Bern sein Mittelfinger-Gate.

Leibwächter greift ein

Beim Staatsbesuch des französischen Präsidenten von Mitte April schmiegte sich ein junger Mann in Trainerjacke für ein Selfie an François Hollande (60) und reckte dabei seinen Mittelfinger in die Kamera. Just in dem Moment drückte auch ein Keystone-Fotograf auf den Auslöser und hielt die Szene fest. Einen Augenblick später beendete ein Leibwächter des Staatschefs das Treiben resolut.

Das Bild war jedoch bereits im Kasten. Via Nachrichtenportale und soziale Medien verbreitete es sich im In- und Ausland rasend schnell. Hollande sei in Bern «nicht von allen freundlich» empfangen worden, berichtete etwa das «Newsnet» von Tamedia. «Le Matin» startete gar einen Zeugenaufruf und wollte den «Provocateur» ausfindig machen, der dem französischen Präsidenten den «doigt d’honneur» vor die Nase gehalten hat. In Frankreich sprach man von einer «obszönen Geste» und auf Twitter machte sich ein Magazin lustig über den «einzigen Staatschef, der lächeln kann, während ihm das Gesindel den Stinkefinger zeigt». Vergessen ging dabei beinahe, dass «François» von den Bernerinnen und Bernern auf dem Münsterplatz eigentlich sehr warmherzig empfangen worden war.

Tschäppät entschuldigt sich

Die kurze Episode hatte jedoch ein Nachspiel. Wie Recherchen unserer Zeitung zeigen, arbeitet der besagte junge Mann nämlich für die Berner Stadtverwaltung und wäre gemäss Personalreglement eigentlich gehalten, «Ansehen und Vertrauenswürdigkeit» der Bundesstadt zu wahren – auch ausserhalb seiner Arbeitszeit. Dass ein Stinkefinger-Selfie mit dem Präsidenten der Französischen Republik nicht dazu passt, merkte auch seine Arbeitgeberin.

Die Vorgesetzten hätten «in einem Gespräch mit dem jungen Mann das Fehlverhalten mit deutlichen Worten beanstandet», sagt Walter Langenegger, Informationschef der Stadt Bern. Und: Der Mann habe sich ganz klar einer Dienstpflichtverletzung schuldig gemacht und dementsprechend eine schriftliche Rüge erhalten.

Brief an Botschafter gesandt

Doch damit nicht genug: Nach dem Vorfall habe die Stadtverwaltung umgehend Kontakt mit dem Protokoll des Eidgenössischen Departements für ­auswärtige Angelegenheiten aufgenommen, um die Sachlage zu erörtern, sagt Langen­egger. Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) habe daraufhin persönlich einen Brief an den französischen Botschafter geschrieben und ihm «sein tiefes Bedauern» ausgedrückt. Der Stinkefinger belastet die diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Frankreich aber glücklicherweise nicht nachhaltig: Die französische Botschaft hat unterdessen der Stadt mitgeteilt, dass sie die Entschuldigung zur Kenntnis nehme.

«Unüberlegte Geste»

Dem Stadtangestellten selbst war es offensichtlich auch nicht mehr ganz wohl, als er feststellen musste, dass er beim Selfie knipsen selber fotografiert worden war. Nachdem das Keystone-Bild in den Medien erschienen sei, habe der Mann sofort realisiert, dass seine Geste unangebracht gewesen sei und er einen Fehler gemacht habe, so der Infochef der Stadt. Das Selfie habe er umgehend gelöscht und sich unverzüglich bei seinen Vorgesetzten gemeldet.

Zudem habe er sich mit einem Brief bei François Hollande «in aller Form» entschuldigt. Im Schreiben bedaure der junge Mann «seine gedankenlose und unüberlegte Geste zutiefst» und betone, dass er weder provozieren noch eine politische Aussage habe machen wollen. Das Eis zwischen Bern und Paris dürfte also bereits wieder geschmolzen sein.

Reto Wissmann

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