BERN: Diplomatinnen sind auf dem Vormarsch

Das Aussenministerium stellt für den diplomatischen Dienst wieder mehr Frauen als Männer ein. Der Bundesrat verzichtet aber auf eine Quote.

Tobias Gafafer
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Symbolbild Keystone / Nigel Treblin

Symbolbild Keystone / Nigel Treblin

Die Aufschrei war gross. Unter den 22 Kandidaten, die das Aussendepartement (EDA) 2012 für den Concours diplomatique engagierte, waren nur gerade vier Frauen. Der neue EDA-Vorsteher Didier Burkhalter brach mit der Frauenquote, die unter seiner Vorgängerin Micheline Calmy-Rey jahrelang die Regel war. Linke kritisierten den Entscheid, welsche Medien sprachen von einem «Massaker».

Vier Jahre später zeigt sich, dass die Suppe nicht so heiss gegessen wird, wie sie nach der Rochade im Bundeshaus West gekocht wurde. Im vergangenen Jahr rekrutierte das EDA für den diplomatischen Dienst sieben Frauen und fünf Männer, wie Sprecher Pierre-Alain Eltschinger auf Anfrage bestätigt. Also 58 Prozent Frauen. Für den Concours angemeldet hatten sich 105 Männer und 69 Frauen. Bereits in den beiden Vorjahren nahm das EDA je zehn Frauen und neun Männer auf. Und das, obwohl sich 2013 und 2014 so viele Männer wie schon lange nicht mehr beworben hatten. Der Nachholbedarf war offenkundig gross, nachdem sich unter Calmy-Rey viele nicht mehr getraut hatten. Die SP-Magistratin verfolgte eine strikte Politik der Parität, mindestens so viele Frauen wie Männer pro Jahr, lautete ihre Zielvorgabe.

Frauenanteil von 30 Prozent

Obwohl FDP-Magistrat Didier Burkhalter wenig von einer derartigen Quote hält, vollzog sein Departement faktisch keine Kehrtwende. 2012 blieb ein Ausreisser. «Das EDA hat seit 2010 eine Politik der Chancengleichheit, die beim Frauenanteil in Spitzenpositionen bis 2020 einen Zielwert von 30 Prozent anstrebt», sagt Eltschinger. Dafür sei besonders eine ausgeglichene Rekrutierung der Nachwuchskräfte entscheidend.

Mehrmals Kommission übergangen

Über die Zulassung für den diplomatischen Dienst entscheidet eine Kommission des EDA, die unter anderem aus Diplomaten und Vertretern der Wissenschaft besteht. Micheline Calmy-Rey sorgte in ihrer Amtszeit mehrmals für einen Eclat, weil sie die Empfehlungen des Gremiums überging. 2006 etwa verweigerte sie sechs Männern die Einstellung. Aus Protest verliessen mehrere Mitglieder die Kommission, darunter der frühere Ständerat Dick Marty (FDP, Tessin). Mehr noch: 2010 ermöglichte die Genferin laut Medienberichten drei zusätzlichen Frauen die Aufnahme, welche die Kommission nicht vorgeschlagen hatte. Diese Zeiten sind vorbei, die Selektion erfolgt nun ohne Nebengeräusche. Diplomatenkreise sind nicht erstaunt, dass es mehr Frauen in die Auswahl schaffen. So gibt es an den Schweizer Universitäten heute mehr Studentinnen als Studenten. Ein Hochschulabschluss ist nach wie vor Bedingung für die Teilnahme am Concours diplo­matique.

Aussenpolitiker reagieren erfreut. Sie sei sehr zufrieden, sagt Ständerätin Liliane Maury-Pasquier (SP, Genf). «Der Eclat von 2012 war ein schlechtes Signal.» Es brauche Massnahmen, um den Frauenanteil zu erhöhen. Anders sieht dies Nationalrat Gerhard Pfister (CVP, Zug). «Die Entwicklung zeigt, dass langfristig auch ohne Quote eine kompetente und ausgeglichene Vertretung möglich ist.»

Tobias Gafafer