Berset verblüfft selbst seine Gegner

Alain Berset hat sich rasch im schwierigsten Departement zurechtgefunden. Selbst seine Gegner sind voll des Lobes. Vorgänger Pascal Couchepin traut dem Sozialdemokraten noch mehr zu.

Eva Novak
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Er trifft immer den Ton: Alain Berset bei seinem Auftritt am Swiss Economic Forum in Interlaken. (Bild: Keystone/Peter Schneider)

Er trifft immer den Ton: Alain Berset bei seinem Auftritt am Swiss Economic Forum in Interlaken. (Bild: Keystone/Peter Schneider)

Für den passionierten Jazzpianisten war es alles andere als ein Heimspiel. Doch Alain Berset eroberte die Herzen der Jodlerinnen und Jodler im Sturm: Wenn mehr gejodelt würde, ginge es der Schweiz besser, meinte er vergangenen Sonntag. Er schlug vor, «mehr zu jodeln als zu googeln», und kalauerte: «Wir jodeln und klagen auf hohem Niveau.» Der frenetische Applaus zeigte, dass es der 42-jährige Innenminister einmal mehr geschafft hatte. Auch am Eidgenössischen Jodlerfest in Davos hatte Berset die richtigen Worte gefunden.

Couchepins Lob

Die gewinnende Art wird ihm in Bern längst von Freund und Feind attestiert. Welsche Journalisten nennen den politischen Shootingstar aus dem Kanton Freiburg «Monsieur Parfait». Über die Parteigrenzen hinweg gilt der Sozialdemokrat als überaus charmanter und talentierter Kommunikator. Als einer, der sich je nach Anlass staatsmännisch oder volksnah geben kann. Als Prototyp eines Konsenspolitikers, der sich perfekt in die Kollegialbehörde einfügt. Wobei er so viel von seinen Ideen durchbringt, dass einige in ihm den künftigen Leader sehen. Selbst sein Vorgänger, der nur selten Komplimente an politische Gegner zu verteilen pflegt, traut ihm einiges zu: «Dass er politisches Talent hat, hat Berset bewiesen», erklärt der ehemalige FDP-Innenminister Pascal Couchepin und schiebt nach: «Ob er auch das Zeug hat, eine grössere Rolle im Bundesrat zu übernehmen, wird sich zeigen.»

«Alain hat Politik im Blut», sagt der Freiburger SP-Nationalrat Jean-François Steiert, der Bersets Wahl in den Bundesrat orchestrierte. Der Doktor der Politik- und Wirtschaftswissenschaften stammt aus einer Politikerfamilie und hat in seinem Berufsleben stets Politik im weiteren Sinn betrieben: zuerst im Kanton Neuenburg als Berater im Wirtschaftsdepartement, seit seiner Wahl in den Ständerat, die er mit 31 Jahren als «junger Wilder» geschafft hat, auf nationaler Ebene. Manche kreiden ihm das als allzu zielstrebig an. Berset sei ein Bundesrat aus der «Retorte», dem es an Erfahrung in der realen Welt ausserhalb des Politbetriebes fehle, ist hie und da zu hören.

Die kritischen Stimmen sind aber selten. Gar so gut wie nie wird Bersets Rolle bei der Abwahl von Christoph Blocher 2007 erwähnt. Es ist zwar nicht vergessen, dass er als Teil der sogenannten «Freiburger Connection» zusammen mit dem heutigen SP-Präsidenten Christian Levrat und dem damaligen CVP-Fraktionschef Hugo Schwaller die Fäden zog. Doch selbst von SVP-Parlamentariern erhält Berset dieser Tage jede Menge Lob: «Er ist einfach ein guter Typ – darin unterscheidet er sich von anderen Bundesräten», urteilt etwa der Zürcher Nationalrat Jürg Stahl.

Geschickter Taktiker

Zu einem regelrechten Hohelied setzt Martin Baltisser an. Der SVP-Generalsekretär lobt Bersets Intelligenz ebenso wie sein taktisches Geschick und sein Gespür für Politik. Der SP-Magistrat habe sich mit den richtigen Leuten umgeben und verfolge mit ihnen zusammen eine langfristige Strategie. Zuerst höre er alle Seiten an, um am Ende die eigene Linie hart durchzuziehen. «Er ist eine bemerkenswerte Persönlichkeit – für uns ein ernst zu nehmender Gegner», lautet Baltissers Fazit. «Es wäre gefährlich, Berset zu unterschätzen», pflichtet der Zuger CVP-Nationalrat Gerhard Pfister bei: «Er kommt zwar charmant daher, ist aber ein beinharter Ideologe.»

Wobei er keine Berührungsängste gegenüber Parlamentariern und Strategen anderer Parteien kennt. So trifft sich der SP-Bundesrat alle paar Sessionen mit der SVP-Spitze zum «Austausch in angenehmem Klima», wie es Baltisser nennt. Auf diese Art lotet Berset regelmässig die Befindlichkeiten und Stimmungen aus und sichert sich Sympathien. «Wir schätzen diesen Austausch sehr», berichtet CVP-Generalsekretärin Béatrice Wertli. Und dass der Vater von drei Kindern zwischen sieben und zwölf Jahren in der Reform der Altersvorsorge auf einen «pragmatischen Mittelweg», so Wertli, setzt.

Plan B bei Altersvorsorge 2020?

Mit diesem Lob steht die CVP allein auf weiter Flur; von rechts und links wurden die Vorschläge Bersets zur «Altersvorsorge 2020» zerzaust. Unter der Bundeshauskuppel wird seitdem gerätselt, ob Berset bewusst ein Scheitern der Reform in Kauf nehme, um danach einen Plan B aus dem Hut zu zaubern. Gesundheitspolitiker wiederum fragen sich, wie Berset den Spagat im Abstimmungskampf zur Initiative für eine Einheitskasse schaffen will, bei dem er gegen seine Partei antreten muss. Bisher habe er sich gut geschlagen, nun stehe die Nagelprobe an, sagt der Zuger FDP-Ständerat Joachim Eder. Und lässt durchblicken, dass er es Berset durchaus zutraut.

Unbestritten ist die rasche Auffassungsgabe des Westschweizers. Zweieinhalb Jahre nach Übernahme des Amtes kenne er auch die schwierigsten Dossiers gut, heisst es in Politik und Verwaltung. Dazu hat es einen regen Austausch mit den Spezialisten in den Ämtern gebraucht, worüber bei diesen nicht nur eitel Freude herrscht. Anders als seine beiden freisinnigen Vorgänger lässt sie der ehemalige Mittelstreckenläufer Berset nicht an der langen Leine. Er hat monatliche Treffen mit den Ämtern eingeführt, an denen jeweils die aktuellen Dossiers besprochen und Entscheide gefällt werden. Das hat zwar den Vorteil, dass die Fachleute den obersten Chef regelmässig persönlich treffen und ihre Sichtweise einbringen können. Doch es artet auch in Arbeit aus – was dazu führt, dass Alain Berset zumindest im eigenen Departement nicht alle Herzen zufliegen.

Er trifft immer den Ton: Alain Berset bei seinem Auftritt am Swiss Economic Forum in Interlaken. (Bild: Keystone / Peter Schneider)

Er trifft immer den Ton: Alain Berset bei seinem Auftritt am Swiss Economic Forum in Interlaken. (Bild: Keystone / Peter Schneider)